DIE ZEIT: Herr Professor Schulte-Markwort, wieso sind heute schon Jugendliche so ausgebrannt wie Manager?

Michael Schulte-Markwort: Schüler müssen heute ein unglaubliches Arbeitspensum bewältigen; 36 Stunden Schule sind normal, dazu kommen Hausaufgaben, Prüfungen, Referate. Viele kommen so auf 50 bis 60 Wochenstunden. Das eigentliche Problem ist aber der Leistungsdruck.

ZEIT: Die Schüler werden in Tiger-Mom-Manier von ihren Eltern angetrieben?

Schulte-Markwort: Nein. Es sind die Jugendlichen selbst, die sich unter Druck setzen. Da haben in den vergangenen Jahren unglaubliche Selbstdisziplinierungsprozesse stattgefunden. Die heutigen Jugendlichen wollen gut sein, ganz ohne Antrieb von außen. Oder eher: perfekt.

ZEIT: Warum?

Schulte-Markwort: Weil sie es nicht anders kennen. Wir leben in einer durchökonomisierten Gesellschaft. Wer nichts leistet, hat verloren, das lernen Kinder heute von klein auf. Als Jugendliche haben sie deshalb Angst, dass ihnen ohne gute Noten Arbeits- und Perspektivlosigkeit drohen. Die G-8-Regelung hat den Lern- und Schuldruck verstärkt, und für viele Jugendliche ist es eine Belastung, dass der Zugang zu bestimmten Studiengängen reglementiert wird, das höre ich immer wieder in Gesprächen. Ein Abitur schlechter als 1,5, und die Schüler sehen ihre Träume davonschwimmen.

ZEIT: Diese Hürde gab es früher auch schon.

Schulte-Markwort: Aber nicht gekoppelt mit dem Gefühl, dass ohne ein sehr gutes Abitur das Leben gelaufen ist.

ZEIT: Es sind also insbesondere Gymnasiasten, die unter einem Burn-out leiden?

Schulte-Markwort: Bei uns in Hamburg lautet die Antwort: Ja, zumindest kommen diese Jugendlichen mit ihren Eltern zu uns und suchen Hilfe. Eine aktuelle Studie zeigt aber: Fast 30 Prozent aller Schüler leiden unter Leistungsdruck, viele haben regelmäßig Kopfschmerzen oder andere Stresssymptome. Das betrifft alle Schularten.

ZEIT: Burn-out gilt manchen als Modediagnose ...

Schulte-Markwort: ... weshalb ich auch lieber von Erschöpfungsdepression spreche ...

ZEIT: ... und diese wird belächelt. Warum sprechen Sie nicht schlicht von Depressionen?

Schulte-Markwort: Manche meiner Kollegen machen das. Ich finde das falsch. Der Kontext und die Ursachen einer Erschöpfungsdepression sind andere als die einer "normalen" Depression. Bei der Erschöpfungsdepression geht es um den inneren und verinnerlichten Leistungsanspruch.

ZEIT: Trotzdem die Nachfrage: Wird erst jetzt diagnostiziert, was es schon immer gab? Vielleicht auch, weil es die Krankenkassen bezahlen?

Schulte-Markwort: Die Krankenkassen bezahlen die Behandlung, das stimmt, ist aber nicht neu. Und ja, Erschöpfungsdepressionen gab es schon immer, im Kinder- und Jugendalter allerdings so gut wie nie. Diese Krankheit ist tatsächlich neu. Ich selbst diagnostiziere Burn-out bei Jugendlichen seit etwa fünf Jahren.

ZEIT: Von wie vielen Betroffenen sprechen wir?

Schulte-Markwort: Die Bella-Studie, das ist eine repräsentative Studie, die das Robert-Koch-Institut gemeinsam mit Wissenschaftlern des UKE durchführt, zeigt, dass etwas mehr als fünf Prozent der Jungen und Mädchen an Depressionen leiden, mehr als zehn Prozent unter Ängsten. Bei etwa 20 bis 30 Prozent dieser Betroffenen geht man von Erschöpfungsdepressionen aus. Das macht etwa eine Betroffene auf 60 Schüler. In jeder zweiten Klasse sitzt also ein Mädchen mit Erschöpfungsdepression.