DIE ZEIT: Meine Herren, wir haben Ihnen ein paar Zitate über den Liberalismus mitgebracht. Wer hat gesagt: "Ich sehe meine Partei seit jeher als starke Kraft der Freiheit"?

Olaf Scholz: Das könnte auch Willy Brandt gewesen sein.

ZEIT: Es war Anton Hofreiter.

Christian Lindner: Ach.

ZEIT: Und wer hat gesagt: "Meine Partei kann eine neue Heimat für viele Liberale werden, die von der FDP enttäuscht worden sind"?

Anton Hofreiter: Na, Willy Brandt war’s nicht.

ZEIT: Sondern Olaf Scholz. Da so viele das Liberale für sich beanspruchen, Herr Lindner: Was verbindet Sie mit den Liberalen Scholz und Hofreiter?

Lindner: Wir sind womöglich alle drei für Freiheit, für Gleichheit und für die Schonung unserer natürlichen Lebensgrundlagen. In jeder Partei gibt es Liberale. Aber es gibt eben nur eine liberale Partei.

ZEIT: Was ist für Sie liberal?

Lindner: Wenn jeder Mensch ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben hat. Dafür den staatlichen fairen Rahmen zu schaffen und innerhalb dieses Rahmens den Menschen zu ermöglichen, sich frei bewegen und ihre Chancen wahrnehmen zu können, das ist für mich liberale Politik.

Scholz: Der Freiheitsgedanke wird von allen Parteien an diesem Tisch vertreten. Die Frage ist jedoch: Würden die heute bestehenden Parteien neu gegründet werden, wenn es sie nicht schon gäbe? Ich glaube, dass man das für die CDU/CSU, für die Grünen und auch für die SPD sagen kann, auch wenn wir dann vielleicht anders hießen. Bei der FDP bin ich mir nicht so sicher.

ZEIT: Weil auch die Grünen mittlerweile das Liberale für sich reklamieren, Herr Hofreiter?

Hofreiter: Es kommt immer darauf an, was man unter Freiheit versteht. Und da unterscheiden wir uns. Die FDP steht für den Freiheitsbegriff des Cowboys, des Stärkeren, der letztlich tun und lassen kann, was er will. Aber unser Freiheitsbegriff ist umfassender, er enthält nicht nur die Abwesenheit von Zwang. Freiheit gibt es nicht für alle, wenn wir sie nicht aktiv ermöglichen. Uns geht es auch um die Schonung unserer Lebensgrundlagen. Wer die zerstört, schränkt die Freiheit aller Menschen massiv ein.

Lindner: Olaf Scholz hat eben die Daseinsberechtigung der FDP infrage gestellt. Da möchte ich ihm widersprechen. Sozialdemokraten, Christdemokraten und Grüne stellen nämlich in das Zentrum ihrer politischen Arbeit überwiegend Gemeinschaften, also nicht den Einzelnen. Die SPD hat im vergangenen Bundestagswahlkampf plakatiert: "Das Wir entscheidet." Bei der FDP stehen die oder der Einzelne im Mittelpunkt, die Eigeninitiative und Verantwortung der Bürgerinnen und Bürger. Wer glaubt, das Individuum sei ein Cowboy, der nur durch den Staat erzogen werde, der muss Grün wählen.

Scholz: Ich halte das für ein wenig überzeugendes theoretisches Konstrukt und auch für sehr ideologisch. Man kann den Einzelnen und seine individuelle Freiheit ohne die Gesellschaft nicht denken. Die Freiheit bezieht sich schließlich auf unser Verhältnis zu den anderen Menschen. Die SPD steht jedenfalls bereit, das sozialliberale Erbe anzutreten. In der sozialliberalen Regierungszeit zwischen 1969 und 1982 wurden übrigens viele kollektive Rechte verbessert, etwa das Betriebsverfassungsgesetz, die Mitbestimmung in den Aufsichtsräten großer Unternehmen, die Rechte Homosexueller.

Hofreiter: Was Sie als Bürgermeister in Hamburg machen, zum Beispiel Sicherheitszonen einrichten, kommt mir aber nicht sehr liberal vor.

Lindner: Und mit Blick auf die Vorratsdatenspeicherung und andere Eingriffe in die Persönlichkeitssphäre handelt die SPD inzwischen so, dass man zwischen dem roten und dem schwarzen Sheriffstern kaum einen Unterschied sieht.

Scholz: Wir glauben, dass immer sorgfältig abgewogen werden muss, was nötig ist, um die Freiheit unseres Landes zu verteidigen. Sicherheitsfragen gehören dazu.

Lindner: ... die Freiheit unseres Landes? Geht es nicht um die Freiheit und die Würde eines jeden Einzelnen?

Hofreiter: Genau. Aus welcher liberalen Perspektive lässt sich rechtfertigen, die gesamte Bevölkerung unter einen Generalverdacht zu stellen, wie bei der Vorratsdatenspeicherung? Mit einer auf Freiheit zielenden Politik hat das nichts zu tun.