DIE ZEIT: Herr Kienast, worunter leiden die deutschen Chefs?

Thorsten Kienast:Es leiden ja nicht alle. In unserer Klinik haben wir es mit Vorstandsmitgliedern, Unternehmern und auch Politikern zu tun, die Depressionen oder Angststörungen entwickelt haben.

ZEIT: Woher kommt der Druck?

Kienast: Das ist ganz unterschiedlich. Sprösslinge von Unternehmerdynastien fühlen sich häufig den hohen Ansprüchen nicht gewachsen, die ihre Familien an sie stellen. Konzernmanager leiden oft darunter, dass sie Entscheidungen umsetzen müssen, die sie selber nicht teilen.

ZEIT: Werden Führungskräfte auch von den eigenen Mitarbeitern unter Druck gesetzt?

Kienast: Auch das kann passieren. Das Thema ist sehr komplex und hat viel mit enttäuschten Erwartungen zu tun. So freuen sich die meisten Mitarbeiter zunächst, wenn ein neuer Chef antritt. Frischen Wind wollen sie alle, und jeder ist voller Hoffnung. Dann merkt man, dass jeder unter frischem Wind etwas anderes versteht. Zwangsläufig werden Hoffnungen enttäuscht, und wenn eine Führungskraft damit nicht umgehen kann, wird es irgendwann eiskalt.

ZEIT: Und wie geht man damit um?

Kienast: Viel hängt von äußeren Umständen ab. Geht es einem Unternehmen schlecht, sind charismatische Führungskräfte gefragt. In guten Zeiten braucht man Leute, die schnelle Entscheidungen treffen können. Ähnlich läuft das im Umgang mit Mitarbeitern. Wichtig ist, dass Chefs ihre Rolle wechseln können und jeden so ansprechen, wie es dessen Persönlichkeit entspricht. Dann gibt es die Chance, dass es gut miteinander läuft.

ZEIT: Der Chef soll mal Kumpel, mal Entscheider sein?

Kienast: Im Prinzip ja.

ZEIT: Auch mal Papa?

Kienast: Wenn’s sein muss. Jede Führungskraft wird ja zunächst einmal von einer noch höheren Instanz im Unternehmen für diesen Job eingesetzt. Doch die Akzeptanz seiner Mitarbeiter muss sich diese Person anschließend erst noch verdienen. Ein Chef muss also nicht nur von oben berufen werden. Ein Chef muss auch von unten gewählt werden. Sonst steckt er in der Falle.

ZEIT: Und wie kommt er da wieder raus?

Kienast: Er muss den Fehler vermeiden, seine Untergebenen als faule Säcke zu betrachten. Das sind immer Menschen, die sich Mühe geben, in jeder Hierarchieebene und bei jeder Tätigkeit, ob als Pförtner, Angestellter oder Betriebsrat. Wer mit dieser Haltung an seine Mitarbeiter herangeht, wird sehr schnell ein besseres Verhältnis zu ihnen bekommen. Und er schützt letztlich seine eigene seelische Gesundheit.

ZEIT: Wie begegnen Sie Menschen, die sich mit psychischen Problemen an Sie wenden?

Kienast: Kiensat: Ich bin so etwas wie ein Kümmerer. Manche werden stationär betreut, andere brauchen einfach einen Gesprächspartner. Dann telefonieren wir während ihrer Autofahrten oder abends um 23 Uhr, weil sie dann überhaupt erst Zeit dafür finden.

ZEIT: Wer 50-mal mehr verdient als seine Untergebenen, sollte Druck aushalten.

Kienast: Versetzen Sie sich einmal in die Lage dieser Leute. Im Konzern gibt es praktisch keine Vertrauten, nur Konkurrenten. Zu Hause kriselt die Ehe, weil Sie fast immer im Büro sind. Es gibt einfach niemanden, mit dem Sie mal reden können. Stattdessen müssen Sie ständig lächeln und sagen, dass alles super läuft.