Nivedita Prasad steht an der U-Bahn-Haltestelle in Berlin-Hellersdorf und wartet auf ihre Studenten. Die Gleise teilen das Viertel in zwei Welten. Auf der einen Seite liegt die Alice Salomon Hochschule, ein Neubau mit viel Glas und Licht. Auf der anderen Seite ragen die Plattenbauten in den grauen Himmel. Eines dieser Gebäude hat Hellersdorf in den letzten Monaten zu einer traurigen Berühmtheit verholfen. Flüchtlinge aus aller Welt haben dort eine Bleibe auf Zeit gefunden. Prasad ist Professorin an der Hochschule, heute möchte sie beide Welten zusammenbringen.

Seit dem Wintersemester hat die Alice Salomon Hochschule einen Teil ihrer Lehrveranstaltungen in das Flüchtlingsheim verlegt. Nun trifft sich Prasad jedes Mal mit ihren Studenten an der U-Bahn. Sie gehen lieber im Pulk, weil sich dann alle sicherer fühlen. In Hellersdorf ist seit dem Einzug der Asylbewerber aus Syrien, Afghanistan und Pakistan ziemlich viel durcheinandergeraten: Angestachelt von der NPD, protestierten die Anwohner gegen die neuen Bewohner, Neonazis schmierten Parolen an die Wände und verteilten "Nein zum Heim"-Flugblätter. Das Fernsehen sendete Bilder brüllender NPD-Männer. Ein Anwohner sagte vor laufenden Fernsehkameras: "Irgendwann knallt dit hier wie damals in Rostock." 1992 hatten Rechtsradikale unter dem Jubel der Anwohner ein Asylantenheim in Rostock-Lichtenhagen angezündet.

Ein Ereignis, das sich hier nicht wiederholen soll, fand Thea Borde. Im Herbst 2013 hatte die Leiterin der Alice Salomon Hochschule eine Idee. Eine etwas verrückte vielleicht, aber sie hatte das Gefühl, etwas tun zu müssen, auf ihre Art "Herzlich willkommen" zu den Heimatlosen zu sagen. Würde es funktionieren, Seminare im Flüchtlingsheim anzubieten und so Studenten und Bewohner zusammenzubringen? Beide Seiten würden davon profitieren, da war sich Thea Borde sicher.

Nivedita Prasad und ihre Studenten schlüpfen nacheinander durch die Tür des Heims, die mit Platten zugenagelt ist. In der Silvesternacht haben Rechtsradikale eine Batterie Chinaböller an der Tür befestigt und angezündet. Das Glas der Tür zersprang. Seitdem gibt es diese Platten und einen Mann, der vor einer Reihe von Überwachungsmonitoren sitzt.

Nacheinander schieben sie ihre schmalen Plastikkarten über den Tresen. Der Wachmann scannt jede einzeln mit einem piepsenden Gerät. 300 Studenten besitzen zurzeit so einen Hausausweis mit ihrem Namen und einem Barcode darauf – genauso einen wie die 200 Asylbewerber, die in dem Heim wohnen.

Jeden Donnerstag hält Prasad hier ihr Seminar "Grenzen und Möglichkeiten der sozialen Arbeit". Darin lernen die Studenten zum Beispiel, wer nach der Genfer Flüchtlingskonvention ein Recht auf Asyl hat und dass Menschen, die als Flüchtlinge anerkannt sind, drei Monate lang das Recht haben, ihre Familie nachzuholen. Nivedita Prasad findet das Unterrichten an diesem ungewöhnlichen Ort interessant und bereichernd, "weil hier Theorie und Praxis zusammenkommen". Die meisten Deutschen wissen nicht, wie der Alltag in einem Asylbewerberheim aussieht. Sie kennen solche Einrichtungen nur aus dem Fernsehen, wenn es Krawalle gibt, weil jemand meint, die Asylsuchenden rückten zu nah an die örtlichen Bewohner heran.

Natürlich ist die Lehre hier auch ein Experiment: Kann es auf diese Weise gelingen, Studenten und Flüchtlinge einander näherzubringen? Können die Studenten dadurch das, was sie als Theorie in den Seminaren lernen, vor Ort auf seine Durchführbarkeit prüfen?

"Es ist spannend, das Leben im Asylantenheim mitzubekommen", sagt eine Studentin mit braunem Haar und Nasenring. "Erst dadurch bekommen wir eine Ahnung von der Angst und dem Druck, denen Bewohner ausgesetzt sind." Sie habe sich "das Gezeter um die Asylanhörung" vorher nicht vorstellen können. "Und wie die Leute mit ihren Problemen einfach alleingelassen werden! Das hat mich schon ziemlich schockiert."