Es gibt Orte, von denen aus betrachtet es den Grünen richtig gut geht. Wenn man beispielsweise vom Stuttgarter Staatsministerium aus auf die Landeshauptstadt blickt und dem grünen Ministerpräsidenten zuhört, wie er vom "ökologischen Dialog mit der Wirtschaft" spricht, macht man sich keine Gedanken, die Grünen könnten untergehen. Auch in Wiesbaden, wo Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir gerade seinen wuchtigen Amtssitz in rotem Sandstein bezogen hat, plagen die Grünen keine Zukunftssorgen. Nach vierzehn Jahren Opposition sitzen sie jetzt in einer schwarz-grünen Koalition. In Düsseldorf regiert Sylvia Löhrmann mit der SPD, in Kiel Robert Habeck. Und wenn die große Koalition in Berlin über die Energiewende verhandelt, hat der schleswig-holsteinische Umweltminister seine Hände mit im Spiel.

Die Hierarchie von Zentrum und Provinz ist bei den Grünen derzeit außer Kraft. In der Provinz, in sieben Ländern, haben sie Macht und Gestaltungsraum, in der Hauptstadt kämpfen sie gegen das Verschwinden. Eingeklemmt zwischen einer übermächtigen Koalition und einer schrillen Linkspartei, haben die Grünen bislang kein Mittel gefunden, erkennbar zu bleiben. Aber das ist selbst nur ein Symptom ihrer aktuellen Schwäche. Die Krise der Bundespartei geht tiefer, sie ist personeller, strategischer und inhaltlicher Natur.

Die Grünen haben nach der verlorenen Bundestagswahl den Generationswechsel an der Spitze vollzogen, die Führungsfrage aber ist weiter offen. Sie wollen auch im Bund wieder regieren, sie wissen nur nicht mehr, mit wem. Und sie sind nach der verpatzten Wahlkampagne 2013 auch nicht mehr sicher, mit welchen Themen sie sich in der politischen Auseinandersetzung noch behaupten können. Die schwierige Lage der Partei wird noch dadurch verschärft, dass die Neuen an der Spitze von Partei und Fraktion agieren, als gäbe es die Krise gar nicht, als biete die Oppositionszeit genügend Freiraum zur sanften Regeneration. Als sei es ausgemacht, dass sich die Chance, die 2013 verpasst wurde, im Jahr 2017 erneut böte.

Dass der Kampf um die Zukunft der Partei noch gar nicht begonnen hat, wirkt sich zumindest auf der zwischenmenschlichen Ebene positiv aus. Die neue Führungsmannschaft ist, anders als ihre Vorgänger, untereinander nicht zerstritten. Keine Kontroversen dringen nach außen. Das wird als Fortschritt hervorgehoben. Und auch die Ehemaligen spielen mit. "Diese Führung verdient Loyalität", formuliert fast schon programmatisch Jürgen Trittin, der Mann, der die Grünen bis zum vergangenen Herbst führte.

Die Grünen haben im Laufe der Jahre viel Mühe darauf verwendet, die Macht Einzelner zu beschränken. Das hat zwar nicht geklappt, es hat aber zu einem besonders harten Auswahlprozess geführt. Am Ende gab es, trotz quotierter Doppelspitzen in Fraktion und Partei, doch immer einen, der die Grünen dominierte. Erst Joschka Fischer, danach Jürgen Trittin. Dass es auch künftig auf eine einzelne Führungsfigur hinausläuft, ist nicht sicher. Aber dass die vier von heute als Kollektiv genügend Autorität gewinnen, den Grünen Orientierung zu geben und sie als kreative, durchsetzungsfähige Kraft auf die Bühne zurückzubringen, dafür spricht derzeit wenig.

Bislang sieht man zwei grüne Fachpolitiker, Simone Peter und Anton Hofreiter, die sich bemühen, politische Generalisten zu werden. Und man sieht zwei grüne Generalisten, Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir, die nicht wirklich durchdringen. Dass Özdemirs Wirkungsbereich als Parteivorsitzender nicht länger durch Jürgen Trittin verstellt ist, macht ihn bisher nicht stärker. Aus der rhetorischen Routine der vergangenen Jahre findet er nicht heraus.

Bleibt Katrin Göring-Eckardt, der am ehesten die Rolle einer Prima inter Pares zugetraut wird. Sie war Spitzenkandidatin für den Bundestag, gewählt von den Mitgliedern als Ergänzung zu Jürgen Trittin. Doch die Erwartung, sie würde inhaltlich und im Ton eine andere Farbe in die Kampagne bringen und so das grüne Spektrum in die Mitte erweitern, hat sie nicht erfüllt. Das hat der grünen Realpolitikerin immerhin Sympathien auf dem linken Flügel der Partei eingetragen. Mit dessen Unterstützung wurde sie nach der Niederlage an die Spitze der Fraktion gewählt. Die Frau, die bislang für die Öffnung der Grünen in neue gesellschaftliche Milieus stand und dafür auf grünen Parteitagen oft mit Misstrauen behandelt wurde, hat sich zu einer machtpolitisch versierten Führungsfigur entwickelt. Ihr politisches Profil jedoch hat darunter gelitten. Ob sie nach der letzten Bundestagswahl eine schwarz-grüne Koalition wollte oder nicht, hat sie nie erkennen lassen. Auf solch vorsichtig-kalkulierende Weise wird sie ihrer Partei keine Orientierung geben.