Livia Görner (M.)

DIE ZEIT: Frau Görner, Sie haben in Hamburg mehr als 3.000 Geburten begleitet. Können Hamburgerinnen eigentlich so richtig laut schreien?

Livia Görner: Doch, doch. Die Hamburgerin, die Sie meinen, also die zurückhaltende, leicht reservierte Frau, die lebt in den Elbvororten. Und manchmal, wenn mir eine von ihnen Wochen nach der Geburt auf dem Markt begegnet, fragt sie ängstlich: "War ich eigentlich sehr laut?" Ich sage dann immer: "Ich kann mich gar nicht erinnern."

ZEIT: Mögen Sie diese Frauen?

Görner: Ja, ich mag vor allem ihre Familienstrukturen. Die sind sehr bodenständig und haben oft nicht nur ein oder zwei Kinder, sondern leben die Großfamilie, die sie sich im Gegensatz zu anderen aber auch leisten können. In diesen Familien funktioniert die Solidarität, die wir früher in allen gesellschaftlichen Schichten kannten, noch sehr gut. Wenn dort eine Frau entbunden hat, bekommt sie die absolute Ruhe, die sie im Wochenbett braucht.

ZEIT: Wo leben in Hamburg die Frauen, die nicht geerdet sind?

Görner: In Eimsbüttel, in der Schanze, auch in Ottensen wird es immer schlimmer. Je enger die Menschen zusammenleben, desto größer wird der Hype um das Kind. Mit 14 oder 15 Jahren darf man Kinder leistungsmäßig ruhig fordern. Aber ich bin dagegen, dass man das mit Babys tut. Wenn man ein Kind bekommt, ist das ein Geschenk, an dem man sich erfreuen soll.

ZEIT: Was hilft gegen den Hype?

Görner: Nur eins: arbeiten! Wenn beide Elternteile arbeiten und erfolgreich sind, haben die gar keine Zeit, so ein Gedöns um ihr Kind zu machen. Dem Kind tut das gut. Ob die Wohnung da immer aufgeräumt ist, ist nicht so wichtig.

ZEIT: Sie sagen: Karriereeltern tun ihrem Kind gut?

Görner: Ja. Wer berufstätig ist, nützt dem eigenen Kind. Natürlich soll ein Kind nicht schon mit einem halben Jahr in die Kita kommen. Die ersten zwei, drei Jahre können Eltern im Job nur Schmalspur fahren, das muss man ganz ehrlich sagen.

ZEIT: Kann der Vater genauso da sein für das Kind wie die Mutter?

Görner: Viele glauben ja heute, man könne sich alles teilen. Aber das funktioniert in der Realität bei den wenigsten. Ich bin da ganz konservativ: Am Anfang muss die Mutter die erste Bezugsperson fürs Kind sein. Der Vater soll nach sechs bis acht Wochen wieder arbeiten gehen, sonst kracht es zu Hause.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der aktuellen ZEIT. Sie finden die Hamburg-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Laut Umfragen wollen 80 bis 90 Prozent der Väter ihre Arbeitszeit reduzieren, um mehr für die Kinder da zu sein. Glauben Sie diesen Umfragen?

Görner: Nein, die sagen das nur, weil das politisch korrekt ist und weil die Mütter es hören möchten. Aber Vaterpflichten erfüllen und gleichzeitig Überstunden machen – das hält keiner durch.

ZEIT: Sie schreiben in Ihrem Buch Die Wahrheit übers Kinderkriegen den ungeheuren Satz: "Ich persönlich plädiere inzwischen dafür, den Vater in der Regel erst dann in den Kreißsaal zu lassen, wenn das Baby schon geboren ist."

Görner: Wir können die Frauen unter der Geburt einfacher führen, wenn der Mann nicht dabei ist. Heute lesen werdende Eltern viele Bücher, und da steht dann zum Beispiel, die Frau solle sich fallen lassen und der Vater solle aufpassen, dass das Klinikpersonal keinen Blödsinn macht. Das ist doch keine Basis! Ich habe mal eine Situation erlebt, da schrie die Frau: "Ich kann nicht mehr!", und diesen Satz finde ich immer ganz toll, denn dann weiß ich, dass das Kind gleich kommt – und ich kann die beiden über die Schwelle in ihr neues Leben tragen. Doch der Mann sagte: "Hören Sie nicht? Meine Frau kann nicht mehr." Ich antwortete: "Doch, sie kann." Und er sagte: "Nein, ich kenne meine Frau viel länger als Sie, und sie kann nicht mehr." Da musste ich sagen: "Es gibt einen anderen, der nicht mehr kann. Und das sind Sie. Und deshalb gehen Sie jetzt raus." Zehn Minuten später war das Kind da.