Wir nähern uns Toledo wie einem Gemälde: Bevor wir uns in den Einzelheiten verlieren, lassen wir, mit ein wenig Abstand, die Komposition auf uns wirken. Der Sitzplatz für den ersten Blick ist ein grüner Plastikstuhl an einem grünen Plastiktisch auf der Terrasse des Bistros Base.

Früher kamen hier die Taxifahrer zusammen, bevor sie ihre Tour begannen. Heute kommen vor allem Touristen. Die steinerne Terrasse ist ihre Loge fürs ungestörte Schauen auf das dramatische Toledo, das drüben, jenseits des tief eingeschnittenen Tajo-Tals, liegt. "Vielleicht hat auch El Greco hier gestanden", sagt José Manuel Ballester. "Vielleicht war er der erste Tourist: der Erste, der sich beeindrucken ließ."

Die Stadt hat sich in ihren Konturen kaum verändert, seit der Maler sie 1577 das erste Mal betrat. Wie eine erdfarbene Schaumkrone bedeckt ein Häusermeer den Hügel, der sich steil ansteigend aus der Mitte einer Tajo-Schleife erhebt. Aufragend aus der Masse, geben einige wenige Gebäude der Stadtsilhouette ihren unverkennbaren Schnitt: rechts, im Osten, der mächtige Kubus des Alcázar, der Stadtfestung, in der Mitte der Turm der gotischen Kathedrale, links eine Reihe kleinerer Kirchen und Klöster. 

Eingefasst wird die Stadtlandschaft von einer Straße auf halber Höhe des Hügels, darunter senkt sich eine grau und grün gesprenkelte Böschung zum Fluss hinab. Nur an einer Stelle, gleich gegenüber unserem Aussichtspunkt, reichen die Häuser, als wären sie aus dem Rahmen gepurzelt, bis hinunter zum Tajo: das Viertel Cornisa, "Gesims", ein selten passender Name.

Toledo, im kastilischen Herzen Spaniens, war die Wahlheimat El Grecos. Nach einigen Jahren in Italien, wo sich der gebürtige Kreter Domínikos Theotokópoulos seinen Künstlernamen zulegte, kam er als 36-Jähriger in die Stadt und wurde dort als eigenwilliger Maler aufwühlender religiöser Szenen und als Porträtist berühmt. Er starb am 7. April 1614, weshalb ihm die Stadt nun zum 400. Todestag eine Reihe von Ausstellungen widmet.

Für eine davon, Toledo Contemporánea, hat der spanische Fotograf und Maler José Manuel Ballester eine Reihe von Bildern geschaffen, die El Grecos Werke verfremden und zitieren, um dem Geist der Stadt näherzukommen. Jetzt steht Ballester, ein 53-jähriger Strubbelkopf mit jungenhaften Zügen, auf der Terrasse des Bistros Base, bereit für einen Zug durch Toledo, und sagt mit einem letzten Blick über den Tajo: "In diesem Panorama hat sich die Stadt am reinsten erhalten. Hier sieht man noch das Toledo des 17. Jahrhunderts."

Wie eine unaufgeregte Kleinstadt

Wir machen uns auf in Richtung Altstadt. Die Sonne schickt erste Frühlingswärme auf die Plaza Zocodover, einen weiten, heiteren Dorfplatz mit unregelmäßigem Grundriss. In den Bäumen lärmen die Spatzen, auf den Bänken sitzen ein paar Alte beieinander, ein Touristenzüglein mit Gummirädern rollt vorbei. Toledo hat reichlich 80.000 Einwohner und ist die Hauptstadt von Kastilien-La Mancha, doch auf der Plaza Zocodover fühlt sie sich an wie eine unaufgeregte Kleinstadt.

Zu El Grecos Zeiten sollte der Platz in eine streng symmetrische Plaza Mayor verwandelt werden, aber der Altstadthügel ist nicht für Symmetrie geschaffen. Nur der klobige Alcázar macht eine Ausnahme. Die Straßen aber, die sich von der Plaza Zocodover aus durchs Zentrum ziehen, verweigern sich aller Geradlinigkeit, sie mäandern, weiten und verengen sich wie steinerne Bäche.

"Wenn ich Toledo besuche, verliere ich mich in den Gassen", sagt Ballester. "Je mehr man deren Fluss folgt, desto stärker kann man sich in die damalige Zeit zurückversetzen." Das Auf und Ab der Gassen, die Umrisse der Häuser, das alles hat sich kaum geändert seit El Grecos Tagen.

Die Calle del Comercio weist uns den Weg ins Innere des alten Toledos. Anfangs breit wie eine Prachtstraße, macht sie sich bald schmal; links und rechts schieben sich die drei- und vierstöckigen Häuser auf höchstens noch drei Meter aneinander. Unsere Schritte auf dem groben Pflaster klingen, als liefen wir durch eine Toreinfahrt. "Die Enge ist gewollt", sagt Ballester, "sie schützt vor der Hitze."

Im Sommer heizt sich die spanische Meseta, in deren Mitte Toledo liegt, gern bis 35 oder 40 Grad auf. Die Gassen spenden Kühle, auch jetzt im Frühling, wo noch jeder Sonnenstrahl willkommen ist. Ein blinder Losverkäufer hat sich an einer Ecke gerade dort aufgestellt, wo ihm ein wenig Sonne ins Gesicht scheint. Weit hallend, ist sein singender Ruf zu hören: "Extra, extra! 15 Millionen Euro! Extra, extra!" Er hört nur auf zu rufen, wenn sich ihm ein Kunde nähert, verlockt vom Angebot.

Manierierte Bildersprache

Das Wechselspiel von Licht und Schatten, von hellen Plätzen und dunklen Gassen, muss so schon El Greco erlebt haben. Die meisten Häuser sind nicht mehr dieselben wie zu seiner Zeit, aber jedes neue Gebäude hat die alten Maßstäbe bewahrt. Zum Glück für uns Heutige hatte Toledo, eine der wichtigsten Städte Spaniens und Hauptsitz der Kirche, seine beste Zeit schon hinter sich, als El Greco 1577 ankam.

Die Macht war vor Kurzem ein Stückchen weiter nach Norden gezogen, in das zuvor unbedeutende Städtchen Madrid; und noch etwas weiter nördlich, in den Bergen der Sierra de Guadarrama, ließ Philipp II. gerade seinen Klosterpalast El Escorial errichten. El Greco wäre gerne Hofmaler geworden, doch Philipp konnte sich für dessen mitunter manierierte Bildersprache nicht erwärmen. So blieb der Maler in Toledo.

Die Stadt barg in ihren Mauern Spaniens ganze bisherige Geschichte: die keltiberischen Anfänge, die Zeit als römische Provinz, die Herrschaft der Westgoten (die Toledo zu ihrer Hauptstadt machten), die Epoche der Mauren und schließlich die Jahrhunderte nach dem Sieg der katholischen Reconquista 1085.

Die Ära der "drei Kulturen", während derer Judentum, Islam und Christentum im Toledo des 12. und 13. Jahrhunderts gut miteinander ausgekommen sein sollen, war zu El Grecos Zeiten bereits vorüber. Es herrschte der Geist der Gegenreformation, des intoleranten Katholizismus, der seine wahren und vermeintlichen Gegner notfalls mit den Mitteln der Inquisition verfolgte. Und Theotokópoulos, der griechisch-orthodoxe Ausländer, sollte unter allen Malern dessen bedeutendster Propagandist werden. Das ist der Ruf, der ihm bis heute anhängt.