Es war vielleicht Selbstgerechtigkeit dabei, sicher aber eine Menge Marketing, als Nicholas Stern in einem viel beachteten Report die Folgen des Klimawandels bemaß. Die könnten ein Fünftel der Wirtschaftsleistung auffressen, erklärte der britische Regierungsberater vor acht Jahren – und erhitzte wie gewünscht die Klimadebatte.

Jetzt kassiert der Weltklimarat das Horrorszenario. Und zwar nicht nur zur maßvollen Korrektur, nein, heute werden die Kosten um mindestens 90 Prozent geringer veranschlagt. Erwärmt sich die Erde um nicht mehr als zwei Grad (was allerdings eine beschleunigte globale Energiewende erfordern würde), dann drohen nach heutiger Erkenntnis nur mehr Verluste von 0,2 bis 2,0 Prozent der weltwirtschaftlichen Leistung.

Damit erweist sich, erstens, Sterns Vorpreschen endgültig als kontraproduktiv. Nichts lieben die Leugner des Klimawandels und seiner Gefahren mehr, als wenn die Mahner die alten Mahnungen zurücknehmen müssen. Alles reiner Alarmismus, war doch klar, so wird dann gejubelt.

Zweitens ist bei aller Wissenschaftlichkeit die Debatte um die Erderwärmung eben auch ein ideologischer Streit – selbst innerhalb der Gemeinschaft der Forscher. Das sieht man an der neuesten Auseinandersetzung im Weltklimarat. Ein führender Ökonom ist dort als Autor der Zusammenfassung des neuen Berichts zurückgetreten, weil ihm die Richtung zu apokalyptisch erschien, während sein interner Gegner verstärkt darauf pocht, dass die Daten zu jeder Warnung Anlass geben.

Besser, die Forscher hätten allzeit zur Unsicherheit gestanden, die nun einmal das Wesen der chaotischen Prozesse ist, wie sie den Klimawandel selbst und seine Folgen kennzeichnen. Manche Entwicklung explodiert da unerwartet, während andere lang erwartete Wendungen einfach nicht eintreten mögen.

So viel Ehrlichkeit muss also sein. Aber selbst wenn man ehrlich ist und nicht versucht, die Politik mit extremen Zahlen aufzuscheuchen, weil sich das am Ende nur rächt – auch dann bleibt, drittens, eine gewaltige Gefahr übrig, der die Welt begegnen muss. Und es ist gerade die Qualität dieser Gefahr, dass keiner ihre genaue Form und Größe kennt.

Oder soll man etwa gar nichts tun, weil mit, sagen wir mal, zehn Prozent Wahrscheinlichkeit vielleicht auch so alles gut ginge? Wohl kaum. Aus genau dieser Haltung entstehen Finanzkrisen genauso wie Klimakrisen. Die Welt muss also antworten, indem sie mehr Energie aus Wind und Sonne gewinnt und mit ihr sparsam umgeht. Es bleibt ihr verantwortlicherweise gar nichts anderes übrig.

Mit vorne dabei ist die Bundesrepublik. Damit sie es bleibt, muss die so lange vernachlässigte Energiewende gelingen. Bloß entsteht nicht der Eindruck, als bekomme die große Koalition das große Problem in den Griff. Zu viel wird über Interessen geredet statt über Ziele. Die Industrie soll nicht belastet werden, obwohl gerade sie über die Preise zum Energiesparen angehalten werden sollte. Manche Politiker überlegen auch, ob sie den Normalverbrauchern, die dann alle neuen Kosten allein schultern müssen, mit Steuergeld helfen sollen. Ach ja, und die Abhängigkeit von Russland soll nebenbei ebenfalls verringert werden.

Man hat also nicht den Eindruck, dass die Sache selbst im Vordergrund steht: das Gelingen der Wende hin zu mehr erneuerbarer Energie und sparsamer Nutzung. Dafür müsste sich die Politik zum Beispiel darauf konzentrieren, wie man den Handel mit Abgasrechten so reformiert, dass die Preise für die Verschmutzung nicht noch einmal einbrechen. Und wenn das nicht geht, stellt sich sogar die radikale Frage, ob man das Regime zugunsten einer steigenden und allumfassenden Ökosteuer aufgibt.

Eines ist klar: Das Hin und Her der Klimaforscher kann kein Grund sein für deutsches Versagen. Die Politiker wissen es eigentlich besser.