Als Aysche Schlipf bei Trumpf anfing, war ihr zweites Kind gerade einmal neun Monate alt. Trumpf ist ein Hochtechnologieunternehmen im baden-württembergischen Ditzingen; Schlipf, 29, ist Versuchsingenieurin für 2-D-Laserschneidmaschinen – auf einer 80-Prozent-Stelle. An zwei Tagen in der Woche geht sie früher nach Hause. "Ich brauche Freiheiten, anders geht es nicht", sagt sie.

Schlipf hat studiert, sie will arbeiten und erfolgreich sein – aber eben nicht nur. Die Familie ist ihr genauso wichtig. Darauf müsse sich ihr Arbeitgeber einstellen, findet sie. Schlipf ist eine typische Vertreterin der Generation, die Soziologen als Generation Y bezeichnen, weil sie die Prioritäten ihrer Vorgänger infrage stellt. Und damit ihren Arbeitgeber vor eine große Herausforderung.

Jahrzehntelang standen die Mitarbeiter ihren Firmen zu festen Zeiten zur Verfügung, ihr Privatleben ordneten sie komplett der Arbeit unter. Nun bringen die jungen Bewerber dieses System auf einmal ins Wanken. Wahlarbeitszeit, Sabbatical, Gleitzeit, Elternzeit, Home-Office – ihr Wunsch nach größtmöglicher Flexibilität beißt sich mit den alten Arbeitsstrukturen. Die Unternehmen müssen damit umgehen. Einige kämpfen noch damit.

"Wir wollen die Besten, also müssen wir uns fragen: Was wollen die Besten?", sagt Gerhard Rübling, der dort Geschäftsführer für Personal ist. Als promovierter Soziologe spricht er von kulturellem Wandel und davon, dass sich Unternehmen wie Trumpf der Gesellschaft anpassen müssten, "nicht umgekehrt". Daher hat er ein Arbeitszeitmodell entwickelt, das Angestellten wie Aysche Schlipf Flexibilität ermöglicht. Ein Beispiel: Alle zwei Jahre darf Schlipf entscheiden, wie viel sie arbeiten möchte. Damit kann sie ihren Job ihrer jeweiligen Lebenssituation anpassen. Anfangs arbeitete sie 35 Stunden die Woche. Dann merkte sie, dass sie mehr Zeit für die Kinder wollte, also reduzierte sie auf 30 Stunden. Wenn die Kinder älter sind, kann sie die Stundenzahl auch wieder erhöhen. Nachdem Trumpf 2011 das Arbeitszeitmodell gestartet hatte, stiegen die Bewerberzahlen um 85 Prozent. Inzwischen bekommt das Unternehmen, das 10.000 Mitarbeiter hat, rund 800 Bewerbungen im Monat – ein Viertel mehr als zu Zeiten des alten Arbeitsmodells. Und das an einem Standort nahe Stuttgart, wo unter anderem Daimler, Porsche und Bosch sitzen und um den Nachwuchs buhlen. Flexibilität anzubieten bedeutet hier auch, die Konkurrenz anderer Unternehmen auszuhebeln.

"Wer um den Nachwuchs kämpfen muss, stellt sich schneller um", sagt Jutta Rump, die sich an der Fachhochschule Ludwigshafen mit Personalwesen beschäftigt und das Institut mit dem sperrig klingenden Namen "Beschäftigung und Employability" leitet. Krankenhäuser und IT-Unternehmen sowie Firmen, die Ingenieure und technische Mitarbeiter brauchen – das sind die Vorreiter des Wandels.

Gleichzeitig gibt es Branchen, die sich mit der Umstellung von Natur aus schwerertun. So hat der Automobilhersteller Porsche zwar jüngst verkündet, seine Beschäftigten könnten auch von zu Hause aus arbeiten. Allerdings gilt das nur für vier Prozent der Belegschaft und an höchstens zwei Tagen in der Woche. In einem stark strukturierten System wie der Produktion sind die Gestaltungsmöglichkeiten geringer.

Wer um den Nachwuchs kämpfen muss, stellt sich schneller um.
Jutta Rump, Personalerin

Unternehmen, die von Kunden abhängig sind, sind ebenfalls weniger flexibel. Wie die Unternehmensberatung Q_Perior, spezialisiert auf IT und Business. Ihr Personalmanager Henrich Götz weiß, dass der Markt hart umkämpft ist und Q_Perior sich auf die Bewerber einlassen muss. Aber er sagt auch: nicht um jeden Preis. "Als Berater sind wir Dienstleister und müssen uns nach den Wünschen der Kunden richten." Von zu Hause aus arbeiten könne ein Berater nur, wenn der Kunde das in Ordnung finde. "Natürlich leidet die Work-Life-Balance, wenn jemand ein halbes Jahr lang fünf Tage die Woche auf Projekt ist", sagt Götz. "Aber das ist nun mal der Job."

Gerhard Rübling, der Personalchef von Trumpf, hatte mit einer anderen Herausforderung zu kämpfen. "Es war schwierig, den jüngeren Mitarbeitern entgegenzukommen und gleichzeitig an die älteren zu denken", sagt er. Die nach 1980 Geborenen machen in seinem Unternehmen rund ein Drittel der Belegschaft aus. Beim Rest stieß seine Idee zum Arbeitszeitmodell anfangs auf Widerstand. Der Betriebsrat war dagegen, und auch in der Geschäftsführung zeigten sich viele skeptisch: Wie soll das funktionieren, wenn nichts mehr einheitlich ist? Wie soll man reagieren, wenn alle Mitarbeiter weniger arbeiten wollen? "Das wird nicht passieren", da war sich Rübling sicher. "Die Lebensläufe sind stabil, die meisten Mitarbeiter sind auf ein bestimmtes Einkommen angewiesen." Er hat recht behalten: Nur rund 15 Prozent der Belegschaft nutzen die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit anzupassen. Etwa drei Viertel von ihnen arbeiten sogar mehr, als sie müssten.

Flexibilität kostet

Wenn man Gerhard Rübling nach seinem persönlichen Rhythmus fragt, lacht er nur. Seinen eigenen Joballtag hat das neue Arbeitszeitmodell nicht verändert. Die Wissenschaftlerin Jutta Rump sieht so eine Haltung kritisch: "Um eine Arbeitskultur grundlegend zu verändern, müssen alle mitmachen", sagt sie, "auch diejenigen, die Führungspositionen haben." Mitarbeiter brauchten Vorbilder, die auch mal von zu Hause aus arbeiten oder schon um 16 Uhr das Büro verlassen. "Wenn das nicht passiert, ist es schwierig, neue Strukturen zu etablieren."

Matthias Henze hat als Chef nicht einmal ein eigenes Büro. Der 36-Jährige ist Mitgründer von Jimdo, einem Start-up mit Sitz in Hamburg, das Webseiten-Baukästen anbietet. In dem großen Loft sitzen alle zusammen, eine Flowmanagerin optimiert die Arbeitsprozesse. Demnächst wird es eine eigene Jimdo-Kita geben, die Angestellten durften mitentscheiden, wer ihre Kinder dort betreut. Urlaubstage muss man nicht beim Chef einreichen, sondern mit dem jeweiligen Team absprechen. Genauso läuft es mit dem Home-Office und der Frage, wann man morgens im Büro erscheint. Ein Ideal-Arbeitgeber für Ypsiloner.

Das Unternehmen entspringt ja auch dieser Generation – es ist noch jung. "Wir mussten keine bestehenden Strukturen ändern, sondern haben alles neu aufgebaut", sagt Henze. Trotzdem glaubt er, dass auch ältere und größere Unternehmen den Wandel schaffen – wenn sie es denn wollen. Auch Jutta Rump ist überzeugt davon, dass Unternehmensgröße und Flexibilität nicht voneinander abhängen. "Gewiss sind große Firmen schwerfälliger, aber wenn der Unternehmer etwas verändern möchte, gelingt das auch mit mehreren Tausend Mitarbeitern." Trumpf-Personalchef Gerhard Rübling spricht von einer "agilen Organisation", die ein Unternehmen brauche, um wandlungsfähig zu sein. Er sieht die Herausforderung eher bei den Mitarbeitern: "Für die kann so ein Arbeitszeitmodell anstrengender sein, weil sie plötzlich entscheiden müssen", sagt er. "Freiheit bedeutet, die Wahl zu haben."

Sie hat auch einen gewissen Preis. Flowmanagerin, Kita und andere Extras – umsonst ist das alles nicht zu haben. Trotzdem machen Henze und die beiden anderen Mitgründer dafür keine Kosten-Nutzen-Rechnung auf. "Wir fragen uns nicht: Ist es das wert? Sondern: Macht das Sinn?" An dem Mitarbeitergehalt änderten die Besonderheiten nichts – sie seien Teil der Unternehmenskultur.

Und auch wenn bei Jimdo viele erst um elf Uhr ins Büro kommen, es Schlafkojen gibt und freitags gemeinsam gefrühstückt wird – der Kundendienst hat feste Arbeitsschichten. Hier unterscheidet sich Jimdo nicht von Q_Perior. "Wir haben lange miteinander gesprochen und versucht, eine Lösung zu finden, die für alle passt", sagt Matthias Henze. Die Lösung beinhaltet einen Gehaltszuschlag. Auch so kann ein Zugeständnis aussehen.

"Es gibt Unternehmen, die Schichtarbeit mit zusätzlichen Urlaubstagen entlohnen. Freizeit ist heute mehr wert als Geld", sagt die Wissenschaftlerin Jutta Rump. Dann muss sie auflegen – Zeit zum Boarding. Sie hat das Interview am Handy gegeben, während sie am Flughafen in Berlin auf ihren Abflug gewartet hat. Rump glaubt übrigens nicht, dass nur die Generation Y am Wandel der Arbeitsbedingungen schuld ist. "Als Katalysator beschleunigt sie einen Prozess – den es ohne sie aber auch gegeben hätte", sagt sie. Und, kurz bevor die Verbindung abbricht: "Seien wir mal ehrlich: So hätte es doch schon immer sein sollen!"