Der Weg zum Polder Kieve führt durch Alleen. Ein kilometerlanges Dach aus Zweigen und Ästen, als müsste die Natur die Menschen schützen und nicht umgekehrt. Ein kurzes Waldstück, dann steht man im Moor. Ein Graureiher stakt durch das Wasser, Gänse fliegen in den graublauen Himmel.

Achim Ahrendt kam schon vor Jahren nach Mecklenburg-Vorpommern. Von Weitem wirkt er wie ein preußischer Junker auf Jagd, grüne Jacke und Fernglas um den Hals, doch das Hanseatische hört man ihm immer noch an. Haupt- beruflich arbeitet Ahrendt als Insolvenzverwalter, und nebenbei ist er Besitzer des Polders Kieve, knapp 60 Hektar nasser Wiesen. Sie sollen wieder zu dem Moor werden, das sie einmal waren – und zwar ausgerechnet mit den Instrumenten der Marktwirtschaft, deren Verlierer Achim Arendt sonst berät.

Eine neue Strömung im Umweltschutz setzt auf die Macht des Marktes statt auf Gesetze und Vorschriften. Nachdem 2006 der Ex-Chefökonom der Weltbank, Nicholas Stern, in einem Report die gravierenden Folgen der Erderwärmung für die Weltwirtschaft beschrieb, bildeten sich allerhand Projektgruppen und Initiativen, die größte von ihnen hat den sperrigen Namen The Economics of Ecosystems and Biodiversity – kurz: TEEB. Mit der Leitung wurde Pavan Sukhdev beauftragt, ein früherer Manager der Deutschen Bank. Im TEEB-Aufsichtbeirat sitzen die Präsidentin des WWF, der Leiter des UN-Umweltprogramms Unep und auch Nicholas Stern. TEEB versucht, "Ökosystemdienstleistungen" zu bewerten. Gemeint sind damit all die Vorteile der Natur für den Menschen: sauberes Wasser, Nahrung, Luft oder Baumaterialien. Für einige dieser Leistungen gibt es keinen Markt. Genau das, sagt die TEEB, sei das Problem.

Zum Beispiel taucht die Fähigkeit von Wiesen, Wasser zu filtern, im Bruttoinlandsprodukt (BIP) nicht auf. Die Folge: Wenn eine Firma auf einer Wiese baut, steigt das BIP – schließlich entstehen Arbeitsplätze und Waren. Gleichzeitig fehlt aber die Wiese als natürlicher Wasserfilter. Dieser Schaden taucht allerdings in keiner Bilanz auf.

Was man also tun müsste, wäre, den Wert von allen Ökosystemdienstleistungen sichtbar zu machen – die Filterfunktion der Wiesen genauso wie die Bestäubungsleistung von Bienen oder die Tatsache, dass Bäume CO₂ binden. Was einen Wert hat, soll wertvoll sein. Die Frage ist nur: Wie misst man den Wert von Natur?

Wenn man vor dem Polder Kieve steht, sieht man braungrüne Wiesen und eine Wasserfläche, in der sich die Wolken spiegeln. Doch wo heute Gänse schwimmen, grasten noch vor ein paar Jahren Kühe.

Seit Jahrhunderten werden Moore wie der Polder Kieve trockengelegt. Sie waren voller Mücken, ungeeignet für die Landwirtschaft und damit wertlos. Pumpte man jedoch das Wasser aus ihnen ab, konnte man sie als Weiden und Äcker nutzen, so wie fast drei Jahrzehnte lang den Polder Kieve. Die Rechnung dafür kam erst viel später.

Denn während intakte Moore Kohlenstoffdioxid binden, verwandeln sie sich in Klimasünder, sobald man sie trockenlegt: Bakterien zersetzen den Torf und entlassen CO₂ in die Atmosphäre. In Mecklenburg-Vorpommern sind ehemalige Moore die größte Quelle von Treibhausgasen – noch vor Autos und Verkehr.

In einer deutschen TEEB-Initiative unter der Leitung des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung sammeln Expertengruppen seit 2012 Material über den Wert von Ökosystemen in Deutschland. Sie fragen Bürger, was ihnen Natur wert ist, und sie berechnen, wie viel Geld man durch Naturschutz sparen kann. Für Moore hat TEEB ziemlich exakte Zahlen: 217 Millionen Euro wären 300.000 Hektar wiedervernässte Moorböden in Deutschland wert. Bleibt nur eine Frage: Wer zahlt, wenn Bauern keine Einnahmen mehr aus ihren trockengelegten Wiesen haben?