DIE ZEIT: Herr Nerlinger, als Sportdirektor waren Sie drei Jahre lang verantwortlich für Vertragsabschlüsse beim FC Bayern und haben dabei eng mit Uli Hoeneß zusammengearbeitet. Wie war Ihr Verhältnis?

Christian Nerlinger: Ich war zeitweise eine Art Ziehsohn. Uli Hoeneß kann unheimlich viel Nähe zulassen. Es Freundschaft zu nennen wäre übertrieben, aber ich war im ersten Jahr schon eine Art Kronprinz.

ZEIT: Wie ist Ihre Beziehung heute?

Nerlinger: Wir haben nach meiner Absetzung noch einmal gemeinsam zu Abend gegessen. Die Vertrautheit wich, es herrschte professionelle Distanz – dieses Umschalten beherrscht er gut.

ZEIT: Sie standen ihm so nah wie wenige Menschen, grillten mit der Familie am Tegernsee, haben gemeinsam Trainer entlassen und Spieler verpflichtet. Wussten Sie von seiner Leidenschaft fürs Spekulieren?

Nerlinger: Natürlich habe ich das Interesse mitbekommen. Von der Steuerhinterziehung habe ich ausschließlich aus den Medien erfahren. Es ist für mich schwer vorstellbar, wie ein Mensch einen solchen Rucksack mit sich rumtragen kann. Die Gefängnisstrafe ist für ihn und für die gesamte Familie eine große Zäsur. Ich wünsche ihm Kraft, das durchzuziehen.

ZEIT: Können Sie ausschließen, dass bei den Vertragsverhandlungen, die Sie geführt und verantwortet haben, Geld veruntreut wurde?

Nerlinger: Ja. Zu hundert Prozent.

ZEIT: Der FC Bayern ist gerade wieder Meister geworden. Sind Sie traurig, nicht mehr dazuzugehören?

Nerlinger: Natürlich ist das ein intensives Gefühl. Einen großen Teil dieser Mannschaft habe ich mit aufgebaut. Wenn ich nur daran denke, wie sehr ich mich für die Beförderung und das Vertrauen in Philipp Lahm oder Bastian Schweinsteiger eingesetzt habe. Es ist schön zu sehen, dass sich die Arbeit gelohnt hat. Nun, zwei Jahre nach meiner Entlassung, bin ich nicht mehr wütend oder traurig, sondern stolz. Es hat jedoch ein Jahr gedauert, bis ich es geschafft habe, auch emotional Abstand zu gewinnen.

ZEIT: Über die Gründe Ihrer Freistellung haben Sie bisher geschwiegen. Daher die Frage: Wissen Sie überhaupt, warum Sie als Sportdirektor gehen mussten?

Nerlinger: Wegen Erfolglosigkeit, warum sonst?

ZEIT: Ihr Team stand damals im Pokal- und im Champions-League-Finale.

Nerlinger: Und scheiterte in beiden. Ich erinnere mich noch genau an diesen dramatischen Champions-League-Finalabend in München. Wir dominierten das Spiel gegen Chelsea total. Ich bin kein überaus emotionaler Mensch, aber in diesem Moment in der 88. Minute, als Didier Drogba das 1 : 1 köpfte, wusste ich: Das war’s – auch für mich. Wenn jetzt kein Wunder passiert und wir gewinnen, dann fliegst du raus. Wir hatten die Meisterschaft früh an Dortmund verloren, gegen die wir auch im Pokalfinale scheiterten, außerdem verschossen wir im ganzen Saisonverlauf entscheidende Elfmeter. Für all das musste jemand die Verantwortung übernehmen. In diesem Fall war das ich.

ZEIT: Wie wurden Sie informiert?

Nerlinger: In einem Vieraugengespräch mit Uli Hoeneß. Solche Dinge hat er als Gesamtpatriarch, als der er sich selbst bezeichnete, persönlich übernommen. Das Gespräch fand erst kurz vor Beginn der folgenden Saison statt. Bis dahin habe ich aus Pflichtbewusstsein weitergearbeitet und neue Spieler wie Dante oder Shaqiri verpflichtet, obwohl ich mir sicher war, dass ich diese nicht mehr als Sportdirektor bei den Bayern erleben werde. Ich begann mit zwölf Jahren in der Jugendmannschaft zu spielen, so was spüren Sie, wenn Sie so lange mit einem Verein verbunden sind.