Nie hat Mai Pham* einen Mann gesucht, mit dem sie viel gemeinsam hat. Ihr Traummann ist nicht einfühlsam oder attraktiv. Er ist Ausländer. Er hat Geld. Und er wird sie aus ihrem Leben herausholen. Das ist Mais Wunsch an die Ehe, an diesem Frühjahrsmorgen im Jahr 2013, an dem sie mit hundert anderen Frauen in einem Vorort der vietnamesischen Stadt Haiphong in einer langen Schlange steht.

Mai trägt eine Bluse, Jeans und Turnschuhe, wie immer ist sie ungeschminkt. Eine junge Frau mit dunkler Haut und Pferdeschwanz. Die Nase eher breit, die Augen schmal. Der Pony fällt ihr ins Gesicht. Seit einer halben Stunde wartet sie vor einem Hotel, um drinnen zu einem Casting vorgelassen zu werden: Vietnamesische Frauen präsentieren sich koreanischen Männern als Bräute.

Gemeinsam mit einer zweiten Bewerberin betritt Mai einen Konferenzraum. Hinter einem langen Tisch sitzen sechs Männer, für vier Tage aus Südkorea eingeflogen. Eine Frau, die Heiratsvermittlerin, übersetzt.

Sie zeigt auf Mai und sagt: "Sie ist 23 Jahre alt und hat zwei Brüder. Ihre Eltern sind Bauern."

Dann stellt sie die Männer vor. Einer von ihnen ist etwas stämmig und hat ein freundliches Gesicht.

"Er heißt Sang-Hoon Lee**, ist 43 Jahre alt und arbeitet in einer Fabrik. Er lebt alleine und verdient 3.000 Dollar im Monat."

Die Vermittlerin zeigt wieder auf Mai und fragt den Mann: "Gefällt sie Ihnen?"

Er nickt, Mai darf sich setzen, die andere Bewerberin muss gehen. Die Vermittlerin fragt Mai, ob sie mit Sang-Hoon Lee als Bräutigam einverstanden sei.

"Ja, aber ich habe eine Frage."

"Was denn?"

"Wird er mir in Korea erlauben, zu arbeiten?"

"Red nicht so dummes Zeug!"

Die Vermittlerin übersetzt für Sang-Hoon Lee, dass Mai bereit sei, seine Frau zu werden. Dann erklärt sie den beiden, welche Papiere sie nun beantragen müssen. Heiratsurkunde, Sprachzertifikat, Gesundheitszeugnis, Auslandsvisum.

Es geht so schnell, dass Mai keine Zeit bleibt, darüber nachzudenken, dass sie gerade einem Fremden ihr Leben versprochen hat.

Mai tritt aus dem Hotel, nimmt ihr Handy und ruft ihre Mutter an. "Ich werde heiraten", sagt sie. "Er ist Koreaner."

Die Mutter wusste nichts von dem Casting. Sie schimpft, aber sie kann ihre Tochter nicht umstimmen. Mai ist unter Dutzenden Bewerberinnen ausgewählt worden, bald wird sie Vietnam verlassen. Niemand wird ihr diesen Sieg noch nehmen.

Vietnam - Verkauft und verheiratet nach Südkorea Viele Vietnamesinnen versuchen, der Armut ihres Landes zu entkommen, und lassen sich als Bräute ins reichere Südkorea vermitteln. ZEIT-Redakteurin Khuê Pham über die Heiratsmigrantinnen.

Das also war der Tag, an dem Mai ihren Ehemann kennenlernte. So erzählt sie es Monate später, Ende des Jahres 2013. Mai sitzt in einem abgelegenen vietnamesischen Dorf, in einem Haus, das kaum mehr ist als ein Zimmer mit Mauern drum herum. An den Wänden stehen zwei Pritschen, an einer Wäscheleine hängen ein paar dünne Hemden und Hosen. Neben dem Haus ist ein Loch im Boden. Das ist die Toilette.

In diesem Dorf ist Mai aufgewachsen. Hier hat sie Monate und Jahre auf dem Feld gearbeitet, hat Wasserbüffel gehütet und Reis geerntet. Hier lebt sie noch heute mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder. Aber nicht mehr lange.

Auf einer Holzkiste liegt ein Stapel Koreanischbücher. In wenigen Wochen wird Mai zu ihrem Mann nach Südkorea ziehen.

Ihre Eltern tragen Gummistiefel, weite Hosen und lange Baumwollhemden. An Mais Handgelenk glitzert eine silberne Damenuhr. Sie trägt enge Jeans und ein T-Shirt mit dem Aufdruck American Eagle 5. Atlanta. New York. Es sind ihre besten Kleider. Geschenke ihres Mannes.

Mais Dorf liegt etwa hundert Kilometer von der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi entfernt. Der Weg von Hanoi in ihre Heimat führt über kaputte und verstopfte Straßen, vorbei an lauten Märkten und kleinen Restaurants, in denen die Köche das Fleisch von Hunden und Mäusen braten. Er führt vorbei an Fabriken, in denen Tausende Arbeiter T-Shirts und Sportschuhe, Handys und Computermonitore für die Einkaufsstraßen der Industrieländer herstellen.