Es sind nur ein paar Schritte, die Heidemarie Schwalbe laufen muss, um vom Gymnasium zurück nach Hause zu kommen. Die Lehrerin geht diese Schritte schnell, mit eingezogenem Kopf, den Blick auf dem Boden. In diesen Tagen ist es ihr lieber, sie begegnet nicht zu vielen Menschen. "Ich gehe nicht mehr so gern durch die Stadt", sagt sie. Sie steckt den Schlüssel ins Schloss, steigt die Treppen nach oben und zieht die Wohnungstür hinter sich zu.

Für ein paar Stunden hatte sie alles ausblenden können – in der Turnhalle, beim Sportunterricht mit ihren Sechstklässlern. Hatte sich auf Stoppuhr und Trillerpfeife konzentriert, Runden gezählt, Spielregeln erklärt. Nun, zu Hause, sind die Gedanken wieder da. Zeitungsartikel liegen auf dem Tisch, Briefe wütender Menschen. Anonyme Anrufer und Mail-Schreiber haben Heidemarie Schwalbe beschimpft. Manchmal denkt sie, ganz Suhl spreche über ihren Fall. Abi-Klasse spielt DDR, das hat Bild unlängst getitelt: "Wie weit darf eine Lehrerin gehen?" Darunter ein Foto, auf dem die Geschichts- und Sportlehrerin Schwalbe, 55, in FDJ-Hemd, Pioniertuch, grünem Minirock und weißen Schnürstiefeln auf einer Schulbank liegt. Auch die Schüler, die hinter ihr stehen, tragen FDJ- oder Pionierblusen, Halstücher, rote Käppis. Einer posiert im Trainingsanzug der NVA. Jeder, der dieses Bild sieht, fragt sich: Was ist bloß in diese Lehrerin gefahren? Eine Geschichtslehrerin, die selbst aus der DDR stammt, verharmlost dieses Regime. Macht sich hier eine Pädagogin einen Spaß aus dem SED-Staat?

Das Foto ist schon ein Jahr alt, es entstand im April 2013, als die Zwölftklässler des Gymnasiums Suhl ihren Abschluss feierten. Mit einer Motto-Woche, wie üblich. Die Abiturienten verkleiden sich zu Themen wie "Schlafanzug", "Hippies", "Zombies". Im vorigen Jahr hatten Schüler aus Schwalbes Geschichtskurs dann die Idee zum Motto "Schulalltag in der DDR". Sie baten die Lehrerin um Unterstützung. Schwalbe besorgte einen Teil der Kostüme, spielte selbst die Pionierleiterin. Eine kleine Szene im Klassenzimmer, eine Art Pioniernachmittag. Später trafen sich die Schüler zum Fahnenappell auf dem Schulhof. "Es war ein blöder Gag, reine Satire, eine Kunstaktion", sagt Schwalbe. Sie sucht nach Worten. "Das hatte doch nichts mit meinem Unterricht zu tun. Wir haben nicht daran gedacht, dass wir jemanden verletzen könnten. Das war naiv, das hätte nicht passieren dürfen."

Seit die Bilder in der Welt sind, interessiert sich für den Kontext der Aufnahme kaum jemand. Stattdessen: Empörung. Sogar Thüringens Ministerpräsidentin, Christine Lieberknecht (CDU), äußerte sich – in SuperIllu. "Ich finde es unsäglich, wenn Lehrer diese alten Zeichen eines gleichgeschalteten, ideologisch geprägten Schulalltags zur Folklore verharmlosen", sagte sie. Der Fall Schwalbe wirft, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, große Fragen auf. Behandelt man die DDR in ostdeutschen Schulen mit dem gebührenden Abstand? Wie viel FDJ-Folklore ist erlaubt? Wie objektiv kann ein Geschichtsunterricht zu deutscher Teilung und DDR sein, wenn er von Lehrern gegeben wird, die wie Heidemarie Schwalbe selbst im Sozialismus aufwuchsen?

"Eine Widerstandskämpferin war ich nie", sagt die Lehrerin

Thüringens Schüler, so zeigt es eine Studie des Politologen Klaus Schroeder vom Forschungsverbund SED-Staat an der FU Berlin, wüssten zwar überdurchschnittlich viel über deutsche Zeitgeschichte, ihr Urteil über die DDR aber bleibe am Ende zu positiv. Liegt das an den Eltern, die sich nicht mehr vorschreiben lassen wollen, wie sie ihr eigenes Leben in der DDR zu finden haben? Oder an den ostdeutschen Lehrern, die zwar die alten Lehrbücher auf den Müll warfen – aber damit nicht automatisch die eigene Weltanschauung? Verharmlosen und beschönigen sie? Es sei wohl eine Mischung aus alldem, sagt Thüringens SPD-Kultusminister Christoph Matschie. "Vier Semester Geschichte der Arbeiterbewegung", das fällt Heidemarie Schwalbe sofort ein, wenn sie an ihr Studium in Magdeburg denkt. Dazu Marxismus, Leninismus, das volle Programm. Warum trat sie der SED bei? "Weil ich an den Sozialismus geglaubt habe", sagte sie. Dann fiel die Mauer. Sie blieb in der Partei, als diese schon PDS hieß, noch heute ist sie Mitglied der Linken. Von 1990 bis 2009 saß sie im Suhler Stadtparlament. "Nein, eine Widerstandskämpferin war ich nie", sagt sie. Sie habe sich "unter Schmerzen" dem Neuen gestellt. "Ich habe nächtelang gelesen, mir Bücher und Materialien aus den alten Bundesländern schicken lassen, mit westdeutschen Lehrern geredet, Fortbildungen besucht." Vor allem habe sie sich immer wieder gefragt: "Mensch, Schwalbe, wie konntest du nur so blind sein? Warum hast du das alles nicht gesehen?"

Manchmal erzählt sie ihren Schülern von diesen Wochen und Monaten des inneren Dialogs mit der eigenen Vergangenheit. "Die Diktatur manipuliert die Menschen und macht sie stumm", sagt sie ihnen. Sie selbst habe sich damals geschworen, nie wieder in ihrem Leben etwas einfach so hinzunehmen. "Es gibt nichts Schwarz-Weißes in der Geschichte", sagt Schwalbe. Das gelte auch für die DDR-Zeit. Ihren Klassen organisiert sie regelmäßig Gespräche mit Zeitzeugen, Regimekritikern, Bürgerrechtlern. Einmal traf sie mit Schülern einen Mann, der einst wegen eines falschen T-Shirts von der Schule geflogen war, kein Abi machen durfte.