Um Verständnis für die Krim-Annexion zu schaffen, bemühen Russland-Therapeuten ein einziges Wort: "Einkreisung". Zur Erhellung oder Erheiterung möge man sich ein YouTube-Video ansehen, das ganz ohne Worte auskommt: The Expansion of Russia (750–1991).

Das Video beginnt mit einem winzigen, rötlichen Punkt in der Gegend des heutigen St. Petersburg. Der Fleck breitet sich aus – ostwärts bis nach Wladiwostok am Pazifik, nordwärts nach Alaska (bis 1867), südwärts ans Schwarze Meer und nach Zentralasien. Nach 1945 weiter bis zur Elbe.

Der korrekte Begriff ist nicht "Einkreisung", sondern "Einverleibung". Im Interesse der historischen Wahrheit: So sind auch andere Großmächte entstanden. Sie alle fingen klein an und blähten sich auf: Frankreich und England durch dynastische Eroberung, Spanien durch Heirat (Ferdinand und Isabella), Italien und Deutschland durch halb erzwungene Vereinigung. Aber elf Zeitzonen, wie Russland, hat noch keiner geschafft; die Amerikaner holten sich gerade mal drei – vom Atlantik zum Pazifik. Russland hat noch immer elf – und 17 Millionen Quadratkilometer.

Ein gedemütigtes Waisenkind ist Russland nicht. Die Invasoren (Napoleon, Hitler) hat das Imperium geschlagen, um hinterher noch größer zu werden. Das Baltikum, Ostmitteleuropa, die zentralasiatischen Republiken gingen zwar nach dem Selbstmord der Sowjetunion verloren, aber im tiefen Frieden. Diese von Moskau unterworfenen Länder haben ihre Freiheit zurückgewonnen; der Westen hat sie den Russen nicht geraubt. Und nun zurück unter die Knute, damit Putin seinen Seelenfrieden finde?

Den richtigen Schlüssel zum historischen Verständnis liefert nicht die Küchenpsychologie, sondern dieser Text: "Jeder Schritt vorwärts führt zu neuen Schritten, jede überwundene Schwierigkeit zu neuen. Ein Zurückweichen aber gibt es nicht, weil (die Gegner) dies als Schwäche verstehen würden; sie achten nur sichtbare und spürbare Gewalt." Nicht "Ehrgeiz" sei das Motiv, sondern "imperiale Notwendigkeit". Denn was man nimmt, muss durch mehr gesichert werden. Nur: Die "größte Schwierigkeit ist, zu wissen, wo man aufhören muss".

So sprach der russische Kanzler Gortschakow in einer berühmten Zirkulardepesche 1864, während Moskau den Kaukasus eroberte. "Imperiale Notwendigkeit" führt zur Selbsteinkreisung, weil das Immer-weiter zwangläufig auf Gegenmacht stößt. Im Osten und Süden sind es China, Indien, Japan, Pakistan, Iran, die Türkei. Von denen gehört nur Ankara zur Nato. Die Ex-Sowjetrepubliken sind keine Vorwärts-Bastionen der EU. Aus dem Irak sind die USA verschwunden, und die Nato zieht aus Afghanistan ab. Im Westen hat das Bündnis wohlweislich darauf verzichtet, Truppen in die neuen Mitgliedsländer vorzuschieben. Obama hat unter Moskaus Druck auf die Raketenabwehr in Polen und Tschechien verzichtet. "Einkreisung" sieht anders aus.

Putin spielt das älteste Spiel der Machtpolitik: Er expandiert und provoziert so den Widerstand, der die Einkreisung "beweist". Wie der Wolf an der Quelle, der das Lamm weiter unten am Wasserlauf bezichtigte, sein Trinkwasser zu verschmutzen. "Umgekehrt", korrigierte ihn das Schaf. Es wurde trotzdem gefressen. Weil das Opfer sich wie die Krim nicht wehren konnte.