An jenem Tag im Herbst wollte ich nur rasch in den Laden in der Nachbarschaft springen, um für meine Tochter ein paar T-Shirts, vielleicht noch eine Matschhose zu kaufen und, wenn Zeit wäre, ein paar Worte mit Ines zu wechseln, die damals die Kinderboutique führte. Dreieinhalb Jahre ist das nun her. In dem verwinkelten Geschäft, zwischen Kleiderstangen, Verkaufsregalen und Babysachen, hätte ich sie dann fast übersehen: Yagmur, gerade ein paar Tage alt. Yagmur, die alle von Geburt an Yaya nannten. Die die Hamburgerinnen und Hamburger drei Jahre später aus der Zeitung kennenlernen sollten – als das Kind, das in Billstedt zu Tode geprügelt wurde. An jenem Tag im Herbst aber lag sie, in einem rosa-weißen Strampelanzug, in einer Boutique in Rotherbaum, und schlief.

Ich war vollkommen überrascht. Denn die gelernte Modedesignerin Ines war Mutter eines dreijährigen Sohnes – das Baby aber musste aus sehr heiterem Himmel gekommen sein. Yayas Ankunft auf dieser Welt war in der Tat etwas anders verlaufen, als es gemeinhin in diesem Teil Hamburgs üblich ist.

Yayas kurzes Leben spielte in einer Stadt, aber in zwei Welten. Ihre Geschichte ist damit auch die einer gespaltenen Kindheit – in einer gespaltenen Stadt.

Es geht hier deshalb nicht darum, einen Kriminalfall neu aufzurollen; die Details wurden in der Lokalpresse breit berichtet: Ines war de jure nicht Yayas Mutter – sie war von Oktober 2010 an ihre Pflegemutter. Da war Yaya ein paar Tage alt. Über Melek, die leibliche Mutter, hat die Öffentlichkeit viel erfahren: Dass die Verhältnisse schwierig waren. Dass sie schon einen Sohn hatte, der bei den Großeltern lebte. Dass sie und Hüseyin, Yayas Vater, damals keine Chance sahen, dem Baby gerecht zu werden. Also tat Melek das vermutlich einzig Richtige. Sie gab ihr Kind freiwillig in Pflege.

Die Freiwilligkeit der Entscheidung war es, die Melek später positiv angerechnet wurde und die es den Eltern ermöglichen würde, Yagmur wieder zu sich zu holen, wenn sie eine entsprechende Lebenssituation vorweisen könnten.

Zweifel daran gab es in den mehr als zwei Jahren, die das Mädchen in der Pflegefamilie lebte, immer wieder. Nicht einmal die Strafanzeige, die Klaus Püschel, Leiter der Rechtsmedizin am UKE, im Januar 2013 "gegen unbekannt" stellt, weil Yagmur eindeutig misshandelt worden sei, und die dafür sorgt, dass sie im Februar 2013 in die Obhut eines Kinderschutzhauses kommt, kann verhindern, dass Yaya im August wieder bei ihren Eltern wohnt.

Warum Zweifel bei Behördenmitarbeitern, Pflegemutter und Ärzten, warum Aktenvermerke und Einwände des Jugendamts nicht gereicht haben, das Kind zu retten, muss nun ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss klären. 

Und wir? Sind wir nicht auch verstrickt? Tragen wir keine Verantwortung, keine Schuld?

Die Rückführung in die Familie war der entscheidende Fehler, das steht fest. Für Yagmur war er tödlich.

Yaya, das war dieser lachende Springinsfeld, ein Pfundsmädel, ein Musketier – mutig, neugierig, voller Entdeckergeist, ein Kind, das mit Hund Pitú um die Wette laufen wollte. Yaya war nie krank, und wenn es einmal Tränen gab, war die Welt doch schnell wieder in Ordnung.