Ob wir wirklich die Zeugen einer kulturellen Zäsur geworden sind, wissen wir immer erst hinterher. Es gibt aber heute schon Fingerzeige, dass die Postmoderne langsam zu Ende geht, dass diese warme Blase mit ihren psychedelischen Farbspielen sich verflüchtigt. Natürlich mit einem Wimmern, wie denn sonst. Als letzte Bastion des Zeitalters der Interpretationen – getragen von der Überzeugung, alle Dinge wären am Ende ja doch nur die Hervorbringungen unserer konstruktiven Vermögen – fiel das Internet. Das Internet war zwischenzeitlich so etwas wie die Mutter aller kulturellen Konstruktionen, eine ganz eigene Realität, geschaffen aus Klugheit, Witz und dem Willen zur Freiheit, das anarchische Phantasma einer ganzen Generation. Man musste zugeben: Das Virtuelle war die bessere Wirklichkeit.

Ja, es war das digitale Raumschiff, das sich triumphal aus dem Moder des Faktischen erhob, begleitet von einem gewaltigen, glitzernden Schweif aus Daten. Zu umfassend erschien dieses Phänomen, um noch einmal von außen betrachtet, geordnet und damit auch beherrscht zu werden. Bis Obama kam. Obama, der den Verdacht nicht ausräumen kann, selbst zu großen Teilen aus Zuschreibung und Sinnsetzung zu bestehen, konfrontiert die kulturellen Welten in Ost und West mit robuster Wirklichkeit. Alles Konstruieren, jede noch so smarte Utopie stößt sich an den Superrechnern der NSA den Kopf wund.

Die Welt könnte also plötzlich wieder aus objektiven Realitäten zusammengesetzt sein. Diese Einsicht würde einen wahrhaft umstürzenden kulturellen Wandel auslösen: Es gibt Interessen, und die schaffen Tatsachen. Fakten aber wollen nicht nur wahrgenommen und analysiert, sondern auch berücksichtigt werden. Da ist dann nichts mehr umzudeuten oder wegzuinterpretieren. Trübseliger Gedanke, nachdem wohl doch nicht stimmt, dass die Welt nur aus Wille und Vorstellung besteht: Die Wahrheit ist analog.

Diese erste Annahme des realistischen Denkens muss nicht in Verzweiflung münden. Zweifellos hat die Postmoderne unter ihren Fittichen die Emanzipation von Minderheiten begünstigt, sie hat enorme individuelle Freiheiten ermöglicht und manche Autorität entzaubert, auf Deutsch: dekonstruiert. Doch sie hat auch Scheinrealitäten entworfen und gemeinschaftlichen Köhlerglauben erzeugt. Dass man der Ökonomie und ihren kruden mathematischen Weltmodellen so lange gefolgt ist, hinterlässt heute Scham. Der Kreationismus der Evangelikalen ist ein postmodernes Phänomen, auch die Ultraorthodoxie im Islam, das offizielle russische Wir-Gefühl unter Putin riechen streng nach manipulativ erzeugtem Entwurf, ebenso wie die meisten Bedrohungsszenarien der politischen Populisten.

Eine neue Art, die Wirklichkeit zu sehen, und zwar eher an den objektiven Sachverhalten orientiert als an der Idee ihrer zeichenhaften Modellierung, muss also nicht auf einen Totalitarismus des Realen zulaufen. Sie kann auch von Täuschungen befreien und andere Formen der Kritik begründen.

Endlich soll Schluss sein mit den medialen Scheinwelten

Die Idee ist nicht ganz neu. Sie geistert seit etwa drei Jahren unter dem Namen Neuer Realismus durch die philosophische Diskussion. Im August 2011 rief der italienische Philosoph Maurizio Ferraris in der Repubblica eine "Rückkehr des starken Denkens" aus. Im vergangenen Jahr schickte er sein Buch Realismo positivo hinterher. Es hat große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Seine Schlüsselbegriffe lauten: Ontologie, Kritik, Aufklärung.

Ferraris’ Neuer Realismus ist politisch eindeutig "links" markiert, er richtet sich vor allem gegen die Softporno-Version Italiens, mit deren Hilfe Berlusconi sein Land beherrschte und zerrüttete. Das starke Denken empfindet sich als ein Beitrag zur vernünftigen Re-Sortierung eines Landes, das irgendwann Zahlen und Fakten nicht mehr zur Kenntnis nahm und dem virilen Versprechen folgte, man könne es auch einfach anders haben. Ferraris beruft sich auf John Searle und Umberto Eco, zwei philosophische Altvordere, die sich aus analytischer und semiologischer Sicht den Grenzen der Interpretierbarkeit der Welt schon früher angenähert hatten, beide übrigens bereits in der Absicht, die Welt wiederzufinden, wie sie ist, befreit von politisiertem Wahn und von medialen Entstellungen.

In Deutschland liegen die Dinge etwas anders, und aus Deutschland kommt ein weiterer Impulsgeber des neurealistischen Denkens. Es ist der junge Bonner Philosoph Markus Gabriel, dessen Buch Warum es die Welt nicht gibt im vorigen Jahr ein echter Bestseller wurde. Deutschland, das muss man realistischerweise sagen, laborierte in der jüngeren Vergangenheit weniger an manisch-depressivem Nationalismus oder an weltanschaulichen Fieberschüben als andere Länder.

Die Postmoderne hat sich hier in Gestalt des real existierenden Merkelismus breitgemacht, als sanfte und konsensuelle Erstickung von Konflikt und Zukunft. Politik ist nur noch eine Hüstelei, mit der Wahlen gewonnen werden und Macht erhalten wird. Und selbstredend ist auch die Welt, in der Politik als überflüssig oder peinlich gilt, eine kulturelle Konstruktion.