Dämmerte jetzt jemand weg, niemand könnte es ihm verdenken, aber es kommt anders: Im Europasaal eines Tagungshotels in Münster haben hundert Mitarbeiter aus Vertrieb und Verwaltung eines Kranherstellers den ganzen Tag lang Fachvorträgen gelauscht. Endlich beginnt der letzte Programmpunkt: IT-Sicherheit. Der Referent betritt die Bühne: "Wir werden zusammen Passwörter knacken, lernen, wie man in Handys einbricht, und ich werde Ihnen zeigen, wie Sie im Hotel kostenlos Pay-TV schauen können." Gelächter, die Müdigkeit aus den Gesichtern verschwindet. Doch vorher gehe es um die technischen Grundlagen. "Das erste Modul wird ein bisschen trocken werden, aber da müssen wir durch", sagt Tobias Schrödel, beginnt einen technischen Vortrag und bricht plötzlich ab: "Na, da haben Sie jetzt keinen Bock drauf? Gehen wir gleich rüber zu Modul zwei." Gelächter und Applaus. "Jaaaa, so sieht Erleichterung aus!"

Tobias Schrödel ist Deutschlands erster IT-Comedian, und er weiß sein Publikum zu begeistern. Interessant, wie einfach sich mit etwas krimineller Energie und billiger Hackersoftware Passwörter ausspähen lassen oder sich das Kilometergeld in der Excel-Reisekostenabrechnung von 30 Cent auf 2,69 Euro erhöhen lässt. Sich jedes Bluetooth-Headset kinderleicht als Wanze einsetzen lässt oder wie Schrödel unter jeder beliebigen Nummer als Anrufer im Handydisplay erscheinen kann; und dass sich "Computerviren ab 250 Dollar kaufen lassen. Teilweise mit Geld-zurück-Garantie, dass sie mindestens eine Woche nicht von Virenschutzprogrammen entdeckt werden."

Unter großem Applaus beendet Schrödel nach einer Stunde seine Show, klappt den Laptop zu und steigt von der Bühne. "Das Publikum ging heute sehr gut mit", sagt der Münchner, er ist zufrieden.

Mit zehn Jahren fand Tobias Schrödel seinen ersten Rechner unter dem Weihnachtsbaum. Damals hatten die Rechner gerade mal 48 Kilobyte, erinnert er sich. Drei Monate später hatte er bereits sein erstes Spiel programmiert. Das Programmieren ließ ihn nie mehr los. Ein Informatikstudium traute er sich aber nicht zu: "Ich war in Mathe nicht der Hellste." Stattdessen studierte er VWL, aber so richtig glücklich war er mit seiner Wahl nicht. Erst sein Studentenjob im Callcenter eines Paketdienstes, wo er einige Verbesserungen in die Datenbanken programmierte, brachte ihn auf den richtigen Weg. Schrödel brach das Studium ab und konzentrierte sich voll aufs Programmieren von Versandsystemen. Doch immer wenn er Azubis betreute, nagte es an ihm, dass er keine Ausbildung hatte.

So machte er nach Feierabend seinen Abschluss als Fachinformatiker. Mittlerweile ist Tobias Schrödel zertifizierter Industrie- und Handelskammer-Prüfer für IT-Berufe. Für die Telekom-Tocher T-Systems, arbeitete Schrödel bis Ende 2012 als Solution Manager, zuletzt in Teilzeit, um mehr Zeit für seine Vorträge zu haben. Mittlerweile hat er sich komplett selbstständig gemacht.

Schrödels Bühnenkarriere begann zwischen Kühlschränken und Backöfen: Sie führten auf Veranstaltungen Haushaltsgeräte vor, die sie mit dem Internet verbunden hatten. Es gab immer wieder fünfminütige Umbaupausen – Backofen runter von der Bühne, Kühlschrank rauf –, die schwer zu überbrücken waren. "So schlug ich vor, als Pausenfüller ein paar lustige Sachen übers Passwortknacken und über Geheimschriften zu erzählen." Später verband Schrödel die Fünfminutenhäppchen zu einem Bühnenprogramm. Und merkte schnell, wie froh das Publikum ist, wenn man sich diesem Thema nicht mit einer klassischen PowerPoint-Präsentation nähert.

In Spitzenzeiten hält Schrödel vier bis fünf Vortragsshows pro Woche ab, mal vor 20 Zuschauern, mal vor 2.500. Alle vier bis sechs Wochen tritt er bei stern TV auf.

Kann er mit seinem Wissen um die allgegenwärtigen Sicherheitslücken überhaupt ruhig schlafen? Er sagt: "Ich kann mir Anonymität gegenüber Nachbarn verschaffen, aber nicht gegenüber Geheimdiensten. Damit muss ich meinen Frieden machen, wenn ich nicht paranoid werden will."