Irgendwann, kurz vor Wil, der Intercity legt sich gerade in eine Kurve, ergreift einem eine unendlich tiefe Traurigkeit. "Wenn d Welt untergoht / Und me stoht grad a de Kasse am Warte / Und s letscht, wo me ghört: Hend Sie d Supercharte?", singt der Mann im Kopfhörerstöpsel. Draußen strahlt der Märzentag, drinnen im Ohr schlägt der Meteorit ein, alles verglüht: "Und s letscht, wo me merkt: wie d Tastatur flüssig wird."

Die Apokalypse findet in Ostschweizer Mundart statt.

Eine Dreiviertelstunde später klopft man in St. Gallen an der Hinteren Davidstrasse, nur ein paar Schritte vom Bahnhof entfernt, an eine ausgeleierte Holztür. Und der Mann aus dem Ohrstöpsel, Ende dreißig ist er, öffnet mit Stoppelbart und im schwarzen Kapuzenpulli sein Kabuff.

Manuel Stahlberger. Liedermacher für die einen, Comiczeichner für die anderen, jetzt aber: Popsänger.

Denn es geht um seine Band. Sie, die zwar nach ihm benannt ist, Stahlberger, weil der Name bekannt war und irgendwie passte, die sich aber nicht nur um ihn, den Träger des Salzburger Stiers, drehen soll. Diese Band, ein Quintett, alle sind sie aus St. Gallen, aber längst nicht mehr alle in der Ostschweiz zu Hause, außer er, der es nie wegschaffte, nein, der bis jetzt nie wegwollte, diese Band also, Stahlberger, hat ein neues Album eingespielt.

Die Gschicht Isch Besser ist das beste Schweizer Popalbum der letzten Jahre.


Seinetwegen sitzt man, der Weltuntergang echot noch schwach im Ohr, in diesem kargen Parterrezimmer, vor den Gitterfenstern ein Zeichentisch und in der Ecke eine Gesangskabine – und hört zu.

Letzten Sommer war es. Stahlberger unterbrach seine Never-Ending-Tour über die Kleintheaterbühnen der Schweiz für eine Woche, packte das Textskizzen-Bündeli, nahm die Musiker ins Schlepptau – ab in die Berge! Ins Gasthaus Grünenwald bei Engelberg: "Das ist absolut im Nüüt, da kannst du vierundzwanzig Stunden Krach machen." Bei Grillfleisch, Alkohol und viel Musik entstanden die dreizehn neuen Songs. Neil Young, Jochen Distelmeyer, Kanye West oder die Vengaboys hätten sie in dieser Woche gehört, erzählt Stahlbergers Musiker-Compagnon, Michael Galluser. Folkrocker, Singer-Songwriter, Rapper und Eurodance-Combo: Alle haben sie auf dem neuen Album ihre Spuren hinterlassen mit wehmütigen Gitarren, abgespeckten Beats, dumpfen Bässen und sirrenden Synthesizern.

"Ein Kapelleli", sagt Gallusser, seien sie bei ihrem ersten Album Rägebogesiedlig gewesen. Die Musik war damals, 2009, ein verspielter Teppich für die wortwitzigen, abgründigen, bissigen Geschichten ihres Sängers. "Ein Lied hatte für mich einen A4-Seiten-langen Text und zwei bis fünf Akkorde", sagt Stahlberger. So wie er das von seinen Idolen her kannte: Mani Matter und Tom Lehrer.

Doch an ihren Konzerten hörte die Band aus dem Publikum immer öfter: Man kann euch auch zuhören, ohne auf die Texte zu achten.

Abghenkt, der Zweitling, erschien 2011, war bereits ein Mittelding zwischen Liedermacher- und Songalbum. Da war viel Text, aber ebenso viel Musik. Manche Kombination biss sich, manche war großer Pop. Etwa wenn im Song Heimat der schleppende Beat abbricht und Stahlberger einen Refrain singsangt, bei dem die Pausen viel wichtiger als das Gesagte sind: "Und du seisch, Heimat isch e grosses Wort / Isch Heimat e Gfühl, oder isch es echt en Ort / Viel Lüt säged am schönschte isch s immer no dehei / Und viel Lüt säged nei."

Reduktion aufs Maximum ist ein alter Trick in der Popmusik, Produzenten-Gott Rick Rubin hat damit Johnny Cash wiedererweckt – aber er funktioniert immer wieder aufs Neue. Auch in der Ostschweizer Provinz.