Seit einer halben Stunde läuft das Gespräch mit dem großen Anführer, Popstar und Hamburger Jungen Jan Delay auf einer Hotelterrasse – er hat in dieser halben Stunde schon so viele voll lustige, voll okaye, voll interessante, gerade richtig freche und zum Nachdenken anregende Dinge gesagt, dass der Reporter sich fragt: Lieber Popstar, kannst du nicht mal etwas komplett Asoziales sagen? Etwas wirklich Krasses, Böses, Unverträgliches? Willst du nicht mal rausspringen aus der Rolle des deutschen Popstars, den sie in Betriebskantinen, Kindergärten und Schulklassen so gerne mögen wie in der Berliner O₂-Arena und beim Schanzenfest in Hamburg?

Lustig. Er würde schon gerne etwas Krasses sagen, man sieht es ihm an, aber irgendwie reicht es dafür gerade nicht. Auf die Frage, warum es ein neues Jan-Delay-Album gibt, antwortet der Popstar: "Ich war die ganze Zeit unterwegs, große Tour, Wetten, dass ..?, Sesamstraße das führt bei mir immer zu so einem Kein-Bock-mehr-fickt-euch-alle-aufs-Maul-Gefühl. Dementsprechend waren auch die ersten Songs: Ich dachte, ich mache Punkrock oder Elektro-Punkrock oder etwas, wo ich nur Parolen rausschreie. Ich wollte einfach raushauen." Wow!

Jan Delay gibt an diesem Vormittag die Interviews zum Erscheinen seines neuen Studioalbums Hammer & Michel, es ist das erste Album seit fünf Jahren. Im deutschen Popkalender ist jedes Jan-Delay-Album ein Ereignis, es wird wie seine Vorgänger Wir Kinder vom Bahnhof Soul (2009) und Mercedes Dance (2006) geradewegs auf Platz eins der Charts landen. Und das, was vor Erscheinen über das neue Album durchdrang, klang wirklich lustig und vielversprechend: Nach einem Reggae-Album und zwei Soul-Alben sei bei Jan Delay jetzt ein Rockalbum dran, und zwar bitte kein cooler Indierock, sondern übelster Deutschrock aus den achtziger Jahren à la Spliff, Nina Hagen Band und Udos Panikorchester ("Ich mache jetzt Adult-orientated Rock zwischen Bryan Adams und Toto"). Der mittlerweile 38-jährige Hamburger trägt heute eine als klassisch zu bezeichnende Popstar-in-den-besten-Jahren-Garderobe, es ist eine gekonnte Mischung aus Hamburger Autonomer, Homeboy und Inhaber einer gut gehenden Werbeagentur (Kappe, schwarze Lederjacke, Kapuzenpullover, Jeans, Vans-Turnschuhe). Dieser Jan Delay, so kann man sagen, ist in den letzten Jahren gut gealtert, die Falten um Nase und Mund sitzen. Und seit zwei Monaten ist der Popstar Vater einer Tochter – herzlichen Glückwunsch. Das Sweatshirt mit der Aufschrift "St. Pauli Kings" hat übrigens ein Hamburger Kumpel hergestellt, die Lederjacke ist vom langhaarigen Los-Angeles-Designer Rick Owens.


Zwei Übersprungshandlungen wird Jan Delay das ganze Gespräch über wiederholen: Er biegt den Schirm seiner Kappe nach oben, und mit Daumen und Zeigefinger befühlt er die Oberlippenhaare seines Fünftagebarts. Ach, es ist so voll nett, mit ihm hier auf der Berliner Hotelterrasse zu sitzen, auch deshalb, weil dieser Popstar wirklich noch die ganze Zeit die Neunziger-Jahre-Wörter "Alder" und "Digger" benutzt.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der aktuellen Ausgabe der ZEIT. Sie finden die Hamburg-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Was ist jetzt mit dem neuen Jan-Delay-Album? Macht ihm das Spaß, die vielen süßen Mädchen, die zu Jan Delay tanzen wollen, mit einem röhrenden, dröhnenden, hardrockenden Schweinerockalbum zu erschrecken? Ist das eine Wohltat, eine Befreiung für den Hipster Jan Delay, mit einem auf Anhieb monströs uncoolen Rockalbum herauszukommen?

Der kluge Popstar zögert, weil er sich bei dieser Frage auf dem kontaminierten Feld von Cool und Uncool bewegen muss. Er erklärt: "Natürlich gibt es gewisse Instanzen, vor allem in Hamburg, die sagen werden: Das geht ja gar nicht. Das ist ja ein komplett uncooles Album. Aber ich finde es halt cool." Und er setzt nach: "Es gilt als uncool, sich bei Classic Rock zu bedienen. Aber ich bin da ganz woanders. Ich sage: Classic Rock ist cool, Deutschrock ist cool. Ich habe keine Angst vor Klischees." Und Jan Delay erzählt ziemlich lustig, wie er den Hipsterkönig Schorsch Kamerun, den Goldene-Zitronen-Gitarristen und längst arrivierten Theatermacher, einmal mit der überspannten Meinung nervte, er könne selbst dem deutschen Rockstar Klaus Lage etwas abgewinnen. Jan Delay freut sich, weil er weiß, dass er da gerade etwas wirklich Ungeheuerliches sagt: "Ja klar, ich feiere Klaus Lage. Wenn ich sein Schweißperlen höre – ich meine, das ist doch das Krasseste, das ist miesestes Deutschrock-Dinosauriertum, das ist SPD-Stadtteilfest. Und trotzdem kann ich das geil finden."

Kurze Rezension des neuen Delay-Albums mit dem Kalauer-Titel Hammer & Michel: Seit Mitte Januar ist der Song Wacken im Netz zu hören, gerade ist die erste offizielle Single, die Hamburg-Hymne St. Pauli, veröffentlicht worden – was für ein wundervoller Mitsing-Hit (Menschen werden diesen Song noch in Jahren auf der Reeperbahn grölen).

Es ist, so viel kann man sagen, ein merkwürdiges und ein großartiges Album geworden. Dieses seltsame, erst einmal ausgedacht wirkende Experiment, dass der HipHopper, der Reggae-, Soul- und Funkman Jan Delay sich zum Rockmusiker erklärt – es nervt beim ersten Hören, und schon beim zweiten Hören macht es Spaß. Es ist schon phänomenal, wie sich da unser liebster deutscher Hipster und Chefstyler einfach in einen Schweinerockstar verwandelt. Mindestens drei der zwölf Songs haben Hitqualität (drei oder vier wirklich scheußliche Songs sind, wie bei jedem Delay-Album, auch dabei). Es ist ein sehr deutsches Rockalbum, die Riffs klingen wirklich wie bei Nina Hagen oder beim Panikorchester, und manchmal kippt der Spaß in die übelste, hüftsteife Rockhölle.