Gestern hat Lang Lang angerufen. "Onkel Chen, wann sehen wir uns mal wieder?", hat der chinesische Klavierstar gefragt. "Ich bin bald in Hamburg." Mang Chen aß gerade mit dem Europachef von Air China zu Abend. Sie sprachen, wie könnte es anders sein, über den chinesischen Staatspräsidenten.

Es ist Mitte März, in wenigen Tagen wird Xi Jinping seine Europareise beginnen, über 200 Vorstandschefs, Unternehmer und Investoren bringt er mit. Chen muss sie umsorgen: Flughafenempfang, Limousinenservice, Frauenprogramm. Er hat jetzt keine Zeit für Lang Lang. Auch nächste Woche nicht. Angela Merkel erwartet den Präsidenten samt Gefolge zum Dinner. Chen ist dabei. Natürlich. Er sagt: "Zu den meisten Staatsbesuchen bin ich eingeladen."

Mang Chen, geboren am 5. Oktober 1960 in Chengdu, Sternzeichen Ratte, ist nicht nur Chef des 400 Millionen Euro schweren Reiseveranstalters Caissa und Präsidenten-Delegationsbetreuer, sondern auch – man muss hier ein paar Lücken lassen – Gründer einer Reiseleiterschule, einer Wellnessklinik und einer Juwelierkette, Herausgeber der größten chinesischsprachigen Zeitung Europas, Initiator des offiziellen Lang-Lang-Fanklubs, Vorstands- oder Ehrenmitglied in einem halben Dutzend deutsch-chinesischer Wirtschaftsvereinigungen und, so nennt man ihn wirklich, Hamburgs chinesischer Bürgermeister.

An diesem Morgen steht Chen im Besprechungszimmer seiner Hamburger Unternehmenszentrale und schnarrt Befehle. "So ein Präsidentenbesuch", sagt Chen, "ist eine ernste Sache." Seine Assistenten nicken, protokollieren. Vor dem Haus wartet bereits Chens Chauffeur, am Flughafen die 11-Uhr-Maschine nach Frankfurt und dort der stellvertretende chinesische Generalkonsul. Eine halbe Tasse Tee später – im Stehen – ist Chen mit allen Einzelheiten zufrieden. Fast.

Wäre da nicht dieses eine unschöne Detail: Xi Jinping, Staatsoberhaupt jedes fünften Menschen auf der Welt und Verkörperung chinesischer Milliardeninvestitionen, nächtigt, außer zum Staatsempfang in Berlin, in nur einer weiteren deutschen Stadt: in Düsseldorf. Ausgerechnet.

Als Chen in seinen Porsche steigt, sagt er: "Der Präsident hätte nach Hamburg kommen müssen." Schließlich ist Hamburg die Chinatown Nummer eins in Deutschland. In keiner anderen Stadt sitzen so viele chinesische Unternehmen: 505 hatten Handelskammer und Wirtschaftsförderung zuletzt gezählt. Darunter die Europazentralen großer Reedereien wie Cosco und China Shipping. Jeder dritte Container im Hamburger Hafen kommt aus oder geht nach China. Hamburg, das Tor zum Reich der Mitte. Das war schon immer so. Das galt.

Bis sich, leise und unauffällig, andere Tore öffneten. Frankfurt wegen des Flughafens, Berlin wegen der Regierung, Düsseldorf wegen ... Die Sache ist kompliziert. Und schmerzt.