DIE ZEIT: Herr Professor Renn, Sie behaupten, wir fürchten uns vor dem Falschen: Risiken, die unser Leben tatsächlich bedrohen, bemerken wir oft kaum, und was eigentlich relativ harmlos ist, das empfinden wir häufig als gefährlich. Ist es falsch, sich nach dem Drama um den Malaysia-Airlines-Flug MH370 vor dem Fliegen zu fürchten?

Ortwin Renn: Jedes Jahr verlieren rund 630 Menschen bei Flugzeugunglücken ihr Leben. Ist das viel oder wenig? Verglichen mit den 1,24 Millionen Opfern im Straßenverkehr, ist das Risiko verschwindend gering. Auch verglichen mit dem Todesrisiko pro Kilometer Wegstrecke, ist das Fliegen inzwischen noch sicherer als das Fahren mit dem Bus oder der Bahn. Dennoch bewerten wir das Flugrisiko höher: zum einen, weil bei jedem Flugzeugunglück viele Menschen auf einmal sterben, und zum zweiten, weil jeder Flugzeugabsturz, vor allem solche mysteriösen wie der Flug MH370, unsere Fantasie und Vorstellungskraft bis hin zu Verschwörungstheorien anregt.

ZEIT: Welche Risiken überschätzen die meisten Menschen außer dem Flugrisiko?

Renn: Ein Beispiel dafür ist die Ernährung. Mehr als 70 Prozent der Deutschen fürchten sich vor Pestizidrückständen, Antibiotika oder Hormonen in Fleischwaren, gentechnisch veränderten Lebensmitteln und chemischen Konservierungsmitteln. Auf all diese Dinge sind aber nur etwa 15 tödliche Krebserkrankungen im Jahr zurückzuführen. Mehr als 70.000 Menschen hingegen sterben an tödlichen Krebserkrankungen, die durch ungesunde Ernährungsgewohnheiten veranlasst sind; das heißt durch zu viel Essen, zu viel Fleisch, zu viel Fett, zu viel Zucker. Doch diese mehr als tausendfach höheren Risiken werden als gering und wenig besorgniserregend eingestuft, 54 Prozent der Deutschen sehen darin gar keine beunruhigende Gefahr. Wahrgenommene und tatsächliche Gesundheitsrisiken liegen hier also weit auseinander.

ZEIT: Woran liegt es, dass wir die Risiken so verzerrt wahrnehmen?

Renn: Der Mensch fürchtet sich eher vor Gefahren, die er nicht aus Erfahrung kennt oder direkt sinnlich wahrnehmen kann. Etwa: radioaktive Strahlung, BSE-Erreger oder Innenraumbelastung durch Formaldehyd. Hier muss ich den Warnungen oder Entwarnungen der anderen vertrauen. Wenn ich dieses Vertrauen nicht habe oder keiner der Informationsquellen Glauben schenke, möchte ich am liebsten ein Nullrisiko. Dann weiß ich: Ich bin auf der sicheren Seite.

ZEIT: Wachsen denn die Risiken durch eine höhere technische Durchdringung unseres Alltages und mehr Automatisierung am Arbeitsplatz?

Renn: Dass jemand auf der Baustelle unter einen Bagger gerät oder dass man bei einem industriellen Produktionsbetrieb durch eine Schneidemaschine einen Arm verliert, davon hört man immer mal wieder, und das leuchtet auch jedem ein. In Wahrheit aber sind berufliche Unfälle in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen, die Zahl der Toten lag 1960 bei 4.893 im Jahr, inzwischen sind es weniger als 500 – und das, obwohl die Arbeitsplätze immer stärker von Maschinen und Technik bestimmt sind.

ZEIT: Woran liegt das?

Renn: Die Technik ist weniger anfällig für Ausfälle und Fehlbedienungen geworden, und die Sicherheitsvorkehrungen in Form von Regeln und Kontrollen greifen auch dann, wenn Menschen aus Gewohnheit unvorsichtig zu werden drohen. Mit einer Kombination von mehr Sicherheit durch Technik, organisatorische Sicherheitsvorkehrungen und auch besseres Training von Personal haben wir in den letzten drei Jahrzehnten einen erheblichen Rückgang tödlicher Unfälle einleiten können. Sicherheit ist in Deutschland eine Erfolgsgeschichte.

ZEIT: Gilt das für alle Lebens- und Gesundheitsrisiken? Leben wir in Deutschland heute sicherer und gesünder als vor 10 oder 50 Jahren?

Renn: Eindeutig ja, auch wenn die meisten Menschen in Umfragen einen anderen Eindruck von ihrer Lebenswirklichkeit haben.

ZEIT: Und welche Gefahren unterschätzen wir?