Abschiedsparade in Wünsdorf für die russischen Truppen am 11. Juni 1994 © Fabrizio Bensch/Reuters

Am Ende wäre es beinahe noch schiefgegangen. Zumindest war es unfassbar peinlich, wie Boris Jelzin den Taktstock des Polizeiorchester-Chefs schnappte und drauflos dirigierte. Wer den betrunkenen russischen Präsidenten sah, hat die Bilder nie vergessen: Eberhard Diepgen, damals Berlins Bürgermeister, wusste nicht, wohin er gucken sollte. Bundeskanzler Helmut Kohl lächelte gequält.

Das alles geschah am 31. August 1994 in Berlin. An jenem Tag, an dem die letzten ehemals sowjetischen Truppen Deutschland verließen. Zuvor hatte Matwej Burlakow, seit 1990 Oberkommandierender der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, seinem Präsidenten förmlich mitgeteilt: "Ich melde: Der zwischenstaatliche Vertrag über die Bedingungen des befristeten Aufenthalts der russischen Truppen und die Modalitäten des Abzugs ist erfüllt." Er hätte auch das Wort "vorfristig" einfügen können, denn die "Russen" verließen Deutschland vier Monate eher als geplant.

Dass es dazu überhaupt kam, grenzte an ein Wunder. Denn in den knapp vier Jahren des Abzugs ging die Sowjetunion unter – und in Moskau wurde zweimal geputscht, 1991 gegen Gorbatschow und 1993 gegen Jelzin. "Hätten die Putschisten gewonnen, wäre der Abzug wohl nicht so glatt gelaufen", sagt Horst Teltschik. Der heute 73-Jährige war außen- und sicherheitspolitischer Berater Helmut Kohls und an den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen zur Wiedervereinigung Deutschlands beteiligt. Im Juli 1990, als Kohl Michail Gorbatschow auf dessen Datscha im Kaukasus traf, war Teltschik dabei. Bei diesem Besuch gestand Gorbatschow dem wiedervereinigten Deutschland die freie Bündniswahl und damit die Nato-Mitgliedschaft zu und erklärte sich bereit zum Abzug aller sowjetischen Truppen aus Deutschland. "Gorbatschow wollte dafür sieben Jahre Zeit", erinnert sich Teltschik. "Aber Kohl hat auf vier Jahren bestanden. Wir waren immer der Meinung, dass alles so schnell wie möglich gehen soll."

Als Gegenleistung sei viel Geld nach Moskau geflossen; in der Summe 17 bis 20 Milliarden Mark, sagt Teltschik. Gorbatschow habe den Preis aber nicht nach oben getrieben. "Er hat nicht in finanziellen Kategorien gedacht. Ihm ging es um ein Gesamtpaket." Darin enthalten waren wirtschaftliche und finanzielle Maßnahmen wie die Vereinbarung, für die abziehenden Soldaten Wohnungen in Russland zu bauen sowie Lebensmittel für die 1990 von einer Versorgungskrise erschütterte Sowjetunion zu liefern. So gingen für rund 1,5 Milliarden Mark Rinder und Schweine aus DDR-LPGs in die Sowjetunion. Besonderen Wert habe Gorbatschow auf politische Zusagen gelegt, vor allem auf die Bedingung, keine alliierten Truppen in Berlin und auf dem Gebiet der einstigen DDR zu stationieren. Dass sich die Nato später in ganz Osteuropa und bis in die baltischen Staaten, an die Grenze zu Russland ausbreiten würde, konnte niemand vorhersehen. Das mag aber auch erklären, warum selbst Gorbatschow heute Wladimir Putin gegen die heftige Kritik aus dem Westen am Umgang mit der Ukraine verteidigt – und den Anschluss der Krim ausdrücklich begrüßt hat.

Gorbatschow dürfte ohnehin gut in Erinnerung sein, dass der gesamte Prozess des Truppenabzugs für die Sowjets eine einzige Demütigung war. Und es ist nicht auszuschließen, dass die im Westen heute oft als trotzig empfundene Haltung Putins wie seiner Armee auch aus den damals gemachten Erfahrungen rührt. "Die Soldaten wussten: Sie gehen als geschlagene Sieger, und sie gehen ins soziale Nichts", sagt dazu Lothar de Maizière, letzter DDR-Ministerpräsident. Als er im Frühjahr 1990 zu Verhandlungen in Moskau weilte, schickte er seine Vize-Regierungssprecherin Angela Merkel, die Russisch konnte, unters Volk, um zu erfahren, was die Menschen über eine Wiedervereinigung Deutschlands dachten. Merkel sei konsterniert zurückgekehrt. Die meisten Leute hatten ihr gesagt: Wenn das passiert, haben wir den Krieg doch noch verloren. De Maizière sagt, er habe daher bis heute "Hochachtung, wie diszipliniert die Soldaten bis 1994 blieben".

Ein Abzug in Würde wäre den Russen wichtig gewesen, sagt Klaus Kinkel

Die Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte, wie sie von 1988 an genannt wurde, war die Elitetruppe der Sowjetarmee; Moskaus Vorposten im Kalten Krieg. Sie umfasste 550.000 Personen, davon 380.000 Soldaten und 170.000 Zivilisten, verteilt auf 1.062 Standorte. In keinem Staat Osteuropas waren mehr Sowjetsoldaten stationiert als in der DDR. Und das kleine Land hatte drei Fünftel der Stationierungskosten selbst zu tragen – jedes Jahr vier Milliarden Mark.

Der Abzugsvertrag sah vor, bis 1993 jedes Jahr ein Drittel des Personals und der Ausrüstung und bis 1994 den Rest in die Sowjetunion zu bringen. Neben den Soldaten, ihren Familien und deren Hab und Gut waren das 2,7 Millionen Tonnen Material – Panzer, Fahrzeuge, Geschütze – sowie 677.000 Tonnen Munition. Jedes Jahr mussten dafür 40.000 Eisenbahnwaggons bereitgestellt werden, erinnert sich Helmut Domke, bis 1994 Bevollmächtigter Brandenburgs für die Westgruppe der Streitkräfte. Die Waggons wurden in Rostock, Wismar und Mukran auf Fähren geladen, nachdem Polen Geld für den Truppentransit verlangt hatte, das Russland nicht zahlen wollte.

In Brandenburg, in Wünsdorf, befand sich das Hauptquartier der sowjetischen Streitkräfte (siehe Text links). In ganz Brandenburg waren 40 Prozent der Sowjetsoldaten in der DDR stationiert. Ihre Standorte lagen in einem Ring um Berlin, um – als Lehre aus dem Aufstand vom 17. Juni 1953 – den Alexanderplatz innerhalb einer Stunde erreichen zu können. Dass die Sowjets 1989 und danach nicht ausrückten, zählt zu den glücklichen Fügungen. "Während des Putsches gegen Gorbatschow war die Nervosität der Soldaten hier mit Händen zu greifen", erzählt Domke. Die Militärs aber hätten sich stets nach der politischen Führung gerichtet. Dabei war die Lage mehrmals brenzlig. In der Wendezeit, als empörte DDR-Bürger vor die Kasernen zogen. Oder als während einer Übung ein sowjetischer Kampfjet auf einen Kuhstall stürzte. Und vor allem Ende 1991, als schon ein Drittel der Soldaten abgezogen, aber noch keine einzige Wohnung in der Heimat für sie gebaut war. Was sich unter denen, die demnächst abziehen sollten, herumsprach.

Zum Konflikt kam es 1992. Die Sowjets wollten möglichst viel Geld für ihre Aufbauten wie Kasernen, Flugplätze, Panzerhallen herausschlagen. Weil im Abzugsvertrag vorgesehen war, dass deren Wert mit den Kosten für Altlasten wie Chemieverunreinigungen zu verrechnen war, fingen sie an, die Altlasten zu verbuddeln. Im Dezember 1992 flog Helmut Kohl deshalb abermals nach Moskau. Das Treffen fand wieder auf einer Datscha statt, diesmal der von Boris Jelzin.

"Es war eine einmalige Atmosphäre", schwärmt der damalige Außenminister Klaus Kinkel (FDP). Die Verhandlungen seien "absolut harmonisch" verlaufen. "Das lag daran, dass sich Kohl und Jelzin so blendend verstanden und beide absolut verlässlich waren." Russland verzichtete auf Geld für Aufbauten, Deutschland auf Kompensation für die Altlasten. Obendrein gab es einen Zuschlag von 550 Millionen Mark für das Wohnungsbauprogramm, im Gegenzug versprachen die Russen, ihre Truppen schon bis August 1994, und damit vor der Bundestagswahl, abgezogen zu haben.

Ein Abzug in Würde sei den Russen überaus wichtig gewesen, sagen Teltschik, de Maizière und Kinkel. Das klappte letztlich nur bedingt. Ihrem Wunsch, gemeinsam mit den West-Alliierten verabschiedet zu werden, kam Kohl nicht nach – obwohl 75 Prozent der Deutschen für eine zentrale Feier waren. In Moskau fühlte sich das wie eine erneute Niederlage an. Der betrunkene Jelzin war für viele Russen nur die letzte Demütigung in diesem Akt.