Es ist rund fünfzig Jahre her. Ein mit dem Münchner Musikerzirkel vertrauter Bekannter nimmt mich zu einer Chorprobe des Dirigenten Karl Richter mit. Er öffnet die schwere Tür zu einem Kellerraum der Münchner Residenz. Tumultartige Akkorde schlagen uns entgegen. Wir schlüpfen hinein. Drinnen treffen sich die Soprane, Bässe und Tenöre des Bach-Chors in einem lang gehaltenen, scharfen "Kreuzige!"-Ruf.

Richter feilt an den Mobszenen von Bachs Johannes-Passion. Auf den Aufschrei des Volks folgt die Rechtfertigung: "Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz soll er sterben." Dann der Choral – "Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn". Richter will jedes Wort hören, eines ganz besonders: "Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn, ist uns die Freiheit kommen." Im Choraltext stand ursprünglich "muss", Bach macht "ist" daraus. Die Freiheit ist schon da, lange bevor die weltlichen Akteure tun, was Gott sie zu tun heißt. Das ist reformierte Theologie in Reinkultur.

Nach seinem Wechsel von Leipzig nach München 1951 galt Karl Richter vielen als Revolutionär: Mit kleinen Besetzungen, schnellen Tempi und präziser Diktion entriss er die Bachschen Passionen dem Griff der etablierten Orchester. Mitte der sechziger Jahre, als ich ihn in München erlebte und selber bei einem Cembalobauer in die Lehre ging, war er wieder passé. "Werktreue" lautete der Schlachtruf der neuen aufführungspraktischen Bewegung, deren Stars Gustav Leonhardt, Nikolaus Harnoncourt und Philippe Herreweghe hießen. Die Bewegung brachte einen Dogmatismus hervor, dem alles Historisierende per se als gut und jeder ästhetische Fortschritt als verwerflich gilt.

Seither stehen viele Bach-Aufführungen unter einem unglücklichen Stern: Je mehr sich die selbst ernannten Werkgetreuen mit ihren restaurierten Instrumenten dem Klang der Barockzeit anzupassen versuchten, desto weiter entfernten sie sich von Bachs geistlicher Substanz. Die gilt heute als total überholt. In einer Johannes-Passion des Theaters Osnabrück etwa tritt Jesus "als einer von uns auf, ein Zeitgenosse aus dem Jahr 2014". Darsteller rennen mit vollgestopften Einkaufstüten über die Bühne, der Mammon fällt vom Himmel.

Auch der amerikanische Regisseur Peter Sellars knüpft an seinen Erfolg mit der Matthäus-Passion von 2010 an und brachte kürzlich die Johannes-Passion mit Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern als "rituelle Inszenierung" auf die Bühne. Der Epoch Times Deutschland versichert er, er wolle damit keine Glaubenssätze predigen. Vielmehr gehe es um "spirituell aufgeladene Lebensentwürfe", mit denen sich jeder Mensch befassen müsse; im Zentrum stehe ein Exerzitium des Mitleidens, in dem unsere eigenen inneren Konflikte als grundlegende Widersprüchlichkeiten der Welt vorgeführt würden und so das Gefühl persönlicher und kollektiver Verantwortung steigerten.

Dass große Teile der Presse solches sozialpsychologische Geschwätz wohlwollend zur Kenntnis nehmen, braucht kaum erwähnt zu werden. Bachs altmodischer Religionskram, so viel steht für das Kultur-Establishment fest, hat in einer Zeit, in der Greenpeace im spirituellen Lifestyle eine wichtigere Rolle einnimmt als die Kirche, nichts zu suchen. Da überrascht es kaum, dass die Bonner Kreuzkirche die Johannes-Passion 2011 als "modernes Musik-Tanz-Theater" aufführte – um "den Blick auf menschliche Archetypen zu fokussieren".

Die Johannes-Passion ist zum Event der Beliebigkeit mutiert, das jeder Interpretation offensteht, von der Kapitalismuskritik bis zur Esoterik. Das Publikum schwelgt in Arien wie Von den Stricken meiner Sünden oder Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken, als stünden sie auf einer Stufe mit O soave fanciulla aus Puccinis La Bohème. Hinterher wird geklatscht und gejubelt wie in der Oper.

Lange vor den Tagen des unaufhaltsamen Aufstiegs der FC-Bayern-Mischpoke aber gab sich die Münchner Schickeria noch gerne kultiviert. Damals besuchte man alljährlich Richters Passionsaufführungen, das Weihnachtoratorium und die h-Moll-Messe. Richter war ein Star, die Gerüchteküche ergötzte sich an seinen angeblichen Liebesaffären mit Chorsängerinnen. Dennoch herrschte eine von ihm verordnete Andacht. Nach Verklingen des letzten Tons rührte sich keine Hand.

Nicht dass das katholische München besonders fromm gewesen wäre. Meine Eltern und ich gehörten zu Richters Gemeinde. Wie meine Mutter es im Innersten mit der Religion hielt, weiß ich nicht, aber mein Vater und ich nahmen die Aufführungen als Puccini-Opern für bessere Leute wahr.

Dennoch hatte ich immer das Gefühl, dass es dabei um mehr ging als um die rein ästhetische Erbauung. Richters bevorzugter Evangelist Ernst Haefliger hatte keineswegs eine große oder blühende Stimme, doch in seinem Munde besaß alles, wie der Kritikerpapst der Süddeutschen Zeitung Joachim Kaiser es ausdrückte, "eine höchste Natürlichkeit", die mitunter sogar vergessen ließ, dass da gesungen wurde. Es wurde erzählt. Aber eben, um noch einmal Kaiser zu bemühen, "die größte Geschichte der Welt".