Hinter der Bühne des Caesars Palace am Sunset Strip in Las Vegas schreit ein Kind. Von Weitem schon hallt das Wort "Daddy" immer wieder durch die ansonsten stillen Korridore. "Daddy! Wo bist du? Daddy? Guck mal! Daddy! Guck mal!"

Daddy ist Elton John. Zwei Stunden vor dem Beginn seiner großen Las-Vegas-Show sitzt er etwas matt auf einem Sofa in seinem Umkleideraum. Er trägt einen schwarzen Adidas-Trainingsanzug, dazu schwarze Adidas-Schuhe. Anders als so oft in der Vergangenheit ist Sir Eltons Brille heute dezent in Form und Farbe, grau-beige, passend zu seinem Kunsthaar, das in Grau-Blond gehalten ist. Elton Johns Trainingsanzug sitzt knalleng. Ein Mitarbeiter des Managements erwähnt beim Hineingehen, dass Elton John sich vor jedem Konzert eine Stunde Zeit nimmt, um mit seinem Lebensgefährten die beiden gemeinsamen Söhne zu baden und zu füttern. Auf einem Regal stehen, sauber aufgereiht, Hunderte Plastikpuppen.

Vor Elton John wirbelt sein dreijähriger Sohn Zachary herum, in einer Hand einen bunten Plastikbagger, in der anderen einen kleinen weißen Star-Wars-Soldaten: "Guck mal, Daddy!" Nebenan wird gerade sein kleiner Bruder Elijah von einer Nanny gefüttert. Beide Kinder sind von derselben Leihmutter ausgetragen worden.

Zachary trägt einen kanariengelben Anzug, auf dessen Rücken in großen Buchstaben "Versace" steht. "Daddy muss jetzt schnell ein Interview geben", sagt Sir Elton sanft. "Nein, Daddy!", schreit Zachary. Eine Nanny eilt zu Hilfe und schiebt das Kind behutsam aus dem Raum. "Daddy, ich werde dich vermissen!", ruft der Kleine. Elton John bleiben kurz die Worte weg. "Gibt es etwas Tolleres als Kinder?", fragt er, wirft seinem jammernden Sohn einen mitfühlenden Blick nach und sagt: "Lassen Sie uns schnell loslegen."

ZEITmagazin: Sir Elton, wenn Sie auf Ihr Leben blicken, wo sehen Sie sich heute?

Elton John: Ich bin jetzt in einem Alter, in dem sich die Prioritäten verschoben haben. Das gilt für mein Leben und auch für meine Musik. Ich habe so viele Hits gehabt, dass ich mir und anderen nichts mehr beweisen muss. Jetzt mache ich nur noch Musik, die ich selber liebe. Deshalb klingen meine letzten beiden Alben so sehr nach dem Soundtrack meiner Jugend, also nach Country und Rock ’n’ Roll der fünfziger und sechziger Jahre.

ZEITmagazin: Dass Sie Ihr voriges Album mit dem amerikanischen Musiker und Songschreiber Leon Russell aufgenommen haben, war zunächst eigentlich nur für Kenner und Hipster interessant.

John: Das war mir klar. Aber Leon Russell war ein vergessenes Idol meiner Jugend, dem ich einfach auf seine alten Tage zu etwas mehr Respekt verhelfen wollte. Er war sehr krank, daher musste ich mich damit beeilen. Dass er so abgemeldet war, ärgerte mich maßlos! Er spielte jahrelang in halb leeren Pinten in den USA. Mein Album mit ihm schaffte es dann in den USA in die Top Five, und unsere Konzerte waren alle ausverkauft. Schließlich wurde er sogar in die Rock ’n’ Roll Hall of Fame aufgenommen. Danach war ich zufrieden, ich hatte ihm tatsächlich den nötigen Respekt verschafft. Beschwert hatte er sich vorher allerdings auch nie.

ZEITmagazin: Reizt es Sie denn gar nicht mehr, Hit-Songs zu schreiben?

John: Überhaupt nicht. Ich weiß, dass ich es könnte. Aber es bedeutet mir in dieser Phase meines Lebens gar nichts mehr. Damit aber niemand denkt, dass ich dem Pop abgeschworen habe, mache ich oft als Gast bei jüngeren Musikern mit, so wie bei Fall Out Boy, Queens Of The Stone Age oder Gary Barlow. Außerdem manage ich Sophie Ellis-Bextor, James Blunt und Ed Sheeran. Glauben Sie bloß nicht, dass ich mich auf mein Altenteil zurückgezogen hätte. Wie ich in den nächsten Jahren weitermachen werde, weiß ich allerdings noch nicht. Ich betrachte mein aktuelles Album, The Diving Board, tatsächlich als den Zenit meiner Karriere. Das Problem ist nur: Wie macht man da weiter, ohne abzustürzen? Zum Glück bin ich in einem Alter, in dem mich gar nichts mehr drängt.

ZEITmagazin: Der erste Song auf Ihrem Album beschäftigt sich mit dem Ersten Weltkrieg. Ist so ein hartes Thema für Ihr Stammpublikum nicht etwas irritierend?

John: Das ist mir so was von egal. Ich hatte das Gefühl, dass ich zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns an dieses irre Massaker erinnern musste und an all die jungen Menschen, die in diesem Krieg starben. Als ich vor einer Weile ein Buch darüber las, brach es mir das Herz. Zum ersten Mal in meiner Karriere habe ich einen Song veröffentlicht, in dem ich nur mit meinem Klavier zu hören bin. Diese Entdeckung des Einfachen war überwältigend für mich.

ZEITmagazin: Der Titelsong The Diving Board handelt von den Tücken des Berühmtseins. Wie sind Sie selbst mit dem Starrummel so lange klargekommen?

John: Das weiß ich auch nicht. Ich hatte, wie die ganze Welt weiß, meine Abstürze mit Drogen und Alkohol. Das war oft sehr schlimm. Das Geheimnis meines Überlebens liegt wohl darin, dass ich niemals aufgehört habe zu arbeiten. Egal, wie schlecht es mir ging, ich habe immer Songs geschrieben und Platten veröffentlicht. Musik hielt mich am Leben, denn nichts liebte ich so sehr, wie Musik zu machen und Musik zu hören. Ich will immer wissen, was in der Musikwelt los ist, was gerade hip ist. Das ist auch eine Droge.