DIE ZEIT: Stimmt es, dass Sie von Ihren ausländischen Managerkollegen bemitleidet werden?

Stephan Reimelt: Warum sollte das so sein?

ZEIT: Weil Sie sich mit der deutschen Energiewendepolitik herumschlagen müssen.

Reimelt: General Electric (GE) hat sich in Deutschland große Ziele gesetzt. Diese Ziele haben wir in den vergangenen drei Jahren erreicht. Es gibt also keinen Anlass, mich zu bemitleiden. Aber natürlich ist es schon so, dass die Energiewende uns sehr volatile Zeiten beschert.

ZEIT: Volatile Zeiten?

Reimelt: Die Unsicherheit für unsere Industrie wächst. Anfang des Jahres hat der Gesetzgeber beispielsweise eine Neuregelung des EEG angekündigt, die auch unsere in der Planung befindlichen Windanlagen betrifft. Wie die neue Regelung aussehen wird, ist aber bis heute nicht klar. Das ist irritierend.

ZEIT: Wie oft haben Sie Ihren amerikanischen Kollegen und denen aus den 158 anderen Ländern, in denen GE aktiv ist, erklären müssen, was die Deutschen veranstalten?

Reimelt: Sehr oft.

ZEIT: Und was sagen die dazu?

Reimelt: Die stellen zwei Fragen. Erstens fragen sie, ob Deutschland wirklich nachhaltig aus der Atomenergie aussteigt.

ZEIT: Ihre Antwort?

Reimelt: Ich glaube, der Ausstieg wird von einer breiten gesellschaftlichen Mehrheit getragen.

ZEIT: Die zweite Frage ...

Reimelt: ... ist die, wie es weitergeht in Deutschland. Bei der Energiewende ist Deutschland auf bestem Weg, sich selbst Steine in den Weg zu legen. Wir sind zwar technologisch viel weiter, als es die Energiewende von uns fordert. Aber die Balance zwischen Innovation und Subvention ist aus dem Ruder gelaufen. Wer die Erzeugung regenerativer Kilowattstunden mit 20 Milliarden Euro subventioniert, aber nur 200 Millionen für Forschung ausgibt, macht einen Fehler.

ZEIT: Warum ist Innovation so wichtig?

Reimelt: Deutschland hat kaum Energierohstoffe. Nicht umsonst wachsen wegen der Krimkrise ja gerade die Ängste vor Abhängigkeiten. Unsere Rohstoffe heißen Innovation und Intelligenz. Auch deshalb ist GE mit seinem Forschungszentrum nach München gegangen; wir verdoppeln jetzt seine Kapazität. Deutschland mit seiner Energiewende ist im Augenblick das größte Energielabor der Welt. Wer global Erfolg haben will, muss an diesem Energielabor teilhaben.

ZEIT: Ist die Energiewende ein Abenteuer?

Reimelt: Es geht darum, Dinge auszuprobieren. Ein Beispiel: Wir haben entschieden, ein Hybridkraftwerk zu bauen, nicht virtuell, sondern real: Auf dem Dach unseres rund 1.000 Mitarbeiter zählenden Standorts in Berlin werden Solarzellen montiert, im ersten Stock wird ein größerer Akku stehen und im Keller ein Gasmotor mit einer intelligenten Steuerung. Der Betrieb der Anlage soll uns zeigen, welche Möglichkeiten der Energieeffizienz sich erschließen lassen, wenn Erzeugung und Verbrauch synchronisiert werden. Das Kraftwerk soll im Spätsommer laufen.