Im Sommer 1914, als der Krieg begann, war Georg Herwegh schon vier Jahrzehnte tot. Er hatte das große Morden vorausgeahnt, früher als andere. Er hatte es gleichsam vorausberechnet, aus dem, was er 1870/71 miterlebt hatte: dem patriotischen Rausch nach dem Krieg gegen Frankreich und der Einigung des Reiches unter der Kaiserkrone, unter Preußens Pickelhaube. Dabei war Herwegh kein Politiker, kein Diplomat. Er war im 19. Jahrhundert neben Heinrich Heine und Ferdinand Freiligrath der populärste Dichter deutscher Sprache – und ist bis heute einer der umstrittensten; noch vor wenigen Jahren erschien eine Biografie, die ihn als Polithysteriker zu denunzieren suchte.

Seit Lebzeiten sind seine Gedichte in Auswahlbänden zusammengestellt worden, eine Werkausgabe aber fehlte bislang. Nun erscheint sie, in sechs Bänden, und bis auf zwei ist sie vollendet. Sie ermöglicht es, einen Dichter zu entdecken, der zu unseren hellsten Köpfen gehört, einen politischen Wortkünstler, der seine Epoche geprägt hat.

Und das vom ersten Buch an: Denn bereits Herweghs anonym erschienener Erstling, die Gedichte eines Lebendigen, sorgt 1841 für Furore und macht den 24-Jährigen zum Bestsellerautor. Aus dem Schweizer Exil nach Deutschland geschmuggelt und oft zum Wucherpreis unterm Ladentisch verkauft, überflügelt das verbotene Bändchen in wenigen Monaten sogar Heines Buch der Lieder.

Es ist ein Fanal der Hoffnung für die demokratische Opposition unter dem Metternich-Regime, die seit dem Hambacher Fest 1832 die Faust nur noch in der Tasche zu ballen wagt. Die verbotenen Verse sind schnell in allen deutschen Königreichen, Klein- und Kleinststaaten verbreitet. Auch Studenten, die sich kaum eigene Bücher leisten können, rezitieren, singen die rebellischen Hits, einzelne Zeilen bekommen Flügel: "Wir haben lang genug geliebt / Und wollen endlich hassen!", "Reißt die Kreuze aus der Erden! / Alle sollen Schwerter werden!", "O wag’ es doch, nur Einen Tag, / Nur Einen, frei zu sein", "Und durch Europa brechen wir / Der Freiheit eine Gasse!".

Über Nacht ist politische Lyrik zum Massenmedium geworden. Vom Autor jedoch weiß das begeisterte Publikum zunächst nur, dass er ein junger Deutscher ist, der in der Schweiz lebt. Als Redakteur der Exilzeitung Deutsche Volkshalle hat sich Herwegh bereits einen Namen gemacht. Auch als Theaterkritiker, als Übersetzer Lamartines, Bérangers und Shelleys ist er kein Unbekannter mehr.

Seine Ansprüche an die politische Dichtung sind hoch. Die Vorbilder heißen Schiller, den er nicht zum "Nationaldichter" hochgebimmelt wissen will, sondern als europäischen Dichter der Freiheit rühmt, Hölderlin – der verschollene Alte, den er im Tübinger Turm besucht und dessen Leiden am Vaterland nicht vergessen sein soll – und Georg Büchner, der Dichterbruder, den er als Genius der neuen Zeit erkennt. Auch Herwegh will ein Dichter der Hütten, nicht der Paläste sein. Er fordert eine Literatur, die mit dem Volk nicht über, sondern in der Zeit stehen und eintreten soll "für das Recht des Sklaven gegen den Freien, des Armen gegen den Reichen, des Menschen gegen den Aristokraten, der Republik gegen die Monarchie".

Sein Ziel ist die deutsche Demokratie, die europäische Republik

Geboren 1817 in Stuttgart als Sohn eines Gastwirts, hat er die württembergische Eliteausbildung durchlaufen – Kloster Maulbronn und Tübinger Stift (das er allerdings wegen Aufsässigkeit verlassen muss) – und sich rasch freigeschrieben. 1839 ist er vor dem Militärdienst in die Schweiz geflohen. Dort sind auch seine Gedichte eines Lebendigen erschienen.

Da sich die Zensur in Preußen ein wenig gelockert hat, wagt Herwegh 1842 seine Rückkehr nach Deutschland, die zu einem einzigen Triumphzug wird. Allüberall empfängt man den "Lebendigen" wie einen Freiheitshelden. Die gleichaltrige Emma Siegmund, Tochter eines Berliner Modehausbesitzers und Hoflieferanten, verliebt sich derart in seine glutvollen Verse, dass sie den Dichter zu ihrem Herzensbräutigam erwählt und ins Elternhaus einlädt. Und Emma macht keine halben Sachen: Nach 14 Tagen wird Verlobung gefeiert.

Viele Deutsche feiern mit, Staats- und Militärkapellen spielen Herwegh zu Ehren sogar die Marseillaise. Theodor Fontane, Conrad Ferdinand Meyer und Gottfried Keller ergreift ebenfalls das Herwegh-Fieber, und Heine in Paris begrüßt den jungen Kollegen bewundernd-ironisch als "eiserne Lerche". So mitreißend und leidenschaftlich hat bislang kein anderer die Sehnsucht nach Volkssouveränität in Verse gefasst.

Preußens Friedrich Wilhelm IV., um eine populistische Geste nie verlegen, empfängt ihn; die Begegnung verläuft eher frostig. Kurz darauf verbietet der König eine geplante literarische Zeitschrift, verschärft die Zensur und verbannt den just Verlobten aus Berlin. Begleitet von einer Hetzkampagne der preußischen Presse, bekommt Herwegh nun auch den Spott falscher Freunde zu spüren, die ihn für die neue politische Eiszeit verantwortlich machen. Dessen ungeachtet bilden sich in vielen Städten Herwegh-Klubs, und Junglyriker wie Paul Heyse – 1910 wird er den Nobelpreis erhalten – zwitschern übermütig im Ton der "eisernen Lerche".

Ein Leben in Paris, dem "Wartesaal der Revolution"

Georg Herwegh (1817–1875)

Zurück in der Schweiz, veröffentlicht Herwegh 1843 den zweiten Band seiner Gedichte eines Lebendigen, der indes nicht den Erfolg des ersten erreicht. Die Leser vermissen den rebellischen Überschwang. Herwegh allerdings ist keineswegs gezähmt, im Gegenteil: Seine Aussagen sind konkreter geworden. Die Freundschaft mit Karl Marx, Friedrich Engels, Moses Hess und den französischen Frühsozialisten hat ihn verändert; die Niederschlagung des schlesischen Weberaufstands durch das preußische Militär 1844 tut ein Übriges. Seine Parteinahme zeigt fortan eine soziale Dimension: In Heines und Herweghs Weberliedern, in der Ballade Vom Armen Jakob und von der kranken Lise klingt ein neuer Ton an.

Georg und Emma Herwegh leben nun in Paris, dem "Wartesaal der Revolution". Dort verkehren sie nicht nur in den Salons mit Iwan Turgenjew, Michail Bakunin, mit Heine, George Sand, Franz Liszt, Victor Hugo, sondern suchen auch die Begegnung mit den aus Deutschland zugewanderten Handwerkern und Arbeitern, die zu Zehntausenden in Paris ihr Brot zu verdienen hoffen. Als im Februar 1848 die Revolution losbricht, stehen neben Russen, Polen, Ungarn, Italienern deutsche "Armutsflüchtlinge" auf den Barrikaden. Die Deutsche Democratische Gesellschaft in Paris wählt Herwegh zu ihrem Sprecher. Auf den Revolutionsfeiern repräsentiert er, mit schwarz-rot-goldner Schärpe, das noch zu erkämpfende Deutschland: "Es lebe die Freiheit, die Gleichheit, die Bruderliebe! Es lebe die Demokratie! Es lebe die europäische Republik!"

Als die Revolution in Windeseile über den Rhein springt, wollen die Handwerker und Bauernsöhne schnellstmöglich heim und mitkämpfen. Etwa viertausend exerzieren bereits unter Anleitung emigrierter Offiziere. Die Männer bitten ihren Präsidenten, seinen Liedern die Tat folgen zu lassen und sie nach Deutschland zu führen, zur Unterstützung von Friedrich Hecker, der von Konstanz aus aufgebrochen ist, die deutsche Republik zu erzwingen.

Dass ein Lyriker kaum als Heerführer taugt und sein Jawort töricht und romantisch gewesen sei, lässt sich im Nachhinein leicht sagen. Marx warnt vor dem Abenteuer, schimpft den Freund gar einen "Lumpen". Doch von Emma und Bakunin gedrängt, übernimmt Herwegh die Führung. Nach langem Fußmarsch durch Frankreich erreicht die auf 700 Mann und eine Frau (Emma, in Männerkleidern) geschmolzene Schar den Rhein. Hecker allerdings ist da bereits geschlagen, und so befindet sich Herweghs Legion, gejagt von hessischen und württembergischen Truppen, bald nur noch auf der Flucht durch Matsch und Schnee. Emma leitet den Rückzug auf steilen Pfaden über die Höhen des Schwarzwalds, bis die Legion schließlich von königlichen Truppen gestellt und trotz erbittertem Widerstand in die Flucht getrieben wird. Am Ende sind dreißig junge Männer gestorben, die für eine demokratische Zukunft gekämpft hatten.

Der populäre amerikanische Historiker Gordon A. Craig verteidigte 1988 in seinem Buch Geld und Geist den Freiheitskampf gegen alle üble Nachrede vom "kläglichen Versagen" und von der "feigen Flucht": "Wenn auch die Gegner Herweghs versuchten, seinen Feldzug ins Lächerliche zu ziehen, so war es, unvoreingenommen betrachtet, doch ein ehrenhaftes, einer edlen Sache gewidmetes und unter großem persönlichen Risiko durchgefochtenes Unternehmen."

Sogar von vielen seiner einstigen Freunde wird Herwegh jetzt totgesagt. Oft wissen sie es nicht besser. Denn was er zum fatalen Fortgang der Revolution schreibt, Aufsätze, grandiose Glossen und bissige Satiren, erscheint nur noch anonym oder im Ausland. Manch Wendegewandter, der von Herweghs Unbeugsamkeit weiß, nimmt es ihm übel, dass er weiterhin auf Demokratie besteht, wortgewaltig Rache fordert für die Ermordung Robert Blums am 9. November 1848 in Wien oder das timide Paulskirchenparlament bespöttelt. Dabei erkennt er klar den großen Fehler, den die Demokraten begingen, als sie vor Deutschlands Thronen, vor allem dem in Berlin, haltgemacht haben.

Die neue Herwegh-Ausgabe zeigt, wie es dem "Nachmärzdichter" gelingt, trotz Maulkorb und Berufsverbot, trotz dramatischer Ehekrisen, Krankheit und Resignation produktiv zu bleiben. Im Zürcher Haus Wesendonck und auf dem Landgut Mariafeld von Eliza und François Wille bei Meilen ist er oft zu Gast, hier trifft er andere Asylanten wie Richard Wagner und den Dresdner Architekten Gottfried Semper. Doch das Geld wird knapp. Die Buchhonorare versiegen, seine Frau ist nach dem Freischarzug enterbt worden. Mühsam versucht Herwegh, mit Shakespeare-Übersetzungen und Artikeln für französische Blätter die inzwischen fünfköpfige Familie über Wasser zu halten. Ein Angebot des Großherzogs von Weimar, der ihn an seinen "Musenhof" locken will, lehnt Herwegh 1861 ab, lieber lässt er die kostbare Bibliothek versteigern.

1863 eröffnet sich eine neue Perspektive. Herwegh, inzwischen Schweizer Korrespondent von Lassalles Allgemeinem Deutschem Arbeiterverein, schreibt für seinen "teuren Fernando furioso" das Bundeslied: "Mann der Arbeit, aufgewacht! / Und erkenne deine Macht! / Alle Räder stehen still. / Wenn dein starker Arm es will." Der Text begeistert. "Es hat neulich", berichtet Lassalle, "im Arbeiterverein den lautesten Enthusiasmus hervorgerufen, und auf meine Aufforderung hat sich die ganze Versammlung zum Zeichen des Dankes für den Dichter erhoben."

Die Verse des Bundesliedes sind – wie manches von Schiller oder Heine – längst Volksgut geworden. Viele, die sie heute zitieren, wissen den Autor schon nicht mehr zu nennen. Vertont von Hans von Bülow, wurden sie trotz Verbots überall gesungen: "Brecht das Doppeljoch entzwei! / Brecht die Not der Sklaverei! / Brecht die Sklaverei der Not! / Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!"

Mit Feuer engagiert sich der Sozialist Herwegh für die wachsende Arbeiterbewegung, schreibt an der Seite von Marx, Engels und August Bebel für Wilhelm Liebknechts Leipziger Zeitschrift Der Volksstaat und wird Ehrenkorrespondent der Internationalen Arbeiterassoziation. Er selber lebt längst auf Armenhausniveau. 1866 muss der hoch verschuldete Dichter fluchtartig die Schweiz verlassen. Immerhin ermöglicht eine Amnestie in Baden einen bescheidenen Neuanfang. Zurückgezogen in Baden-Baden, attackiert er weiterhin soziales Unrecht, streitet er ebenso gegen Preußens Militarismus wie gegen die Großmachtpolitik Österreichs ("Gott segne ihnen ihren freien deutschen Po!"), wie gegen die kommode Despotie Napoleons III. in Frankreich.

"Das arme Menschenherz muß stückweis brechen"

Zu einem Schock wird 1870 der Deutsch-Französische Krieg. Herwegh empfindet ihn als blutiges Unrecht; der Triumph des Militärs ist ihm ein Albtraum: "Schwarz, weiß und rot! um ein Panier / Vereinigt stehen Süd und Norden; / Du bist im ruhmgekrönten Morden / Das erste Land der Welt geworden: / Germania, mir graut vor dir! // Mir graut vor dir, ich glaube fast, / Daß du, in argen Wahn versunken, / Mit falscher Größe suchst zu prunken / Und daß du, gottesgnadentrunken, / Das Menschenrecht vergessen hast."

Während andere Intellektuelle Mittelalter-Mumpitz und Hurra-Gebrüll verfallen sind und Emanuel Geibel "am deutschen Wesen die Welt genesen" lassen will, bleibt Herwegh kalt. In scharfen Worten beklagt er die "Franzosenfresserei" und die "Akte der Barbarei" während des Krieges – wie die Bombardierung Straßburgs und die Vernichtung der dortigen Bibliothek, eine Untat, die vorausweist auf die Zerstörung der Bibliothek von Löwen durch deutsche Truppen im Ersten Weltkrieg.

Das "Reich der Reichen" ist ihm ein Graus

Mitten im Siegesgedröhn fordert er einen gerechten Frieden und die Aussöhnung der Völker; die fatale Annexion Elsass-Lothringens lehnt er ab. Das "Reich der Reichen" ohne Freiheit und soziale Gerechtigkeit ist ihm genauso ein Graus wie eine sinnentleerte "Einheit": "Nur diese war’s, die wir erstrebt, / Die Einheit, die man auf den Namen / Der Freiheit aus der Taufe hebt; / Doch eure stammt vom Teufel: Amen!"

Eiserne Lerche versus Eiserner Kanzler: Dass sich der Bismarck-Gegner Herwegh mit seinen Ansichten keine Freunde macht, kümmert ihn wenig. Vielmehr sieht er bei der Geburt des Reichs aus "Eisen und Blut" den künftigen Untergang voraus und warnt vor "Kriegsidiotentum, Gewalt". Nicht Frankreich – Preußen ist "Deutschlands Erbfeind", davon bleibt er überzeugt. Nationalismus ist ihm nun fremd: "Nationalität trennt, Freiheit verbindet."

1873, ein Vierteljahrhundert nach dem Aufbruch von 1848, schreibt er ein letztes großes Gedicht, mit dem er an das Vermächtnis der Freiheitskämpfer erinnert, die in Berlin gefallenen sind: "Achtzehnhundert vierzig und acht, / Als im Lenze das Eis gekracht, / Tage des Februar, Tage des Märzen, / Waren es nicht Proletarierherzen, / Die voll Hoffnung zuerst erwacht /Achtzehnhundert vierzig und acht? // [...] // Achtzehnhundert siebzig und drei, / Reich der Reichen, da stehst du, juchhei! / Aber wir Armen, verkauft und verraten, / Denken der Proletariertaten – / Noch sind nicht alle Märze vorbei, / Achtzehnhundert siebzig und drei."

Die Reaktion der Reaktionäre bleibt nicht aus. Herwegh sei nichts weiter als "ein Trunkenbold der Phrase", wettert der preußische Hofhistoriker Heinrich von Treitschke, für dessen Antisemitismus ("Die Juden sind unser Unglück") Herwegh nur ein Wort übrig hat: "Die Rassenfrage gehört in die Gestüte, nicht in die Geschichte."

Aber lange muss er das Kaiserreich nicht mehr ertragen. Am 7. April 1875 stirbt Georg Herwegh in Baden-Baden. Ich möchte hingehn wie das Abendrot, hatte er sich einst in seinem großen Todesgedicht gewünscht, das Franz Liszt so ergreifend vertont hat. Aber er wusste: "Wohl wirst du hingehn, hingehn ohne Spur, / Doch wird das Elend deine Kraft erst schwächen, / Sanft stirbt es einzig sich in der Natur, / Das arme Menschenherz muß stückweis brechen."

Emma lässt den Leichnam nach Liestal überführen, der Hauptstadt des Kantons Basel, Georg wollte in freier Erde begraben sein. Die deutsche Heimat bleibt ihm auf ihre Weise treu: Als 1877 in der Schweiz der Band Neue Gedichte erscheint, wird er sogleich konfisziert. Julius Grosse, Generalsekretär der Weimarer Schillerstiftung, die Herweghs Familie nach seinem Tod unterstützt hat, will sogar diese (spärliche) Gabe kürzen: "Wer im Stande ist, dergleichen Schmähungen auf Kaiser und Reich zu publiciren, dessen Name verdient für immer aus den Annalen deutscher Literatur gestrichen zu werden."

Dies gelang nicht, die Werkausgabe belegt es aufs Schönste. Und sie macht es nun auch möglich, Herweghs Leben als Ganzes zu sehen und seine Biografie zu schreiben, die so oft durch Klatsch, Klischee und Hetze entstellt worden ist: die Biografie eines großen deutschen Dichters, eines hellsichtigen Demokraten.