Mal angenommen, die Regierung wollte die Energiewende so richtig vor die Wand fahren. Was müsste sie dafür tun? Sie müsste für steigende Stromkosten sorgen, sodass die Bürger das Ganze nicht mehr bezahlen wollten. Sie müsste für Streit zwischen den Unternehmern sorgen, indem ein Teil der Betriebe von den steigenden Stromkosten ausgenommen wäre, der andere Teil aber nicht. Sie müsste die Energiewende furchtbar kompliziert erscheinen lassen; so kompliziert, dass sie in einfachen Worten gar nicht mehr zu erklären wäre. Das Wort Energiewende würde irgendwann zum Unwort werden, und niemand hätte mehr Lust auf die Reform.

Genau so entwickelt sich die Sache gerade.

Dabei wäre es so einfach, die Leute für den grünen Umbau des Landes zu begeistern. Es brauchte dafür nur eine einzige, mutige Entscheidung. Dann würde niemand mehr über steigende Stromkosten schimpfen. Die Unternehmer würden nicht länger zweifeln. Und alles erschiene gar nicht mehr so kompliziert.

Wie genau diese Entscheidung aussähe, wissen in Berlin inzwischen einige Politiker – darunter die Kanzlerin, der Vizekanzler, und ihre wichtigsten Berater. Aber sie alle scheuen diesen Schritt. Stattdessen verliert sich die große Koalition im Kleinen. Die Ökostromreform, die das Kabinett am Dienstag dieser Woche beschlossen hat, ist dafür nur ein Beispiel. Und so steigen die Strompreise wohl weiter.

Um das Grundproblem der Energiewende zu verstehen, muss man ein paar Jahre zurückgehen, in die Zeit zwischen 2009 und 2012. Damals waren Solarmodule auf einmal sehr billig zu haben, und jeder Bürger und jedes Unternehmen konnte sich vergleichsweise günstig eine neue Anlage aufs Dach montieren. Gleichzeitig blieb die Vergütung, die man dafür bekommt, Solarstrom ins Netz einzuspeisen, sehr hoch. Ein lohnendes Geschäft. Goldgräberstimmung machte sich breit. In einem einzigen Jahr wurden Solaranlagen mit einer Leistung von mehr als 7.000 Megawatt installiert – das entspricht der Leistung von fünf Atomkraftwerken.

Der damalige Boom ist heute eine Belastung. Dazu muss man die rechtliche Grundlage des Ökostrommarktes kennen, das sogenannte Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) aus dem Jahr 2000. In diesem Gesetz steht, dass jeder, der in eine Ökostromanlage investiert, dafür 20 Jahre lang eine feste, staatliche garantierte Vergütung bekommt – ganz unabhängig davon, wie sich die Marktpreise tatsächlich entwickeln. Wer sich zum Beispiel im Jahr 2000 eine Solaranlage aufs Dach schraubte, erhält noch heute für jede Kilowattstunde staatlich garantierte 50,62 Cent – obwohl die aktuelle Einspeisevergütung für Strom aus neuen Solaranlagen nur bei 13,28 Cent liegt. Bei keiner anderen Ökostromtechnologie sind die Kosten derart dramatisch gesunken wie bei der Solarenergie. Möglich machten das der technische Fortschritt und die Massenproduktion.

Bloß: Die Bürger merken davon nichts.

Inzwischen beläuft sich die finanzielle Last der gesamten Ökostromförderung auf rund 20 Milliarden Euro im Jahr. Dieses Geld wird auf die Stromrechnung draufgeschlagen – über die so genannte EEG-Umlage, die alle privaten Stromkunden und viele Unternehmen zahlen müssen, aber eben nicht alle.

Aktuell liegt die EEG-Umlage bei 6,24 Cent je Kilowattstunde, fast die Hälfte davon stammt aus den früheren Förderzusagen für Solarstrom. Gäbe es diese Zusagen aus der Vergangenheit nicht, wäre die Umlage nur halb so hoch. Der Strompreis für die Bürger wäre deutlich niedriger; die Industriefirmen müssten nicht jammern; und viele Betriebe, die jetzt noch von der EEG-Umlage ausgenommen sind, könnten sie bezahlen, ohne finanziell gebeutelt zu werden.