Wie war das noch gleich mit der Generation Maybe, der eine Zigarettenreklame den Namen gab? Junge Menschen, Sie erinnern sich, blasse Figuren zwischen 20 und 35, die sich nie entscheiden können. Die morgens beim Bäcker immer alle aufhalten, weil sie nicht wissen, ob sie lieber Roggen- oder Mohnbrötchen wollen. Oder doch die Verkäuferin heiraten? Laufend gibt es neue Berichte über die Entscheidungsbehinderung einer ganzen Kohorte, gerade ist schon wieder ein Buch erschienen: Generation Maybe: Die Signatur einer Epoche.

In Büchern stehen aber immer nur die Probleme. Für Lösungen gibt es Apps. Tinder heißt eine, die den jungen Menschen endlich ihre Entscheidungsfähigkeit zurückgeben könnte. Tinder ist eine sehr schlichte Dating-App, die in der Generation Maybe gerade beliebt ist. Man darf auswählen, ob man Männer, Frauen oder beides sucht und wie alt sie sein sollen. Dann werden öffentliche Facebook-Profilbilder von anderen Tinder-Nutzern in der nahen Umgebung angezeigt. Falls vorhanden, auch gemeinsame Interessen und Freunde. Mehr erfährt man nicht.

Trotzdem muss der Tinder-Nutzer sich – und jetzt kommt die Herausforderung – entscheiden: Gefällt einem, was man sieht? Oder gefällt es einem nicht? Ein Maybe-Knopf fehlt. Überhaupt fehlen Knöpfe, denn Tinder setzt voll auf die große Geste des Smartphone-Zeitalters: das Wischen. Wischt man das Bild nach rechts, dann öffnet sich ein Chat-Kanal zu dem Menschen hinter dem Bild – sofern der einen auch nach rechts gewischt hat. Wischt man nach links, dann hat man den möglichen neuen Bekannten, Freund oder Liebhaber ausgeschlossen. Und zwar für immer, zurückholen ist nicht möglich. In Anlehnung an das unter Jugendlichen im Netz beliebte Akronym Yolo ("You only live once") geben die Tinder-Macher die Parole Yoso aus: "You only swipe once." Man wischt nur einmal.

So können sich die Nutzer ganz spielerisch wieder ans Entscheiden gewöhnen. Tinder ist für die Generation Maybe, was Dr. Kawashimas Gehirnjogging für die Nachkriegsgeneration ist: ein Minispielchen für U-Bahn-Fahrten und Wartezimmer, das die eigenen kognitiven Schwächen reparieren soll. Die Älteren joggen mit ihrem Gehirn, die Jüngeren machen Wisch-Training für den Entscheidungsmuskel. Nach links gewischt – schon wieder eine dieser vielen erdrückenden Möglichkeiten weniger. Gar nicht so schwer.