Wetzlar wirkt nicht unbedingt wie ein Ort, der große Zukunftsvisionen birgt. Die Häuser in dem hessischen Städtchen sind zwei, allerhöchstens drei Stockwerke hoch, und die "Trends", die das Haus der Mode verspricht, sehen eher aus wie von gestern. Trotzdem pilgern seit einiger Zeit Manager globaler Unternehmen nach Wetzlar, um sich hier inspirieren zu lassen. In einer Villa aus den 1950ern suchen sie nach Ideen für morgen.

Schuld daran ist Thomas Le Blanc. Der ehemalige Lehrer, der Mathematik und Physik unterrichtet hat, hat hier eine besondere Institution erschaffen: eine Phantastische Bibliothek. Durch einen aus Perry-Rhodan-Romanen gestalteten Bogen tritt man zwischen hohe Regale, in denen sich sämtliche Star Trek- Bände säuberlich aneinanderreihen. Von Isaac Asimov bis Timothy Zahn sind hier nur Autoren vertreten, die sich in Uto- und Dystopien, in Märchen und in Kinderromanen mit der Welt von morgen beschäftigt haben. 250.000 Bücher auf vier Etagen – die größte öffentliche Bibliothek für Science-Fiction- und Fantasy-Literatur weltweit.

Früher galt er als Spinner, heute berät er renommierte Unternehmen

Lange galt der Mann mit dem weißen Bart und der ovalen Brille als ein Nerd, der Spinnereien liebte. Er wurde von den meisten belächelt, ein paar verschworene Freunde ausgenommen. Inzwischen aber kommen nicht nur Leute auf der Suche nach Leseabenteuern zu ihm. Le Blanc bietet eine Beratung, die Unternehmen durch Science-Fiction zur Entwicklung neuer Produkte anregt. Was klingt, wie einem seiner Bücher entsprungen, ist inzwischen ein Angebot, das Anklang bei einigen Großkonzernen genauso wie bei Mittelständlern findet. Future Life nennt Le Blanc sein Konzept.

Den ersten Auftrag erhielt er vor rund fünf Jahren vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Die Verkehrsplaner wollten etwas darüber erfahren, wie die Verkehrssysteme der Zukunft aussehen könnten. Dabei ging es weniger um fliegende Autos wie im Film Das fünfte Element, sondern um alternative Antriebsmöglichkeiten, Fahrerassistenzsysteme oder Polizeisirenen, die nur über das Autoradio hörbar sind. Eineinhalb Jahre lang hat Le Blanc dafür die Literatur durchforstet und schließlich eine Datenbank aufgebaut, aus der die Verkehrsplaner sich Ideen holen können.

Inzwischen hilft der Science-Fiction-Berater Banken und Versicherungen, Energie- und Kommunikationsunternehmen genauso wie Chemie- und Autokonzernen. An einem massiven Tisch zwischen dunklen Holzregalen empfängt Thomas Le Blanc die Interessierten. Er erstellt Studien oder große Dossiers, er hält Vorträge auf Zukunftskongressen und verteilt seine schmalen Visitenkarten bei Tagungen über Demografie.

Gerade erstellt er für das Hessische Wirtschaftsministerium ein Dossier über Nanotechnologie. Er ist ganz euphorisiert von der Idee des Nanoarztes aus dem Science-Fiction-Thriller Die Reise ins Ich, wo ein Mensch zu einem Mini-U-Boot verkleinert und in den Körper eines Kaninchens injiziert wird. Wobei die Einfälle der Literaten natürlich oft eher Anregungen sind, als dass man sie eins zu eins umsetzen könnte. "Einen Nanoarzt sollte man sich mehr wie einen winzigen Roboter mit einer Diagnose- und einer Killerfunktion vorstellen, der durch unsere Körper schwimmt", sagt Le Blanc.

Aber warum fragen Firmen ausgerechnet einen Science-Fiction-Fan um Rat und wenden sich nicht einfach weiterhin an Hochschulen oder Forschungsinstitute? Le Blanc erklärt sich das so: "Neue Produkte werden in immer rascheren Zyklen auf den Markt gespült, damit wächst auch der kreative Druck auf die Entwickler. Daher suchen sie nach neuen Inspirationsquellen."

Wie hilfreich die Literatur dabei sein kann, zeigt sich darin, dass viele alte Zukunftsvisionen längst Realität geworden sind. "In meiner Generation empfinden viele Menschen ja schon die Gegenwart wie einen Science-Fiction-Roman", sagt Thomas Le Blanc. "Wir hatten früher noch Bakelit-Telefone und Schwarz-Weiß-Fernseher. Jetzt gibt es das Internet und die Google-Brille."