Die französische Autorin und Drehbuchautorin Emmanuèle Bernheim © Catherine Hélie/Editions Gallimard

Er ist 88 Jahre alt und kann sich nach einem Schlaganfall in seinem teilgelähmten Körper nicht wiedererkennen. Sucht in der sabbernden, nach Worten ringenden Gestalt vergeblich den amüsanten, schillernden, eindrucksvollen Gesellschaftslöwen der Kunstszene, der er bis eben noch war. Mag sich ein Leben ohne erfolgreiche Jagd nach dem neusten In-Lokal, dem letzten Auktionsergebnis, der nächsten Lustbarkeit nicht vorstellen. Er ist krank und zutiefst gekränkt. Demut ist seine Sache nicht. Und auch nicht der Blick ins eigene Seelenleben. Wer weiß, was dort lauern könnte. Kindheitsschmerz womöglich, der jetzt wieder aufscheint in ihm. Dann weint er. Er! Hat Angst. Das ist nicht er. So will er nicht sein.

"Ich möchte, dass du mir hilfst, Schluss zu machen."

Das sagt der Kunstsammler André Bernheim nicht seinem Arzt, sondern seiner zunächst schreckerstarrten Tochter Emmanuèle. Die erst panisch davonstürzt – und nun ein Buch geschrieben hat, in dem sie von ihrem Vater und seinem Freitod erzählt, von sich und ihrer Schwester, die als gefügige Töchter tun, was der Vater ihnen aufträgt. Sie nehmen Kontakt auf zu einem Schweizer Verein, der helfen wird, das Vorhaben zu verwirklichen. Sie beraten, organisieren, weinen.

Das Buch ist mal Psychodrama, mal Kriminalroman mit allem Zubehör von Juristen und Polizisten – die auftauchen, bevor es überhaupt eine Leiche gibt. Einen Kranken in die Schweiz zu transportieren, damit er dort den letzten Trank gereicht bekommt, ist auch in Frankreich eine juristisch delikate Angelegenheit. Und wenn man – wie die Bernheim-Töchter – an die Polizei verpfiffen wird, hat das Folgen.

Emmanuèle Bernheim ist eine preisgekrönte französische Schriftstellerin und Drehbuchautorin. Sie weiß, wie man Dramen in Szene setzt. Das Buch – eine rasante Aneinanderreihung von dichten Momentaufnahmen – entwickelt einen Sog. Es gibt Momente, da spürt man das dramaturgische Kalkül, da verliert sich die Beschwörung der seelischen Not im geschickten Arrangement der Szenen. Manchmal schleicht sich das Melodram ins Drama. Dann wieder gelingt es Bernheim, die kleinen banalen Szenen, wie sie sich, gleich neben dem großen Unglück, so oft abspielen, wunderbar einzufangen. Wie soll sie die Akte des Vorgangs nennen, in die sie die Unterlagen für die "Reise" in die Schweiz einordnen will, und welche Farbe soll sie wählen für die Mappe? Rosa? Braun? Da wird der Kummer aufs Nebengleis geführt – wie man es hin und wieder braucht, um große Bedrängnis ertragen zu können.

Emmanuèle Bernheim will ihren Vater nicht verlieren. Diesen willensstarken und vergnügungssüchtigen Mann, mit dem sie so wunderbar lachen kann. Der das Leben liebte und wohl hin und wieder auch einen hübschen Kellner. Der sich wenig geschert hat um die Gefühle anderer, auch nicht um die seiner Tochter. Nach ihrem ersten Fernsehauftritt hat er ihr gratuliert und gemeint, falls sie sich je die Nase richten lassen wolle, würde er ihr die Operation bezahlen. So war er. Immer. Wenn er sie jetzt aus seinem Krankenbett zärtlich anlächelt, ist ihr Hals wie zugeschnürt vor Glück. Da wundert sich der Leser dann doch.

Während die Tochter Psychopharmaka schluckt und sich die Nägel abkaut, zum Analytiker, zum Hausarzt, zum Liebsten, zum Notar, zur besten Freundin sich flüchtet in ihrer Not, zeigt der Vater keine Zweifel, keine Angst. Da er nicht mehr schreiben kann, muss er in die Kamera sagen, dass er wirklich und freiwillig in den Tod gehen will. Er tut es bravourös. Wie war ich, fragt er hinterher.

Und dann geht es ihm gesundheitlich besser. Er kann wieder essen, trinken, lesen und sprechen – und hält dennoch unbeirrt fest an seinem Plan. Was ist, wenn ihn ein zweier Schlaganfall verwüstet? Er weiß um das hohe Risiko. Er wählt nicht die Hoffnung, sondern die Gewissheit. Und bleibt heiter und froh in seiner Entscheidung. Bewundernswert? Beneidenswert? Das muss jeder Leser für sich entscheiden und sich fragen, ob er dereinst die Kraft zur Krankheit oder die Kraft zum Freitod aufbringen möchte. Es sind heikle Abwägungen. Wer weiß, was einem erspart bleibt, wenn man den Freitod wählt. Wer weiß, was man in sich verpasst. Auch Sterben sei Lebenszeit, sagen Palliativmediziner. Eine Zeit, in der manch Kranker erst wirklich zu leben lerne.

Die Ars Moriendi, die Kunst des Sterbens, ist kein Thema des Buches. Wie hier überhaupt Fragen nach dem Sinn des Lebens und Sterbens so gut wie nicht gestellt werden. Hier wird nicht existenziell gegrübelt, sondern existenziell gehandelt. Und es ist der Wille des Vaters, der das Gesetz des Handelns vorgibt. Bernheim vermeidet es, die Frage zu beantworten, ob ihr Vater einen vorbildhaften Weg gegangen ist. Für ihn war es offenbar der richtige Weg.