Georg Herwegh (1817–1875)

Zurück in der Schweiz, veröffentlicht Herwegh 1843 den zweiten Band seiner Gedichte eines Lebendigen, der indes nicht den Erfolg des ersten erreicht. Die Leser vermissen den rebellischen Überschwang. Herwegh allerdings ist keineswegs gezähmt, im Gegenteil: Seine Aussagen sind konkreter geworden. Die Freundschaft mit Karl Marx, Friedrich Engels, Moses Hess und den französischen Frühsozialisten hat ihn verändert; die Niederschlagung des schlesischen Weberaufstands durch das preußische Militär 1844 tut ein Übriges. Seine Parteinahme zeigt fortan eine soziale Dimension: In Heines und Herweghs Weberliedern, in der Ballade Vom Armen Jakob und von der kranken Lise klingt ein neuer Ton an.

Georg und Emma Herwegh leben nun in Paris, dem "Wartesaal der Revolution". Dort verkehren sie nicht nur in den Salons mit Iwan Turgenjew, Michail Bakunin, mit Heine, George Sand, Franz Liszt, Victor Hugo, sondern suchen auch die Begegnung mit den aus Deutschland zugewanderten Handwerkern und Arbeitern, die zu Zehntausenden in Paris ihr Brot zu verdienen hoffen. Als im Februar 1848 die Revolution losbricht, stehen neben Russen, Polen, Ungarn, Italienern deutsche "Armutsflüchtlinge" auf den Barrikaden. Die Deutsche Democratische Gesellschaft in Paris wählt Herwegh zu ihrem Sprecher. Auf den Revolutionsfeiern repräsentiert er, mit schwarz-rot-goldner Schärpe, das noch zu erkämpfende Deutschland: "Es lebe die Freiheit, die Gleichheit, die Bruderliebe! Es lebe die Demokratie! Es lebe die europäische Republik!"

Als die Revolution in Windeseile über den Rhein springt, wollen die Handwerker und Bauernsöhne schnellstmöglich heim und mitkämpfen. Etwa viertausend exerzieren bereits unter Anleitung emigrierter Offiziere. Die Männer bitten ihren Präsidenten, seinen Liedern die Tat folgen zu lassen und sie nach Deutschland zu führen, zur Unterstützung von Friedrich Hecker, der von Konstanz aus aufgebrochen ist, die deutsche Republik zu erzwingen.

Dass ein Lyriker kaum als Heerführer taugt und sein Jawort töricht und romantisch gewesen sei, lässt sich im Nachhinein leicht sagen. Marx warnt vor dem Abenteuer, schimpft den Freund gar einen "Lumpen". Doch von Emma und Bakunin gedrängt, übernimmt Herwegh die Führung. Nach langem Fußmarsch durch Frankreich erreicht die auf 700 Mann und eine Frau (Emma, in Männerkleidern) geschmolzene Schar den Rhein. Hecker allerdings ist da bereits geschlagen, und so befindet sich Herweghs Legion, gejagt von hessischen und württembergischen Truppen, bald nur noch auf der Flucht durch Matsch und Schnee. Emma leitet den Rückzug auf steilen Pfaden über die Höhen des Schwarzwalds, bis die Legion schließlich von königlichen Truppen gestellt und trotz erbittertem Widerstand in die Flucht getrieben wird. Am Ende sind dreißig junge Männer gestorben, die für eine demokratische Zukunft gekämpft hatten.

Der populäre amerikanische Historiker Gordon A. Craig verteidigte 1988 in seinem Buch Geld und Geist den Freiheitskampf gegen alle üble Nachrede vom "kläglichen Versagen" und von der "feigen Flucht": "Wenn auch die Gegner Herweghs versuchten, seinen Feldzug ins Lächerliche zu ziehen, so war es, unvoreingenommen betrachtet, doch ein ehrenhaftes, einer edlen Sache gewidmetes und unter großem persönlichen Risiko durchgefochtenes Unternehmen."

Sogar von vielen seiner einstigen Freunde wird Herwegh jetzt totgesagt. Oft wissen sie es nicht besser. Denn was er zum fatalen Fortgang der Revolution schreibt, Aufsätze, grandiose Glossen und bissige Satiren, erscheint nur noch anonym oder im Ausland. Manch Wendegewandter, der von Herweghs Unbeugsamkeit weiß, nimmt es ihm übel, dass er weiterhin auf Demokratie besteht, wortgewaltig Rache fordert für die Ermordung Robert Blums am 9. November 1848 in Wien oder das timide Paulskirchenparlament bespöttelt. Dabei erkennt er klar den großen Fehler, den die Demokraten begingen, als sie vor Deutschlands Thronen, vor allem dem in Berlin, haltgemacht haben.

Die neue Herwegh-Ausgabe zeigt, wie es dem "Nachmärzdichter" gelingt, trotz Maulkorb und Berufsverbot, trotz dramatischer Ehekrisen, Krankheit und Resignation produktiv zu bleiben. Im Zürcher Haus Wesendonck und auf dem Landgut Mariafeld von Eliza und François Wille bei Meilen ist er oft zu Gast, hier trifft er andere Asylanten wie Richard Wagner und den Dresdner Architekten Gottfried Semper. Doch das Geld wird knapp. Die Buchhonorare versiegen, seine Frau ist nach dem Freischarzug enterbt worden. Mühsam versucht Herwegh, mit Shakespeare-Übersetzungen und Artikeln für französische Blätter die inzwischen fünfköpfige Familie über Wasser zu halten. Ein Angebot des Großherzogs von Weimar, der ihn an seinen "Musenhof" locken will, lehnt Herwegh 1861 ab, lieber lässt er die kostbare Bibliothek versteigern.

1863 eröffnet sich eine neue Perspektive. Herwegh, inzwischen Schweizer Korrespondent von Lassalles Allgemeinem Deutschem Arbeiterverein, schreibt für seinen "teuren Fernando furioso" das Bundeslied: "Mann der Arbeit, aufgewacht! / Und erkenne deine Macht! / Alle Räder stehen still. / Wenn dein starker Arm es will." Der Text begeistert. "Es hat neulich", berichtet Lassalle, "im Arbeiterverein den lautesten Enthusiasmus hervorgerufen, und auf meine Aufforderung hat sich die ganze Versammlung zum Zeichen des Dankes für den Dichter erhoben."

Die Verse des Bundesliedes sind – wie manches von Schiller oder Heine – längst Volksgut geworden. Viele, die sie heute zitieren, wissen den Autor schon nicht mehr zu nennen. Vertont von Hans von Bülow, wurden sie trotz Verbots überall gesungen: "Brecht das Doppeljoch entzwei! / Brecht die Not der Sklaverei! / Brecht die Sklaverei der Not! / Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!"

Mit Feuer engagiert sich der Sozialist Herwegh für die wachsende Arbeiterbewegung, schreibt an der Seite von Marx, Engels und August Bebel für Wilhelm Liebknechts Leipziger Zeitschrift Der Volksstaat und wird Ehrenkorrespondent der Internationalen Arbeiterassoziation. Er selber lebt längst auf Armenhausniveau. 1866 muss der hoch verschuldete Dichter fluchtartig die Schweiz verlassen. Immerhin ermöglicht eine Amnestie in Baden einen bescheidenen Neuanfang. Zurückgezogen in Baden-Baden, attackiert er weiterhin soziales Unrecht, streitet er ebenso gegen Preußens Militarismus wie gegen die Großmachtpolitik Österreichs ("Gott segne ihnen ihren freien deutschen Po!"), wie gegen die kommode Despotie Napoleons III. in Frankreich.

"Das arme Menschenherz muß stückweis brechen"

Zu einem Schock wird 1870 der Deutsch-Französische Krieg. Herwegh empfindet ihn als blutiges Unrecht; der Triumph des Militärs ist ihm ein Albtraum: "Schwarz, weiß und rot! um ein Panier / Vereinigt stehen Süd und Norden; / Du bist im ruhmgekrönten Morden / Das erste Land der Welt geworden: / Germania, mir graut vor dir! // Mir graut vor dir, ich glaube fast, / Daß du, in argen Wahn versunken, / Mit falscher Größe suchst zu prunken / Und daß du, gottesgnadentrunken, / Das Menschenrecht vergessen hast."

Während andere Intellektuelle Mittelalter-Mumpitz und Hurra-Gebrüll verfallen sind und Emanuel Geibel "am deutschen Wesen die Welt genesen" lassen will, bleibt Herwegh kalt. In scharfen Worten beklagt er die "Franzosenfresserei" und die "Akte der Barbarei" während des Krieges – wie die Bombardierung Straßburgs und die Vernichtung der dortigen Bibliothek, eine Untat, die vorausweist auf die Zerstörung der Bibliothek von Löwen durch deutsche Truppen im Ersten Weltkrieg.