Der Arbeitsplatz ist ein Ort, an den wir täglich zurückkehren. Wir treffen dort die Menschen, mit denen wir mehr Zeit verbringen als mit unseren Freunden. Manche Menschen verbringen dort auch mehr Zeit als mit ihren Kindern. Der Arbeitsplatz kann uns stolz machen oder sehr krank. Früher war der Arbeitsplatz ein Ort, an dem man sich zwangsweise einfand, um dort Zeit gegen Geld einzutauschen. Heute soll er uns Erfüllung schenken. Egal, was wir tun, ob wir Bahnhöfe bauen, Statistiken auswerten oder Versicherungspolicen ausloten – am Arbeitsplatz sollen wir das Glück finden.

Die meisten dieser Plätze sehen allerdings wenig nach Glückssuche aus. Vielmehr erzeugen sie den Anschein, dass man sich dort als kleines, gut funktionierendes Bauteil des Betriebsganzen fühlen soll. Die Atmosphäre ist gleichförmig, staubfrei. Wir leben auf den gleichen fahlen Teppichböden und schauen auf die gleichen Wände mit Metall-Boards und Flipcharts. Jedenfalls sofern wir uns an einem der immer zahlreicheren Arbeitsplätze befinden, die innerhalb eines Büros sind.

Keinem Menschen käme der Gedanke, dass dies ein Ort sein soll, wo das sprießt, was wir in unserer Gesellschaft offenbar so dringend brauchen: Kreativität und Ideen für die Zukunft. Die Bedeutung des Arbeitsplatzes hat sich gewandelt – sein Aussehen nicht.

Sicher, es gibt Agenturen, die urban farming im Dachgarten betreiben, und solche, in denen es keine festen Schreibtische mehr gibt. Manche Betriebe fangen an, nach psychologisch fundierten Farbkonzepten Wände zu streichen. Der Regelfall aber ist Gleichförmigkeit, Gleichförmigkeit, Gleichförmigkeit. Dies liegt zum einen bestimmt an der mangelnden Investitionsbereitschaft der Unternehmen. Offenbar ist es in vielen Businessplänen nicht vorgesehen, motivierte Mitarbeiter durch eine motivierende Umgebung zu halten.

Allerdings ist es so einfach nicht: Denn die maue Bereitschaft der Arbeitgeber, ihren Angestellten ein anregendes Umfeld zu bieten, trifft auf das laue Engagement der Büroinsassen, selbst für eine bessere Atmosphäre zu sorgen. Ein Bild an der Wand kann helfen oder ein Sitzmöbel, in das man sich wirklich gerne hineinsetzt. Wahrscheinlicher aber ist, dass irgendein verlorenes Blatt Papier irgendwo an die Gipswand gepinnt ist, mit einem witzigen Cartoon, der vor zwei Jahren mal aus dem Drucker rauschte.

In modernen Büros soll sich heute alles um Kommunikation und Teamwork drehen. Arbeitsinseln stehen in Großräumen, die der schnellen Verständigung dienen sollen. Wer sich dann in so einem hyperkommunikativen Raum befindet, merkt schnell, dass dort von den Kollegen eines überhaupt nicht geschätzt wird: Kommunikation. Denn Kommunikation ist laut. Zum Arbeiten aber braucht man Ruhe. So kommt es, dass Büros, die für Kommunikation optimal sein sollen, oft schlechte Kommunikation erzeugen. Denn gute Kommunikation braucht geschützte Räume. Solche, in denen man vertraulich reden kann, einfach weil man sich sicher fühlt.

Die größten Büromissverständnisse gibt es manchmal an den Orten, wo man sich besondere Mühe gibt. Etwa bei den Internetfirmen. Die Zentrale von Google Deutschland beispielsweise ist wie ein riesiger Spielplatz für Erwachsene aufgebaut. Dort kann man in einem Schaumstoffbad arbeiten, in einer nachgebauten Flugzeugkabine oder sogar in einer stilisierten S-Bahn. Es gibt auch ein hauseigenes Fitnessstudio, in dem man mit Personal Trainern seine persönlichen Fitnessziele verfolgen kann. Die Furcht vor dem Büro als Betonbunker fürs Gehirn, in dem jede Kreativität flöten gehen muss, scheint so groß zu sein, dass man es gleich als Hüpfburg neu erfinden muss.

Die knallbunte Arbeitswelt sieht beeindruckend aus – sie kann aber auch ein bisschen skeptisch machen. Sie sieht aus wie ein Vergnügungspark, in dem es an jeder Ecke ständig etwas Neues zu entdecken gilt, allerdings ganz bestimmt nie etwas Anstrengendes. Aber natürlich ist dem nicht so. Am Ende geht es auch hier um Arbeit. Arbeit ist etwas, wofür man Geld bekommt. Auch an bunten Stühlen wird gesägt. Auch im Bällebad kann man in Arbeit ertrinken. Und wer will eigentlich in einer Packung Smarties leben? Die bunten Spaßbonbon-Welten haben mit den alten Standardeinrichtungen in Taubengrau gemein, dass man es sich selbst zu Hause niemals so einrichten würde.