Nein: Noten sind weder objektiv und fair noch differenziert

Mein Ziel ist eine Schule ohne Ziffernzeugnisse. Als ersten Schritt sollte man auf die Noten in der Grundschule verzichten. Diesen Weg wollen wir in Schleswig-Holstein gehen.

Es ist die Aufgabe der Schule, junge Menschen in die Welt des Wissens einzuführen und ihnen Spaß am Lernen zu vermitteln. Die Schule soll außerdem die sozialen, emotionalen, körperlichen und künstlerischen Potenziale der Kinder fördern. Und selbstverständlich gehört es zu ihren Aufgaben, durch regelmäßige Erfolgskontrollen zu prüfen, ob die gesteckten Ziele auch erreicht werden.

Oberflächlich betrachtet, spricht einiges für eine Erfolgskontrolle in Form von Ziffernnoten: Ziffern scheinen eindeutig, sie versprechen einen sachlichen Blick auf die Leistungen und einen raschen Leistungsvergleich. Schaut man jedoch etwas genauer hin, dann zeigt sich, dass Noten diesem Anspruch nicht gerecht werden: Sie sind weder objektiv und fair noch differenziert und leistungsmotivierend. Unterschiedliche Lehrkräfte bewerten dieselbe Leistung nicht zwingend mit derselben Note. Das wurde durch mehrere Studien bewiesen.

Allzu oft sind Noten Glückssache! So haben durchschnittlich Begabte eine größere Chance auf gute Noten, wenn ihre Mitschüler leistungsschwach sind. Wenn sie das "Pech" haben, in einer leistungsstarken Klasse zu sein, dann bekommen sie für die gleiche Leistung schlechtere Noten.

Was noch problematischer ist: Ziffernnoten lassen keinen Raum für Differenzierungen. Eine Gesamtnote 3 in Deutsch zum Beispiel sagt nichts darüber aus, wo ein Schüler seine Stärken und wo er seine Schwächen hat: In der Größe des Wortschatzes? In der mündlichen Kommunikation? In der Schriftsprache?

Vor allem aber kann die Freude am Lernen vom Starren auf die Zensuren überlagert werden. Wenn nur noch die Angst vor der Note das Motiv für Mitarbeit ist, wird das Gelernte nicht nachhaltig erworben. Schlechte Noten in der Grundschule können dazu führen, dass Eltern ihren Kindern aus Sorge um deren Zukunft die Kindheit rauben! Wenn sich alle familiäre Energie auf das Vermeiden von schulischen Misserfolgen konzentriert, dann kann das zu einer Gefahr für die seelische Gesundheit der Kinder werden.

Deshalb sollten Grundschulen durchgängig auf Schulnoten verzichten und stattdessen mit Kompetenzbeschreibungen arbeiten. Dabei wird beispielsweise im Fach Deutsch unterschieden zwischen der verbalen Sprechfähigkeit und dem Sinn erfassenden Zuhören, dem Wortschatz und der grammatikalischen Sicherheit, der Lesekompetenz und dem Textverständnis, dem korrekten Schreiben und der Differenziertheit der schriftsprachlichen Ausdrucksfähigkeit. Eine Schule ohne Noten ist alles andere als leistungsfeindlich. Die Schüler bekommen weiterhin Rückmeldungen über ihre Leistungsfortschritte oder ihre Defizite. Sie lernen auch weiterhin, dass Leistung mit Anstrengung verbunden ist. Aber die Leistungsrückmeldung über ein Kompetenzraster ist detaillierter, differenzierter und damit sowohl für die Schülerinnen und Schüler selbst wie auch für deren Eltern aussagekräftiger.

Die Schule muss auf die Verschiedenheit der Schüler eingehen: Sie sind individuell zu fördern und natürlich auch zu fordern. Individuell formulierte Aufgaben, Lernziele und Leistungsrückmeldungen vertragen sich aber nicht mit Noten. Eine Schule ohne Noten, das können sich viele nicht vorstellen. So wie man vor Kopernikus der Überzeugung war, die Welt sei eine Scheibe, so glauben heute viele, Ziffernnoten hätten etwas mit objektiver Leistungsmessung zu tun. Was für ein Unsinn!

Waltraud Wende (parteilos)