Die Wirtschaft muss wachsen! Über kaum ein Ziel ihrer Politik sind sich die Regierungen der Welt so einig wie über dieses. Dafür gibt es gute Gründe: Ohne Wirtschaftswachstum steigt die Arbeitslosigkeit, kollabieren die Sozialwerke, können die Schulden nicht mehr abbezahlt werden.

Während die Wirtschaft wächst, und wachsen müsste sie ohne Ende und exponentiell, wächst aber auch die Umweltbelastung, nehmen Stresserkrankungen zu. Während die Artenvielfalt oder die Muße schrumpft und manches nicht größer wird: der Planet Erde. Oder die Schweiz.

Wir stecken in einem Dilemma: Die Wirtschaft muss wachsen, um unseren Lebensstandard zu sichern. Aber indem sie das tut, zerstört sie unsere Lebensgrundlage.

Deshalb brauchen wir eine Wachstumsdebatte. Präziser: Wir müssen darüber reden, wie wir uns langfristig ohne Wirtschaftswachstum organisieren können. Denn im Dilemma zwischen menschgemachten Systemen wie der Wirtschaft, die Wachstum brauchen, und natürlichen Systemen, die Wachstum nicht vertragen, ist klar, auf welcher Seite Kompromisse möglich sind.

Die Wirtschaft lässt sich anders organisieren, die Natur nicht.

Das spüren intuitiv viele Menschen: "Wer glaubt, unendliches Wachstum in einer endlichen Welt sei möglich", sagte der Ökonom Kenneth Boulding, "ist entweder verrückt oder Wirtschaftswissenschafter." Doch Probleme, die nur gefühlt werden, ohne dass darüber offen gesprochen wird, lassen sich politisch ausschlachten. Je diffuser das Bewusstsein, umso leichter das Spiel. So steht denn in der Schweiz plötzlich ein Wort wie "Dichtestress" zuoberst auf der politischen Agenda, kann plötzlich eine Partei wie die SVP "Maßhalten" predigen – und damit Abstimmungen gewinnen.

Es heißt, die Abschottungsinitiative der SVP habe die Wachstumsfrage gestellt, und die Ecopop-Initiative, über die wir vermutlich im Herbst abstimmen, stelle sie noch einmal. Radikaler, aber mit glaubwürdigerem Absender (ZEIT Nr. 8/14 und Nr. 13/14).

Soll man als Wachstumskritiker der SVP und den Ecopop-Initianten also dankbar sein?

Im Gegenteil. SVP und Ecopop sabotieren die zaghaften Anfänge einer dringenden Debatte. Seit dem 9. Februar diskutiert die Schweiz ja nicht wirklich über Wachstum, sondern sie streitet darüber, welche Ausländer noch kommen dürfen. Und welche noch kommen sollen, damit wir uns im Schneckenloch nicht in unserem Wohlstand einschränken müssen. Die Ecopop-Initianten möchten ihrerseits die Zuwanderung in die Schweiz noch stärker begrenzen – und gleichzeitig unter den Afrikanern Präservative verteilen, auf dass sie sich nicht mehr vermehren wie die Karnickel.

Wenn in diesen Wochen doch über Wachstum gestritten wird, dann meist in plumper Form. Wie jüngst im Tages-Anzeiger, der zwischen der wachstumsgläubigen "Ehrgeiz-Schweiz" und der wachstumskritischen "Ballenberg-Schweiz" unterschied. Eine progressive Kritik an der Wachstumsgesellschaft geht in dieser Wahrnehmung völlig unter.

Aber gibt es das überhaupt, eine progressive Wachstumskritik? Und wovon müsste eine echte Wachstumsdebatte handeln?

Auf jeden Fall wäre die Debatte heftig. Denn das Problem ist dramatisch. Es geht nicht darum, dass wir ein bisschen weniger die Umwelt belasten, ein bisschen weniger Auto fahren, ein bisschen weniger fliegen sollen.