Akif Pirinçci © Ulf Andersen/Getty Images

Kein zynischer Spindoktor und Marketingstratege, der einmal so richtig Auflage machen und den Stammtisch bedienen will, hätte sich dieses Buch am grünen Tisch ausdenken können. Er wäre immer aus Angst, den Bogen zu überspannen, zurückgezuckt vor der letzten Konsequenz an Rohheit und Brutalität. Er hätte Momente der Relativierung und der Selbstironie eingebaut und darauf geachtet, nicht Mitte und Maß ganz aus den Augen zu verlieren. Anders gesagt: Ein solches Buch kann man nur aufrichtigen Herzens schreiben. In dieser Aufrichtigkeit und Authentizität aber liegt die beispiellose Enthemmtheit dieses Buchs, das eine Raubeinigkeit an den Tag legt, die auch für das Genre des Pamphlets Neuland betritt.

Akif Pirinçci hat aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht, als er – man stellt es sich vor: wie im Rausch – Deutschland von Sinnen weniger niederschrieb als raushaute, er selbst würde wohl sagen: rauskotzte. Das Buch hat die Tonlage eines kochenden Dampfkessels, dessen Ventil markerschütternd heult. Wer hat diesen Dampfkessel zum Kochen gebracht? Der Autor, der sich gerne mit George-Orwell-Zitaten schmückt, würde sagen, es sei die große "Volksverarsche" und "Gehirnwäsche" durch die Medien, die uns einhämmern wollten, dass 2 + 2 = 5 sei.

Dass der Zuzug von Ausländern die Republik bunter mache, dass das biologische Geschlecht nur eine soziale Konstruktion sei, dass Frauen nicht an den Herd gehörten, dass alle Formen der Sexualität gleichwertig seien – das alles sind für Pirinçci Beispiele einer umfassenden Gedankenmanipulation, gegen die er auf 270 Seiten anschreit: "Ihr könnt mir nicht den Kopf vernebeln: 2 + 2 bleibt 4!"

Deutschland von Sinnen ist in dem kleinen Verlag Manuscriptum erschienen, und es ist eingeschlagen wie eine Bombe. Praktisch ohne publizistische Schützenhilfe ist es innerhalb von wenigen Tagen nach seinem Erscheinen das meistgekaufte Buch bei Amazon. Der Untertitel von Deutschland von Sinnen liefert eine Feindbeschreibung, die bündig und direkt benennt, wogegen sich das Buch ohne Rücksicht auf Verluste wehrt: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer. Es geht um Sinn und Sinnlichkeit, um Sex und seine gesellschaftspolitische Codierung und um den Umgang mit Andersartigkeit. Aber das ist jetzt zu vornehm ausgedrückt. Deutschland von Sinnen – das meint: Ihr habt sie doch nicht mehr alle! Und: Mit euch stimmt was nicht! Es ist eine Abrechnung mit aller progressiv-emanzipatorischen Gesellschaftspolitik, wie sie die Gegenwart in Form von Gender-Mainstreaming, Homo-Ehe, Frauenquote und Einwanderungspolitik prägt.

Das Buch ist vulgär, verletzend, beleidigend an der Grenze zur Volksverhetzung, aber es ist auch ein Symptom, sonst hätte es keinen so reißenden Absatz gefunden. Es muss eine Menge Leute geben, die ihre eigenen Normalitätsvorstellungen bedroht sehen. Die sich gegängelt fühlen und den Eindruck haben, sie müssten sich gesinnungsmäßig nach der Decke strecken und wegen der Identitätspolitik von Menschen, mit denen sie nicht befreundet sind, ihr eigenes Vokabular modifizieren, mit dem sie sich seit gefühlten Jahrhunderten in der Welt eingerichtet haben. Dieses Milieu fühlt sich medial nicht mehr repräsentiert und hält sich wie an einen Strohhalm an Akif Pirinçci.

Es geht um die Hierarchie von Normalität und Abweichung. Diese, so empfindet es der Autor, werde gerade auf den Kopf gestellt: Das "Abseitige" und "Abnorme" werde politisch privilegiert, während das "Normale" unter Rechtfertigungsdruck stehe. Lesben, Schwule und Transsexuelle seien das neue Leitbild, während die gute alte Heterosexualität im Büßergewand daherkommen müsse. Das Übel begann für Pirinçci, der besonders Soziologie-Professoren auf dem Kieker hat, in den achtziger Jahren, als man in den Geisteswissenschaften begann, das "Andere" zu vergöttern. Seither sei das Natürliche und Normale in der Defensive, während in einem Anflug kollektiver "Toleranzbesoffenheit" die Mehrheit nach der Pfeife der Minderheitslobbyisten tanze.