Jerome Vacher ist für die besonders schweren Fälle da. Seit zwölf Jahren arbeitet der breitschultrige Franzose für den Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington. Wenn irgendwo auf der Welt ein Land am Abgrund steht, dann rückt Vacher mit einem Team von Finanzexperten aus, um zu retten, was zu retten ist. Er war in Mosambik, in Ruanda und in Weißrussland – zuletzt kümmerte er sich in Spanien um die Sanierung der maroden Banken.

Am Freitag vergangener Woche sitzt Vacher in einem Hotel in Kiew und bestellt sich mit müden Augen einen Kaffee. Tagelang haben er und seine Leute praktisch rund um die Uhr mit der neuen Regierung der Ukraine verhandelt. Es geht um einen Milliardenkredit, der den drohenden Staatsbankrott verhindern soll. Das Geld ist Teil einer umfangreichen international abgestimmten Hilfsaktion für die Ukraine, die in diesen Tagen anläuft. Gut ein Dutzend Staaten und Organisationen sind daran beteiligt: Die EU hat zwei Milliarden Dollar versprochen, die Weltbank drei und die Amerikaner geben eine Milliarde.

Insgesamt sollen 25 bis 30 Milliarden Dollar mobilisiert werden. So viel braucht das Land allein, um über die nächsten beiden Jahre zu kommen. Denn die Steuereinnahmen reichen bei Weitem nicht aus, um die Staatsausgaben zu finanzieren – und die internationalen Finanzmärkte sind wegen der unsicheren politischen Lage nicht bereit, der Ukraine frisches Geld zu leihen.

Und das ist erst der Anfang. Mehr als zwanzig Jahre Korruption und Misswirtschaft haben die Ukraine systematisch zugrunde gerichtet. Der Wiederaufbau wird mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Schon werden in Washington und Brüssel Expertenteams zusammengestellt, die dem Land bei der Umsetzung von notwendigen Reformen helfen sollen. Eine amerikanische Spezialeinheit ist bereits vor Ort, um in den Ministerien und Behörden westliche Verwaltungsstandards durchzusetzen.

Russland hat im Kampf um die Ukraine Soldaten geschickt, der Westen schickt Wirtschaftsberater wie Vacher. An ihrer Arbeit hängt mehr als die Zukunft des Landes, in das sie abkommandiert wurden: Eine prosperierende Ukraine würde überall in der Region die Reformer stärken. Und ein wirtschaftlicher Absturz könnte die Begeisterung für den Aufbruch schnell schwinden lassen. Das ist die geopolitische Dimension der Aufbauhilfe.

Umso drängender ist die Frage, ob das überhaupt gelingen kann: ein Land wie die Ukraine mit Geld und gutem Rat zu stabilisieren.

Wie die Antwort auf diese Frage ausfällt, hängt auch von Leuten wie Stepan Kubiw ab. Kubiw ist ein Banker aus Lemberg, er war einer der Anführer der Proteste auf dem Maidan und hat die Demonstranten mit all den Dingen versorgt, die man zum Demonstrieren braucht. Jetzt versorgt er als Gouverneur der Zentralbank die Volkswirtschaft mit ihrem wichtigsten Schmierstoff: Geld. Das macht ihn gewissermaßen zum Gegenspieler von Jerome Vacher.

Wenn ein Krisenland den Währungsfonds um Hilfe bittet, schließt es wie ein Häuslebauer einen Kreditvertrag ab. Der Vertrag regelt die Zahlungsmodalitäten und die wirtschaftspolitischen Auflagen. Beide Seiten haben ihre Interessen: Das Land will möglichst schnell an das Geld, der Fonds muss darauf achten, dass es nicht in dunklen Kanälen verschwindet und irgendwann mit Zinsen zurückgezahlt werden kann.

Der IWF hat bereits zwei Hilfsprogramme mit der Ukraine ausgehandelt, doch weil sich das Land in beiden Fällen nicht an die Auflagen gehalten hat, wurden die Zahlungen ausgesetzt. Auch deshalb belegt die Ukraine in einer globalen Investitionsrangliste der Weltbank Platz 112 – hinter Albanien, der Mongolei und Pakistan. Vor einigen Jahren hatte die Regierung des Landes die Idee, erneuerbare Energien nach deutschem Vorbild mit garantierten Abnahmepreisen zu fördern. Ergebnis: Zwei Oligarchen teilten den Markt unter sich auf. Einer kontrollierte die Solaranlagen, der andere die Windräder. Beide kassierten kräftig ab.

Das sei die Vergangenheit, sagt Kubiw. Heute sei man zu "echten Reformen" bereit und werde die Forderungen der Geldgeber erfüllen. Für die ist es entscheidend, dass das Land den Kampf gegen die Korruption aufnimmt, ein wirtschaftsfreundliches Umfeld schafft und den Staatshaushalt saniert.

Tatsächlich ist das Bemühen um einen Neuanfang erkennbar. Kubiw hat Spitzenbeamte entlassen, die an fragwürdigen Geschäften beteiligt gewesen sein sollen. Er will marode Banken schließen, die den Oligarchen zur Geldwäsche dienen. Die neue Regierung habe unter Beweis gestellt, dass sie "das Land verändern" wolle, heißt es in einem Positionspapier der Deutschen Beratergruppe Ukraine, die im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums den Reformprozess unterstützt.