Alchemisten, so glaubt der aufgeklärte Zeitgenosse, sind Scharlatane, die in düsteren Hinterzimmern hocken, unverständliche Formeln murmeln und so lange in einer selbstgebrauten Ursuppe herumrühren, bis es zischt und kracht und ihnen der ganze faule Zauber um die Ohren fliegt.

Der Ansicht, die Alchemie werde nur von Spökenkiekern und Dunkelmännern betrieben, war man allerdings nicht immer. Bis zum Sieg der Aufklärung galt der Alchemist als achtbares Mitglied der Gesellschaft, als jemand, der sogar mit dem Künstler dasselbe Ziel teilte: die Arbeit am Geheimnis der Welt. Während der Künstler mit Farbe und Pinsel das Wesen der Dinge ins Bild setzte, suchte der Alchemist mit Stößel und Rührschüssel die Gottesformel – immer in der Hoffnung, durch Kombinieren und "Transmutieren" entstünde ein Stoff, der mit seinem natürlichen Vorbild identisch wäre. Am liebsten natürlich mit Gold.

Dass das Verhältnis von Kunst und Alchemie oft von Missgunst und Eifersucht geprägt war, ist keine überraschende Nachricht. Überraschend ist, dass die historische Liaison angeblich nicht zu Ende ist. Die Alchemie, so behauptet jedenfalls eine Ausstellung im Düsseldorfer Museum Kunstpalast, habe sich in die Kunst geflüchtet. Kunst ist die Arche Noah, die in der Sintflut der Moderne das esoterische Wissen bewahrt.

Bis sie diese These belegen kann, wandert die Ausstellung zurück in die Geschichte der Alchemie, sie zeigt Küchen und Wunderkammern, sie präsentiert Porträts von Großmeistern wie Paracelsus, ohne das Elend jener Erfolglosen zu verschweigen, die bei ihrer Suche nach dem "Stein der Weisen" ihre Familie zu Grunde richteten und am Ende mit Kind und Kegel im Armenhaus landeten. Vor allem präsentiert die Ausstellung einige der berühmten Ripley-Rollen, einige der kostbarsten Beispiele für die geheime Bildsprache der "Stoffwechsler", die seit dem 15. Jahrhundert zumeist in England entstanden und nach dem berühmten Alchemisten George Ripley (um 1415 bis 1490) benannt sind.

Die Düsseldorfer Schau ist fasziniert von der Alchemie, sie lockt und verführt, sie inszeniert sich als Augenweide und gerät immer wieder ins Schwärmen. Kritische Stimmen werden weitgehend wegzaubert, dabei hatten Alchemisten gerade unter Christenmenschen viele Gegner. Diese machten sich über das Stochern im Nebel lustig und glaubten, ein Gebet zur rechten Zeit führe schneller in die Ewigkeit. Und Novalis befand: Wenn der "vernünftige" Mensch den "Stein der Weisen" in sich trage, dann brauche er keine Elixiere mehr und "verwandelt alles Leben in Gold".

Erst Anfang des 19. Jahrhunderts, nach dem Siegeszug der Aufklärer und der "neuen" Naturwissenschaften, wurde die Alchemie zu einer anachronistischen Wissensform und ihre Betreiber zu schrägen Vögeln und komischen Heiligen. Und doch empfand man bald einen tiefen Verlust: Während der Hauptstrom der Alchemisten stets die Einheit des Universums gepredigt hatte ("was oben, das auch unten"), mussten sich die Naturwissenschaften den Vorwurf gefallen lassen, sie würden ein Loch in den Kosmos bohren und vom Leben der Schöpfung nichts anderes übrig lassen als tote Formeln. In dieser Lage, so will die Düsseldorfer Ausstellung beweisen, schlägt die Stunde der Kunst. Sie ist es, die in der Hochmoderne der alchemistischen Idee von der kosmischen Ganzheit die Treue hält.

Tatsächlich verbünden sich im Surrealismus die Künstler mit Magiern, Esoterikern und Okkultisten; ihr Wortführer, der Schriftsteller André Breton, war ein Alchemist reinsten Wassers. Leonora Carrington, Victor Brauner und Remedios Varo waren von alchemistischen Schlüsselmotiven fasziniert, vor allem von der Vereinigung von Sonne und Mond. Und Max Ernst gab einem seiner Bilder einen klassisch alchemistischen Titel: Hiervon werden die Menschen nichts wissen.

Aber auch über der aktuellen Kunst liegt noch ein alchemistischer Zauber, zuallererst natürlich über dem Werk von Joseph Beuys, wenngleich es sich einmal mehr als idealer Nährboden für organizistische Fantasien erweist. Was Beuys unter einer "sozialen Chemie" verstand oder unter einem künftigen "Sonnenstaat" – das möchte man gar nicht so genau wissen, zumal neben ihm kommentarlos der geistige Alchemist und Urbreitheoretiker Rudolf Steiner präsentiert wird, dem so manch Naturtrübes aus der Feder floss. Ganz unverfänglich dagegen haben die Schweizer Künstler Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger einen wunderbar bonbonfarbenen Paradiesgarten installiert, mit grell leuchtenden Kristallen, Karaffen, Wunderkugeln und Zauberäpfeln. Hier ist die Trennung von natürlich und künstlich aufgehoben, das Organische wuchert ins Anorganische, und die synthetische Chemie erfüllt perfekt den Traum der Alchemisten: Die Kunstnatur ist schöner als die Natur selbst. Zum Glück ist der Garten Eden menschenleer und erspart dem Betrachter die Frage, von wem er künftig bevölkert werden soll. Von naturbelassenen Altmenschen – oder von alchemistischen Artefakten aus dem Labor?

Während Steiner und Lenzlinger die "kalte" Empirie der Aufklärungsmoderne ästhetisch überbieten, gehen Rebecca Horn, Yves Klein, Sigmar Polke, Anish Kapoor oder Anselm Kiefer entschieden auf Distanz. Für Yves Klein, der zeitweise den Rosenkreuzern angehörte, ist die Tiefenfarbe Blau das, was die Alchemisten prima materia nannten, eine Ursubstanz, die die Welt im Innersten zusammenhält. Auch Rebecca Horns zarte Installation will zeigen, dass es auf der Welt mehr gibt, als das Auge sieht – unsichtbare Verbindungen und geheime Konkordanzen, die nur in der visuellen Alchemie der Kunst enthüllt werden. Oder um es mit einem aktuellen Schlagwort zu sagen: In Düsseldorf triumphiert der "spekulative Realismus", also die Behauptung, dass die Kunst eine geheime Wirklichkeit "ent-deckt", für die der aufgeklärte Alltagsverstand naturgemäß blind ist.

Die Ausstellung Kunst und Alchemie ist Teil der Düsseldorfer Quadriennale, eines monumentalen Kunstfests, an dem sich gleich ein Dutzend Museen beteiligt. Das Motto lautet "Über das Morgen hinaus", und vermutlich soll die ästhetische Alchemie dazu ihren Beitrag leisten. Gewiss nicht die Sozialutopie eines Paracelsus, der Traum von einer politischen Alchemie; wohl aber das mimetische Erbe der Alchemie, der Umstand, dass sie in Ähnlichkeitsbeziehungen denkt und eine Gegenwelt entwirft, in der das Leben mehr ist als nur eine Angelegenheit von Kosten und Nutzen.

Für die Annahme, dass Alchemisten nur noch in der Kunst eine Heimat haben, besteht übrigens kein Anlass. Die Künstler Goldin+Senneby erinnern an eine Geschichte aus dem 18. Jahrhundert, als Gustav III. der Krieg zu teuer wurde und er sich einen finnischen Alchemisten an den Hof holte, damit dieser aus Dreck Gold mache. Folgt man Goldin+Senneby, dann sind Börsenspekulanten die Alchemisten von heute, sie verwandeln virtuelles Geld in reales. Allerdings: Die Alchemisten des Kapitalismus können alles in die Luft jagen; früher gab es nur einen lauten Knall, und das Leben ging weiter.

Museum Kunstpalast, bis 10. August, Katalog 29,90 €

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