Der Weg von Esra Küçük schien vorgezeichnet: Geboren und aufgewachsen im Süden Hamburgs, in einem Viertel, in dem die S-Bahn Orient Express genannt wird und in dessen Grundschule deutsche Muttersprachler eine gewisse Exotik haben – wie naheliegend war da die Hauptschule und wie abwegig das Gymnasium. Der Überzeugung waren zumindest Rektorin und Lehrer an ihrer Grundschule. Da halfen Esra auch die Einser und Zweier im Zeugnis der vierten Klasse nicht. "Unsere Schüler sind grundsätzlich nicht fürs Gymnasium geeignet", sagte die Rektorin ihrer Mutter und verweigerte die Empfehlung.

Esra bewies das Gegenteil. Ihre Mutter, Gastarbeiterin aus der Türkei, seit ihrem 16. Lebensjahr in Deutschland, hatte allen Mut zusammengenommen und den Leiter eines nahen Gymnasiums davon überzeugt, ihrer Tochter eine Chance zu geben. Esra nutzte sie, bestand das Beobachtungsjahr, wurde bald Schulsprecherin und legte ein Abitur mit einer Eins vor dem Komma hin. Es folgte ein Politikstudium mit deutsch-französischem Doppeldiplom.

Esra Küçük erzählt diese Geschichte an einem Frühlingsmorgen in Berlin. Sie ist jetzt 30 Jahre alt und Geschäftsführerin – nicht eines Unternehmens, sondern der Jungen Islam Konferenz. Sie spricht sehr konzentriert und legt dabei die Fingerspitzen beider Hände aufeinander. Küçük sitzt am Kopfende eines ovalen Konferenztisches, in einem Bürogebäude nahe dem Alexanderplatz. Hier hat sich die Junge Islam Konferenz eingemietet, ein Dialogforum für junge Menschen, die das Bild von Muslimen in Deutschland zurechtrücken wollen. Esra Küçük nennt es auch "ein Sprachrohr".

Die Idee für dieses Sprachrohr hatte sie, als ihr Zorn über Thilo Sarrazins krude Thesen über dumme und ehrgeizlose Türken und Muslime wuchs, die im Herbst 2010 Deutschland in Aufruhr versetzten. Küçük war zu der Zeit Trainee bei der Stiftung Mercator. "Es ist damals so viel Falsches über Muslime verbreitet worden!" Dem wollte sie etwas entgegensetzen. Aufklären, Vorurteile abbauen – und für Bildungsgerechtigkeit kämpfen. Bei der Stiftung Mercator und der Berliner Humboldt-Universität rannte sie mit ihrer Idee offene Türen ein. Sie tragen und finanzieren das Projekt.

Zum ersten Mal deutsch fühlte sie sich als Schülerin in Frankreich

Zwar gab es schon die Deutsche Islamkonferenz, in der Innenminister und muslimische Verbandsvertreter um den Platz, den der Islam in Deutschland haben soll, ringen – aber in der fehlten die jungen Stimmen. Dabei ist annähernd die Hälfte von den rund vier Millionen Muslimen in Deutschland noch keine 25 Jahre alt. "Die brauchen ein Forum", sagt Esra Küçük und ordnet sorgfältig den orangefarbenen Teebecher, ihren Notizblock und das Smartphone vor sich. Nächsten Monat startet in Berlin eine neue Runde der Bundeskonferenz.

Esra Küçük und ihre Mitstreiter versuchen zu erklären, dass der Islam und Deutschland vereinbar sind. Sie gehen dafür als Botschafter in Schulen und Jugendeinrichtungen und entwickeln mit der Bundeszentrale für politische Bildung Unterrichtsmaterial für Lehrer. 40 Teilnehmer hatte das Forum im ersten Jahr, Schüler und Studenten vor allem, aber auch Auszubildende. 200 sind es heute. Darunter sind genauso viele Muslime wie Nichtmuslime. "Man muss ja kein Baum sein, um sich für Bäume einzusetzen", sagt Esra Küçük. Gemeinsam arbeiten sie an einem "neuen deutschen Wir".

Esra Küçük selbst hat sich lange als türkisches Kind gefühlt – auch weil die anderen an der Schule sie so sahen. Zum ersten Mal deutsch fühlte sie sich im Ausland – als Austauschschülerin in Frankreich. "Erzähl mal, was heißt es, deutsch zu sein, Esra?", wurde sie dort gefragt. Niemand interessierte sich für ihren türkischen Namen.

Nicht mehr Kind, noch nicht erwachsen, war die Frage "Was bist du?" allgegenwärtig. Immer musste man sich für eine Seite entscheiden, immer ging es um entweder oder. "Dabei ist man beides, nicht nur das eine oder nur das andere." Sie sieht sich als Teil einer Generation von Pionieren, die sich zum ersten Mal hinstellten und sagten: Wir sind beides. Deutsch und türkisch. Sozialwissenschaftler haben dafür den Begriff hybride Identität entworfen.

Gerade als sie ihren Platz gefunden hatte, kam ein neues Label auf: Aus Türken wurden Muslime. Religion war in Esras Leben nie "der dominierende Faktor", jetzt wurde sie darauf reduziert. "Ich fühlte mich islamisiert", sagt sie. Sie hat es als Rückschritt empfunden, denn Muslime, so nahmen es die alteingesessenen Deutschen wahr, das sind die Ausländer, die Probleme machen. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2013 hält die Hälfte der Deutschen den Islam für eine Bedrohung.

Was sie sich am meisten wünscht, ist Normalität

Auch die Deutsche Islamkonferenz geriet unter dem damaligen Innenminister Friedrich zu einer Sicherheitskonferenz, im Mittelpunkt stand die Extremismusprävention. Esra Küçük empörte sich im Nachrichtenmagazin Spiegel: "Wir brauchen eine echte Islam-Konferenz, keine Islam-Problem-Konferenz!" Die DIK solle sich auf das Wesentliche konzentrieren, auf die religionsrechtliche Gleichstellung islamischer Religionsgemeinschaften mit den christlichen.

Anfang des Jahres forderten Esra Küçük und ihre Mitstreiter den Bundestag auf, eine Enquetekommission "Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe" einzurichten. Die Liste der Unterzeichner war lang, sie reichte von Professoren bis zu Politikern aller Parteien. "Wir brauchen ein Leitbild, hinter das wir nicht mehr zurückfallen", sagt sie und klopft dabei mit den Fingern auf den Tisch.Was sie sich am meisten wünscht, ist Normalität. Dass der Tag kommt, an dem Einwanderer und Muslime in Deutschland einfach Wissenschaftler, Sportler, Politiker sein können – ohne dass dabei ständig ihr Hintergrund im Vordergrund steht. Sie hat noch viel Arbeit vor sich.