Anfang dieses Jahres berichtete ich in der ZEIT (Nr. 5/14) von einer Lesung aus meinem Buch Die Grenze durch Deutschland in der Comenius-Schule Stendal (Sachsen-Anhalt). Eine ältere Lehrerin hatte am Ende der Veranstaltung die von mir geschilderten Verbrechen des SED-Staates geleugnet und ihre Schüler aufgefordert, ihre Eltern zu fragen, "wie es in der DDR wirklich war". Ihre Direktorin rechtfertigte dieses Verhalten als legitime "Meinungsäußerung".

Nach dem ZEIT-Artikel berichteten Deutschlandfunk und MDR mehrfach über den Konflikt um die Stendaler Geschichtsstunde, ebenso FAZ und Welt. Die Volksstimme druckte wochenlang Leserbriefe. "Ich bin Jahrgang 1990 und werde alles dafür tun, dass meine Kinder nicht von solchem 'Lehrpersonal' unterrichtet werden", schrieb ein Mann aus Tangermünde empört über die Pädagogin. Eine Frau aus Stendal bestand darauf, dass es Diktaturen gebe, in denen "man sich aufgehoben, beschützt und geborgen fühlen" könne. Die Reaktionen der Mitläufer und Mitmacher sind teilweise heftig, gehen bis zum Boykottaufruf gegen mich. Statt den Vorfall umgehend aufzuklären, verschleppten ihn auch das Landesschulamt und Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD) über ein Vierteljahr. Um dann festzustellen, dass sich der genaue Wortlaut der Äußerung nicht mehr feststellen lasse und die Lehrerin deshalb dienstrechtlich nicht zur Verantwortung gezogen werden könne.

Warum drückt sich der Minister vor einer klaren Botschaft an die Lehrer, dass man in den Schulen keine Verklärung von Diktaturen dulde?

Der Konflikt war, nach dem ZEIT-Artikel, Thema im Bildungsausschuss des Landtages und an einem langen Abend im ausverkauften Theater in Stendal. Es debattieren und streiten seit Wochen unzählige Menschen der Region, auch Lehrer und Schüler. Was mitunter vergessen wird, ist aber dies: Das, was da in Stendal passierte, war kein Einzelfall.

"Wenn es nach mir gegangen wäre, wären Sie heute nicht hier", sagte mir 2009 eine ältere Geschichtslehrerin vor der Lesung in einer Thüringer Schule. Sie ergänzte: "Ich habe eine andere Meinung über die DDR als Sie. Ich habe direkt am Grenzzaun gewohnt, mich hat der Zaun nicht gestört. Wir konnten nach Ungarn und Bulgarien reisen, das hat uns genügt." Später herrschte sie einen Schüler an, der das Gesundheitssystem der DDR kritisiert hatte: "Was erzählst denn du für einen Scheiß!"

In einem Dresdner Gymnasium widersprach ich im selben Jahr einem Geschichtslehrer, der seine Schüler angelogen hatte, dass er zu den DDR-Grenztruppen habe gehen müssen. Der Direktor revanchierte sich nach der Lesung (ich stand mit Blumenstrauß und Wein-Präsent vor der Klasse) mit den Worten: "Ich hoffe, die Lehrer haben in den nächsten Wochen Gelegenheit, diese Schwarz-Weiß-Malerei zu korrigieren." In einem Leipziger Gymnasium hing 2009 im Unterrichtsraum ein großes Foto, das die Geschichtslehrerin samt Klasse in FDJ-Hemden zeigte – ein ähnliches Foto wie im Fall Suhl, der inzwischen Schlagzeilen macht.

Ähnliche Verharmlosung und Verklärung der SED-Diktatur erlebte ich unter anderem in Gymnasien in Chemnitz, Greiz und Neustrelitz, auch als Referent bei Lehrerfortbildungen in Thüringen und Mecklenburg. Die Regel ist es nicht, das weiß ich nach mehr als 400 Schullesungen. Gleichwohl sind die Ausnahmen – hochgerechnet auf alle ostdeutschen Schulen – keine Bagatellen. Was sagen Lehrer über die DDR, wenn sie mit ihren Schülern allein im Raum sind, kein Zeuge von außen dabei ist? Diese Frage liegt nahe, wenn sich manche selbst in Anwesenheit eines Journalisten trauen, Geschichte zu verklären. Viele Lehrer vermitteln, was im Lehrplan und in den Schulbüchern steht. (In einigen Geschichtsunterrichtsbüchern auch Zitate aus meinen Büchern.) Ich kenne etliche Lehrer zwischen Rügen, Weimar und München, die zudem trotz des übervollen Stoffplans jedes Jahr DDR-Projekttage und Fahrten zu Gedenkstätten organisieren.

In einigen Bundesländern ist DDR-Geschichte Pflicht-Prüfungslehrstoff. In anderen fällt dieses Thema vom Ende des Zeitgeschichtsstrahls (und am Ende des Schuljahres) unter den Tisch. Nicht wenigen Lehrern ist dies ganz recht. Das fehlende Wissen über die Geschichte der DDR wird regelmäßig beklagt, wenn der Forschungsverbund SED-Staat der FU Berlin die neuesten Peinlichkeiten über die Ahnungslosigkeit von Schülern belegt.

Ich erlebe nicht selten Gymnasialklassen kurz vor dem Abitur, die einstimmig erklären, noch nie etwas über die DDR gelernt zu haben. Oberstufenschüler, die die erste deutsche Diktatur mit der zweiten verwechseln, Hitler mit Honecker. Oder vor ein paar Wochen jene Zwölftklässler in Strausberg bei Berlin, die nichts über den Widerstandskämpfer Michael Gartenschläger erfahren haben: Er hatte als Jugendlicher in ihrer Heimatstadt 1961 gegen den Mauerbau protestiert, wurde in einem Schauprozess im Strausberger Kulturhaus zu "lebenslänglich Zuchthaus" verurteilt; später von Stasi-Männern ermordet.

Die meisten Lehrer in der DDR haben als Stützen des Regimes mitgemacht – viele widerwillig, viele bereitwillig, nicht wenige eifrig. Sie haben gegenüber Schülern den Herrschaftsanspruch der Staatspartei begründet und gerechtfertigt. Haben – die einen mehr, die anderen weniger – auch die angeordnete "Feindbildvermittlung" und "Hasserziehung" unterstützt. Haben ihre Schüler zur Anpassung erzogen, in die kommunistischen Nachwuchsorganisationen gelotst oder gedrängt. Die einen mehr, die anderen weniger. Unangepasste Schüler wurden gegängelt, bekennende Christen benachteiligt. Einige mutige Pädagogen versuchten, sich dem kommunistischen Erziehungsauftrag zu entziehen; in der Regel waren sie dann selbst an den Rand gedrängt. Viele systemkritische Lehrer wurden in der DDR benachteiligt, entlassen. Nachzulesen ist dies in Freya Kliers Buch Lüg Vaterland. Erziehung in der DDR .

Ein Großteil der heutigen Lehrer in den neuen Ländern hatte schon in der DDR unterrichtet oder wurde dort ausgebildet. Manche von ihnen verharmlosen nun den SED-Staat im Unterricht subtil, wie jene Deutschlehrerin in Berlin, die ihren Schülern kürzlich von der Stasi berichtete, die einige Leute verfolgt "haben soll". Andere erzählen unbeschwert Wohlfühlgeschichten aus ihrer DDR-Zeit. Lustige Anekdoten als Beweis eines im Grunde doch erfreulichen Lebens in diesem Staat, der irgendwie und letztlich gut gewesen sei. "Es war nicht alles schlecht in der DDR" – der Satz bedeutet auch: Wir haben es uns gut gehen lassen, als es anderen schlecht ging. Den Unangepassten, den politischen Häftlingen, den gescheiterten Flüchtlingen, den Hinterbliebenen der Ermordeten. – Verdrängen oder Wahrnehmen, jeder entscheidet für sich.