Jordi Serangeli erinnert sich genau, einen solchen Moment vergisst ein Archäologe nie. Am 17. Oktober 2012 wurde er zur Grabung gerufen. Sein Mitarbeiter Martin Kursch zeigte ihm ein freigelegtes Objekt: einen Zahn, pechschwarz gefärbt durch die Einwirkung der Huminsäure im Boden, ölig glänzend, knapp fünf Zentimeter lang. Der Beißer war atemberaubend gut erhalten, von scharfen Sägezähnen umsäumt.

Serangeli stoppte sofort alle anderen Aktivitäten, Ende der Monotonie, Ausnahmezustand. Der Zahn eines Raubtieres, ein extraordinärer Fund, so viel war schnell klar. Aber von was für einem Tier? Serangeli gesteht: "Ich hatte keine Ahnung, ich stand vor einem Rätsel." Auch die Kollegen kamen über Mutmaßungen nicht hinaus. Irgendwann fiel der richtige Tiername – doch rundum noch ungläubige Mienen. Erst quälende zwei Monate später war der Fund bestimmt, und er wurde in dieser Woche der Öffentlichkeit vorgestellt: Der Zahn gehörte einem der gefährlichsten Räuber der Altsteinzeit – einem Säbelzahntiger.

Auch der Leidener Professor Thijs van Kolfschoten, seit zwanzig Jahren der Experte für die Fauna in Schöningen, bezweifelte nicht mehr, dass er es hier mit einem Überrest von einer der Großkatzen zu tun hatte. Obendrein eine stattliche Art: Homotherium latidens, Schulterhöhe 1,10 Meter. Ein Schneidezahn, die Wurzeln noch nicht geschlossen, es muss ein junges Tier gewesen sein, vier bis sechs Jahre alt.

Eiszeitfunde neben dem Braunkohlebagger

Der Fund einer Säbelzahnkatze ist ohnehin ein seltenes Ereignis, doch dieser lässt besonders aufhorchen. Der Zahn fand sich nur 80 Meter vom Fundort der berühmten Schöninger Speere entfernt, in derselben Schicht. Scharf am Rande eines Braunkohletagebaus erforschen die Archäologen in der niedersächsischen Stadt am Elm seit nunmehr zwei Jahrzehnten ein einstiges Seeufer und rekonstruieren die altsteinzeitliche Szenerie. Was geschah hier vor gut 300.000 Jahren, als in der Holstein-Warmzeit Mensch und Tier gute Lebensbedingungen vorfanden?

1994 entdeckte der Archäologe Hartmut Thieme die Holzspeere, mit denen der Homo heidelbergensis, ein Vorfahr des Neandertalers, auf die Jagd ging und am Ufer tränkende Wildpferde erlegte. Ein rettender Fund war das damals, der Großbagger des Tagebaus rückte dem Grabungsfeld immer näher. Nach Thiemes Coup überließ der Tagebaubetreiber das Areal der Forschung. Heute ist es weltweit eine der ersten Adressen für die Erforschung der Epoche der Eiszeiten.

Der See war etwa 2,5 Kilometer lang, 200 bis 400 Meter breit und knapp 8 Meter tief. Nach der Elster-Eiszeit wurde er zum Tummelplatz der Tiere. Biber und Sumpfschildkröten schwammen im Gewässer, Großsäuger stillten hier ihren Durst: Rinder, Hirsche, Nashörner, Elefanten und Wildpferde. Dazu Bär und Wolf und nun obendrein die Großkatze mit auffälligem Mundwerkzeug.

Mittendrin der Homo heidelbergensis, der Waffenträger. Die Jagdszene der Altsteinzeit hat sich gut erhalten. Offensichtlich agierte hier eine Gruppe von Jägern äußerst intelligent und erntete reichlich Fleisch. Ausgerüstet mit geschnitzten Speeren, war der Hominide zum Räuber geworden, selbstbewusst, vielleicht gar furchtlos. Mit seiner Waffe vervielfachte er die Effektivität seiner Attacken – der Mensch auf dem Vormarsch, Proteinmangel war kein Thema mehr.

Trifft ein Frühmensch einen Säbelzahntiger

All das wird seit dem letzten Jahr im neu erbauten Forschungs- und Erlebniszentrum paläon präsentiert, kaum 300 Meter vom Fundort entfernt. Der neue Fund ist für den Geschäftsführer des paläon, Florian Westphal, wie "ein Sechser im Lotto", ein "Traumfund". Denn mit dem König unter den altsteinzeitlichen Raubtieren hat sich das Museum einen Sympathieträger, vor allem unter Kindern, ins Haus geholt: einen realen Diego, den Gefährten von Faultier Sid und dem mürrischen Mammut Manni aus der Ice Age-Serie.

Der Säbelzahntiger regt aber auch die Fantasie der Forscher an. "Sie sind sich begegnet", sagt Serangeli. Und er meint die Bestie und den Hominiden. Wunsch und wissenschaftliche Hypothese kommen hier zusammen. Denn auch Thomas Terberger, der archäologische Leiter der Schöninger Fundstätte, hält es für sehr wahrscheinlich, dass es zum Aug-in-Aug der Heidelbergenser Jäger mit der wilden Katze kam.

Die Schöninger Fundschicht, vermutet Terberger, offenbare uns ein Jagdgebiet, das immer wieder aufgesucht wurde. Zahnbewehrte Großkatze gegen gut bewaffneten Frühmenschen – die Vorstellung eines direkten Duells entzückt die Forscher. Auch wenn die Großkatzen unnötige Risiken gescheut haben dürften und die Menschen den Kampf mit diesem Gegner vermutlich nicht gesucht haben, zweierlei führte die Carnivoren an diesem Ort zusammen: der leere Magen und das Fleisch der Wildpferde.