Reinhold Beckmann hat seine erste Platte rausgebracht. Insider wissen natürlich, dass es streng genommen schon seine zweite ist. 1996 präsentierte Beckmann auf Ich steh’ auf Rock! heiße Songs von Peter Maffay und Fools Garden, in der TV-Werbung für die CD trug er eine Lederjacke und saß auf einem Motorrad. Von alldem ist nur die Lederjacke geblieben, die Beckmann auf dem Cover seiner CD trägt. Ansonsten singt er selbst, das Motorrad ist ein Sofa, und auch das mit der Selbstvermarktung läuft natürlich viel subtiler: Auf Amazon nämlich gab es, das fand der Medien-Blogger Stefan Niggemeier heraus, auffallend viele Rezensenten, die noch nie zuvor dort etwas rezensiert hatten, die CD nicht gekauft hatten und in ihrem Lob sehr ähnlich klangen. Häufigste Formulierung: "Ich war positiv überrascht." Böser Verdacht: Ganz unabhängig waren diese User nicht.

Klicken Sie auf das Bild, um weitere Artikel der Serie "Gesellschaftskritik" zu lesen. © Frazer Harrison/Getty Images

Allerdings muss man anerkennen, dass Beckmann (oder seine Freunde), was das Eigenlob angeht, auf der Höhe der Zeit sind. Eigenlob heißt heutzutage nämlich humblebrag, übersetzt etwa "bescheidenes Angeben", und ist die Kunst, sich selbst als geilen Typen darzustellen, ohne sich als geilen Typen darzustellen. Auf Twitter gibt es dafür den Hashtag #humblebrag und einige Beispiele: jemand, der sich beschwert, weil ihm vom Rumstehen auf Kates und Williams Hochzeit die Füße schmerzen. Khloé Kardashian, die twittert: "O mein Gott, ich kann nicht glauben, dass ich auf dem Cover der Cosmo bin!" Oder ein amerikanischer Fernsehpfarrer: "Es macht mich demütig, dass ihr meinen Tweets folgt. Gott schütze jeden von euch 200.000!" Kurz: Ich bin der bescheidenste Mensch der Welt! So funktionieren auch die Beckmann-Rezensionen: Indem sie so tun, als wäre ihre Ausgangsmeinung ein genervtes "Schon wieder ein Fernsehtyp, der singt!" gewesen, wirkt ihr Lob umso stärker.

Zugleich bedienen sich die Rezensionen aber noch der zweiten modernen Form des Eigenlobs: Man wartet heute ja verzweifelt darauf, dass jemand einen bei Twitter lobt, um das Lob dann zu retweeten. Kombiniert mit dem humblebrag bedeutet das: "Andere finden, dass ich der bescheidenste Mensch der Welt bin!" Subtiler geht es nicht mehr. Leider macht zu viel subtiles Lob misstrauisch. Und wenn man die humblebrag-Retweet-Taktik durchschaut, ist sie peinlicher, als Fools Garden es je waren.

Ach, falls Ihnen diese kleine grauzeilige Glosse gefallen hat und Sie bei Twitter sind: #gesellschaftskritik #bescheidensteglossederwelt