Vor ein paar Wochen, im Winter, hat sie sich neben das Grab ihres toten Kindes gelegt und auf den Schlaf gewartet. Sie will jetzt oft einfach nur einschlafen und nicht mehr aufwachen. Wenn sie schläft, träumt sie von ihrem Sohn. Wenn sie aufwacht, weiß sie, er ist tot. Die Kälte soll ihr Leben einfrieren in diesem Moment auf dem Berliner Domfriedhof, neben sich das weiße Kreuz mit dem Namen ihres Kindes darauf: Daniel. Da kommt ein Passant und fragt: Ist alles okay? Die Mutter steht auf.

Als Sanitäter den Zweieinhalbjährigen ins Krankenhaus bringen, hat Patricia F. noch Hoffnung. Es ist Dienstag, der 3. September 2013, am späten Nachmittag. Das Kind ist bewusstlos, es hat blaue Flecken und Blutungen am Kopf und an der Stirn, Hämatome über den gesamten Bauch und auch am Penis blaue Flecken. Der Bauch sei hart wie ein Brett gewesen, wird sich ein Sanitäter später erinnern. Die Mutter steht unter Schock. Auf die Frage, was passiert sei, sagt die 20-Jährige immer wieder, ihr Sohn sei vom Klettergerüst gefallen. Mehr ist aus ihr nicht herauszubekommen.

Im Klinikum Friedrichshain wird Daniel sofort operiert. Als sie den Bauchraum öffnen, stellen die Ärzte eine Zerreißung des Darms fest. Auch nach der OP geht es dem kleinen Jungen immer schlechter, er wird wieder operiert, ihm werden künstliche Ausgänge am Dünn- und am Dickdarm gelegt. Zwei Tage vergehen, in denen sich die Ärzte fragen, woher diese schweren Verletzungen stammen. Sie zweifeln an der Geschichte vom Klettergerüst. Das Krankenhaus alarmiert die Polizei.

In der Vernehmung bleibt die Mutter bei ihrer Geschichte: Sie sei mit ihrem Jungen auf dem Spielplatz gewesen, dann sei er plötzlich vom Klettergerüst gestürzt und habe im Sand gelegen. Kein Wort davon, dass sie doch in Wahrheit einkaufen war und sich die Augenbrauen zupfen ließ. Ihren Sohn hat sie für etwa anderthalb Stunden bei ihrem 26 Jahre alten Freund Mirko B. gelassen, mit dem sie seit vier Monaten zusammenwohnte.

Einen Tag später, am 7. September, um kurz vor 6 Uhr morgens stirbt Daniel.

Als Daniel noch lebte, war er ein aufgeweckter blonder Junge, der seinen Schnuller ins Führerhaus seines Spielzeuglastwagens legte, wenn er damit durchs Wohnzimmer brauste. Sein Lächeln sei seine Waffe gewesen, sagt sein Großvater über ihn. Eine Waffe, die ihm letztlich nichts nutzte.

Das Jugendamt Berlin-Mitte hatte Daniel seit seiner Geburt im Blick, nicht nur weil seine Mutter Patricia damals erst 17 und alleinstehend war. Schon Patricias Familie war jahrelang vom Jugendamt betreut worden. Sie selbst hatte als Teenager einige Zeit im Heim gewohnt, weil die Eltern zu Hause tranken und stritten. Nun also hatte der Staat ihren Sohn Daniel zu schützen. Das Familiengericht Pankow-Weißensee hatte sich am 30. August 2013 noch mit der Frage beschäftigt, ob die Mutter überhaupt in der Lage sei, das Kind in der eigenen Wohnung aufzuziehen. Der Richter befand: Ja. Wenige Tage später war Daniel tot.

In der Klinik muss Daniel immer wieder operiert werden. Die Mutter sagt, er sei vom Klettergerüst gefallen

Wieder ein Kind, das misshandelt wurde und starb – wie so oft vom neuen Freund der Mutter. Anfang März begann vor dem Berliner Landgericht der Prozess gegen Mirko B., den Lebensgefährten von Patricia. Die Anklage lautet auf Totschlag, ihm drohen bis zu 15 Jahre Haft, das Urteil wird Mitte April erwartet. Zur selben Zeit steht ein paar Säle weiter der Tod eines anderen Kleinkindes vor Gericht: Auch Zoe wurde nur zwei Jahre und sieben Monate alt, auch sie war vom neuen Lebensgefährten der Mutter zu Tode malträtiert worden. Zoe sei "quasi unter den Augen des Jugendamts gestorben", sagte ein Berliner CDU-Politiker. Nach ihrem Tod debattierte das Abgeordnetenhaus über die Konsequenzen aus dem Fall: Man brauche mehr Geld und mehr Personal im Kinderschutz. Ein halbes Jahr nach Zoe starb die sechs Monate alte Lena. Sie war in einer Berliner Mutter-Kind-Einrichtung von ihrem Vater misshandelt worden. Der Aufruhr war wieder groß, eine Expertengruppe wurde eingesetzt. Ein Jahr nach Lena, die Experten analysierten den Fall noch immer, starb Daniel. Er war den Zeitungen nur noch ein paar Zeilen wert.

Warum musste Daniel sterben?

Nach der Polizeistatistik wurden 2012 fast 4.000 Kinder misshandelt, 500 davon in Berlin. Sie wurden geschlagen, verbrüht, brutal geschüttelt, vernachlässigt. Die Opfer sind meist Säuglinge und Kleinkinder – die Täter sind fast immer die Eltern oder die neuen Lebenspartner. Weil das Verbrechen in den eigenen vier Wänden verübt wird und die Kinder zu klein sind, um sich zu äußern, ist die Dunkelziffer bei Kindesmisshandlung besonders hoch.

Es ist noch dunkel draußen, als Patricia F. an jenem 3. September 2013 zum ersten Mal nach ihrem Kind sieht. Gegen 1.30 Uhr, so wird sie es später vor Gericht aussagen, sei Daniel wach geworden, weil er Bauchweh hatte. Sie habe ihm Wasser gegeben und seine Windel gewechselt, dann sei er wieder eingeschlafen, bis acht Uhr morgens. Die Mutter habe Frühstück gemacht, wenig später sei auch ihr Freund aufgestanden, in dessen Lichtenberger Wohnung sie seit vier Monaten wohnt. "Morgen, Papa", soll der kleine Junge zu Mirko B. gesagt haben. Patricia habe diese Anrede von ihrem Sohn verlangt, wird ihr Vater in der Polizeivernehmung sagen.

Später habe sie den Jungen auf die Couch legen müssen, weil ihm noch immer der Bauch weh tat, sagt Patricia F., er leide öfter an Verstopfung. Sie habe dem Zweijährigen eine DVD angemacht, Happy Feet, ein Trickfilm über einen kleinen steppenden Pinguin. Gegen elf Uhr kommt ein Freund vorbei, Christian R. Keiner der drei hat Arbeit. Patricia F. und Christian R. beschließen, einkaufen zu gehen, später wollen sie kochen. Außerdem wollen sie Pflaumensaft besorgen, gegen Daniels Verstopfung. Der Junge liegt ruhig auf der Couch und sieht den Film an, Mirko B. bleibt bei ihm. Ein ganz gewöhnlicher Vormittag, so schildert Patricia F. die ersten Stunden des 3. September. Nichts deutet in ihrer Erinnerung darauf hin, dass es die letzten für ihren Sohn sein werden.

Jetzt ist Patricia F. Nebenklägerin im Prozess gegen Mirko B. Das Verfahren gegen sie selbst wegen fahrlässiger Tötung ist noch nicht abgeschlossen. Anfang März, einige Tage vor ihrer Zeugenaussage bei Gericht, sitzt sie in der Wohnung ihrer Eltern, wo sie mit ihrem Kind gewohnt hat, bevor sie zu Mirko B. zog. In ihrem Viertel in Moabit reihen sich Sozialwohnungen an neu gebaute Townhouses und moderne Architektenbüros. Es ist ein Viertel, dem man dabei zusehen kann, wie es sich verändert. Familie F. war schon hier, bevor die Townhouses kamen. Der Vater, Uwe F., ist seit Jahren arbeitslos, seine Frau bedient in einer Gaststätte hinter dem Tresen. Am Wohnzimmerfenster führen die Bahngleise in Richtung Hauptbahnhof vorbei. Drinnen an der Wand hängt eine gerahmte Getränkekarte aus der Stammkneipe, in der die Eltern gemeinsam tranken.

Patricia F. trägt einen schwarzen Kapuzenpulli und eine geflickte schwarze Hose. Auf den ersten Blick sieht sie aus wie ein Punk, aber das ist weniger ein politisches als ein modisches Statement. Sie hat sich künstliche Fingernägel aufgeklebt, im Pink-Ton ihres Haares, ist sorgfältig geschminkt.

Manchmal kann sie kaum sprechen, weil ihr die Stimme versagt. Bald wird sie wütend, verflucht ihren früheren Freund, den "Mörder" ihres Jungen. Beklagt sich mit vor Wut zusammengekniffenen Augen beim Vater, der sie nicht unterstützt habe bei der Suche nach einer Wohnung. Der sie förmlich in die Arme von Mirko B. getrieben habe. Der 51-Jährige bleibt stumm, erst als ihm auch seine Frau ein "Du bist schuld" zuzischelt, wehrt er sich. Es wird viel gestritten an diesem Nachmittag, um Geld, Promille und Schuld. Dann wieder weinen alle zusammen und rauchen. Die F.s sind eine Familie, die nicht erst seit Daniels Tod im Ausnahmezustand lebt.

Ihrem verstorbenen Enkel haben die Großeltern einen Altar aufgebaut: An der Wand hängt eine Collage mit Kinderfotos. Darunter stehen seine Spielsachen und eine brennende Kerze. Sie achten darauf, dass die Kerze nicht ausgeht.

Daniels Geburt, sagt Patricia F., habe ihren Eltern neuen Lebenssinn gegeben. Ihr Vater war im Krankenhaus dabei und schnitt die Nabelschnur durch. Vom leiblichen Vater des Jungen hatte sie sich noch in der Schwangerschaft getrennt, er war 17 wie sie. Die Eltern halfen ihr, sich um den Säugling zu kümmern, an seinem ersten Geburtstag kam Daniel in den Kindergarten gegenüber. Doch bald hatte Patricia wieder Streit mit ihren Eltern: Es störte sie, dass ihr Vater sich vom Enkel "Papa" nennen ließ. Und die Eltern tranken wieder. Einmal stritten sie so lautstark, dass die Polizei kam.

Patricia wollte hier nicht bleiben, aber allein mit Daniel zu leben, traute sie sich auch nicht. Deshalb wandte sie sich an das Jugendamt. Ende 2012 zog sie in ein Mutter-Kind-Heim. Dort feierte sie mit Daniel am 13. Januar 2013 seinen zweiten Geburtstag. Ein schicksalhaftes Datum: An diesem Tag kam Patricia F. mit Mirko B. zusammen, den sie über Freunde kennengelernt hatte.

Patricia F. hat Streit mit ihren Eltern, das Jugendamt bringt sie in ein Mutter-Kind-Heim. Dann lernt sie Mirko B. kennen

Am Tattag, dem 3. September, gehen Patricia F. und ihr Bekannter Christian R., ein blasser, dünner Mann, eine halbe Stunde lang einkaufen. Um 12.52 Uhr stehen sie an der Kasse und zahlen, den Bon gibt Patricia F. später der Polizei. Danach entschließt sich Christian, die Einkäufe kurz nach oben zu Mirko B. zu bringen und dann seinen Hund bei sich zu Hause zu holen. Patricia F. geht zum Friseur, um sich die Augenbrauen zupfen zu lassen. Als Christian kurz in die Wohnung kommt, um Mirko B. die Einkäufe zu übergeben, liegt Daniel noch immer auf der Couch und sieht fern. R. geht wieder.

Etwa eine Stunde später, gegen 14 Uhr, kommt Patricia F. selber heim, vor Gericht beschreibt sie, was sich dann abspielte. Mirko B., ein großer, kräftiger Mann mit silbernen Ringen im Ohr und ausrasierten Schläfen, schweigt.

Als Patricia F. an jenem 3. September die Tür öffnet, kommt ihr Mirko schon entgegen. "Schatz, wo ist Daniel?", fragt sie ihn. "Der Kleine will schlafen, lass ihn in Ruhe", antwortet Mirko B. Als Patricia trotzdem zu ihm geht, sieht sie Daniel nackt auf dem Bett liegen, der Junge atmet schnell und schwer. Er hat blaue Flecken an der Stirn, am Bauch und am Penis. Daniel hatte eine Vorhautverengung, Patricia vermutet, Mirko B. habe ihm die Vorhaut gewaltsam zurückgezogen. Sie läuft zu Mirko und fragt, was mit dem Jungen los sei. "Ich weiß es nicht", antwortet der. Er habe ihm Pflaumensaft gegeben, der Junge habe dann gekotzt und "sich ausgeschissen", und er habe ihn geduscht. "Der Kleine hat Schmerzen, der braucht einen Arzt", schreit Patricia. "Du übertreibst, dem geht’s gut. Der soll schlafen", antwortet Mirko B. Dann versucht er, dem Jungen Pflaumensaft zu geben. "Los Daniel, trink", sagt er. Patricia F. schlägt ihm die Tasse aus der Hand. "Siehst du nicht, dass der nicht mehr kann und einen Arzt braucht?", sagt sie und greift nach ihrem Handy. Mirko B. nimmt ihr das Handy ab, das wird er später in der Polizeivernehmung zugeben.

Patricia F. streitet mit Mirko B., bis es klingelt und Christian R. wieder an der Tür steht. Der erinnert sich später, Patricia habe nur "Hilf mir" gesagt. Als er den Kleinen sieht, der sich übergibt und am ganzen Körper zittert, findet auch R., man müsse einen Arzt rufen. Jetzt nimmt Mirko auch dem Freund das Handy ab. Erst als der Junge einen Kreislaufzusammenbruch hat, die Augen verdreht und nicht mehr ansprechbar ist, lässt Mirko B. es zu, dass Sanitäter gerufen werden. In die Wohnung will er sie auf keinen Fall lassen. Um 15.37 Uhr geht der Notruf ein, die Sanitäter klingeln zehn Minuten später unten an der Haustür, Patricia rennt ihnen mit dem Kind entgegen. Daniel wird im Treppenhaus versorgt. Er wimmert und stöhnt.

Als Mirko B. vier Tage nach Daniels Tod zur Vernehmung auf die Polizeidienststelle geladen wird, wirkt er nervös und fahrig. Zunächst bleibt er dabei: Er habe dem Jungen Pflaumensaft gegeben, der habe sich danach immer wieder übergeben und eingekotet, auch er selbst habe etwas von dem Erbrochenen abbekommen. Er habe sich und den Jungen abgeduscht und ihm den Bauch massiert, möglicherweise etwas fester. Dann legt er den Kopf auf den Tisch, schluchzt und zittert. Im nächsten Moment ist er aggressiv und aufbrausend, will nicht mehr reden. Später, in der Vernehmungspause, bittet er einen Beamten um ein Vieraugengespräch. Jetzt gesteht er unter Tränen, er habe Daniel einen Faustschlag in den Bauch gegeben. Der Junge habe nach dem Duschen in der Duschwanne gesessen und ständig "aua, aua" gesagt, er habe nicht aufgehört, zu heulen und zu schreien. Davon sei er überfordert gewesen, er habe den Jungen mit der linken Hand am Rücken festgehalten, damit er nicht wegrutsche, und ihm mit der rechten Faust einmal in den Bauch geschlagen. Mehr als diesen einen Schlag gibt er nicht zu. Bei Prozessbeginn lässt er von seiner Anwältin eine Erklärung verlesen, die seine Aussage im Prinzip wiederholt. Er selbst bleibt stumm. Meist blickt er teilnahmslos ins Leere, als ginge ihn alles, was hier verhandelt wird, nichts an.

Was im Badezimmer wirklich vorfiel, versucht ein Rechtsmediziner zu rekonstruieren. Ein Schlag, meint er, reiche nicht aus, um diese tödlichen Verletzungen zu verursachen, es müssten mehrere gewesen sein. Auch gehe er von einer "gewissen Wucht" der Schläge aus. Wie es zu den Verletzungen im Gesicht gekommen war, konnte der Rechtsmediziner nicht klären, weil er den Jungen erst einige Tage nach der Tat sah und es da schon zu sehr angeschwollen war. Die Verletzung am Penis kommt nicht zur Sprache. So bleibt die Frage, ob es sich um ein aus dem Ruder gelaufenes Sexualdelikt handeln könnte, offen.

Während Mirko B. in seiner Zelle in der Untersuchungshaftanstalt Moabit sitzt, lebt Patricia F. in ihrem eigenen Gefängnis, nur zwei Kilometer entfernt. Seit Mitte Februar wird sie in der Psychiatrie behandelt, weil sie sich das Leben nehmen wollte. Eine Stunde am Tag darf sie die Klinik verlassen. Aber manchmal ist ihr selbst das zu viel. An einem kalten Frühlingstag sitzt sie im ärmellosen Shirt vor dem offenen Fenster und raucht. Sie hat Gänsehaut, aber sie spüre nichts, sagt sie. Dafür höre sie tagsüber manchmal Daniels Stimme. Über Mirko B. sagt sie heute, er sei pervers. "Hier in der Psychiatrie sind wir alle krank. Aber keiner würde einem Kind so was antun." Warum hat sie ihn dann gedeckt? "Manchmal ist die Wahrheit so schlimm, dass man sie nicht als Wahrheit sehen will", sagt Patricia F.. Sie klingt wie ein Mensch, der den Umgang mit Sozialarbeitern und Therapeuten gewöhnt ist, einer, der weiß, was zu sagen ist, wenn er nach seinem Seelenzustand gefragt wird. Sie wirkt in diesen Momenten nicht wie eine 20-Jährige, sondern wie eine Frau, die viel zu viel erlebt hat. Sie sagt, sie habe den Tod ihres Kindes anfangs gar nicht verstanden. Erst Wochen später habe sie wirklich begriffen, was geschehen sei: Ihr eigener Freund hat ihr Kind totgeschlagen.

Kurz nachdem sie mit Mirko B. zusammengekommen ist, zieht sie aus dem Mutter-Kind-Heim, in dem das Jugendamt sie untergebracht hat, wieder aus. Nur einen Monat lang hat sie es dort ausgehalten, die Regeln waren ihr zu streng. Sie will Hilfe, aber nicht Kontrolle. Patricia geht zurück zu ihren Eltern, von denen sie sich doch lösen will.

Das Jugendamt glaubt, Daniel sei in Gefahr, und geht vor Gericht. Der Anwalt der Mutter hält das für maßlos übertrieben

Wenn eine junge Mutter wie Patricia F. eine Maßnahme abbricht und einfache Auflagen nicht einhält, wissen Sozialarbeiter, dass sie sich in einem "Gefährdungsbereich" bewegt, für die Kinderschützer gehört Patricia nun zur Risikogruppe. Ihr werden zwei Familienhelfer zur Seite gestellt, die sie insgesamt 20 Stunden pro Woche betreuen. Sie sollen in den kommenden acht Wochen herausfinden, ob sie ihr Kind alleine aufziehen kann. In der Fachsprache heißt das "Clearing".

Obwohl Patricia Distanz will, ist es oft der Großvater, der Daniel in den Kindergarten bringt und ihn dort abholt. Bald zieht Patricia zu ihrem Freund Mirko, der in Lichtenberg eine eigene Anderthalbzimmerwohnung hat, beide sehen das als Übergang. Vom Jugendamt hat Patricia die Auflage bekommen, den Jungen regelmäßig in die Kita zu bringen. Den Erzieherinnen dort ist aufgefallen, dass Daniel nicht altersgemäß entwickelt ist. Daniel wird jetzt oft zu spät oder gar nicht gebracht. Auch ist Mirkos Wohnung zu klein für drei Personen, in der Kammer, wo Daniel schläft, lagern zeitweise kaputte Fahrräder, die Wohnung ist verstaubt und zugestellt, mit Tendenz zur Verwahrlosung. Patricia will eigentlich zur Schule gehen und ihren Realschulabschluss machen, aber das tut sie nicht. Auch mit den Familienhelferinnen arbeitet sie nicht zusammen. "Wir haben uns nicht verstanden", sagt Patricia F. Anfang Mai 2013 reicht das Jugendamt deshalb beim Familiengericht Pankow-Weißensee eine Gefährdungsmitteilung ein, man sieht das Kind zwar nicht als akut, aber als latent gefährdet an, Patricia soll die Auflage bekommen, mit dem Kind wieder in eine betreute Einrichtung zu ziehen, mit der Option, dass ihr neuer Freund auch dort wohnen kann. In ihm sieht man keine Gefahr.

Patricia erscheint Anfang Juni vor Gericht mit einem Anwalt. Er hält die Sozialarbeiterin des Jugendamtes für befangen, weil sie Familie F. schon länger kennt. Das Jugendamt schieße mit Kanonen auf Spatzen, soll er damals gesagt haben. Auf Nachfrage beruft er sich heute auf seine Schweigepflicht.

Das Familiengericht vertagt die Entscheidung und setzt eine Verfahrenspflegerin ein, eine selbstständige Sozialarbeiterin, die Daniel beobachten soll, um eine Stellungnahme abzugeben, wo er am besten aufgehoben sei. Eine Entscheidung, die zur Folge hat, dass in den kommenden drei Monaten keiner mehr nah dran sein wird an Patricia F. und Daniel: Das Jugendamt wartet auf die Entscheidung des Gerichts, das Gericht wartet auf die Stellungnahme der Verfahrenspflegerin. Die wird Patricia F. und Daniel in der ganzen Zeit aber nur dreimal treffen, davon nur einmal zusammen mit Mirko B. Das sei das übliche Maß, sagt die Verfahrenspflegerin, für mehr werde sie auch nicht bezahlt.

In dieser Zeit entwickelt sich Mirko B. immer mehr zum "Psychopathen", wie es Christian R. vor Gericht beschreibt, der Freund, der an jenem 3. September dabei war. Er kennt Mirko B. seit zwei bis drei Jahren und ist überrascht, als er miterlebt, wie der seine Freundin behandelt. Zuletzt habe Mirko bei der kleinsten Gelegenheit, wenn bloß ein Spüllappen an der falschen Stelle lag, herumgebrüllt und sich drohend vor Patricia aufgebaut. Patricia habe öfter geheult. "Das war nicht mehr normal", sagt R.

Auf Nachfrage des Gerichts spielt Patricia F. die Vorfälle herunter. Anfangs seien sie sehr glücklich gewesen, Mirko habe sich erst in den letzten Monaten verändert. Da schlägt er ihr öfter auf den Hinterkopf, einmal gab er ihr eine Kopfnuss, sodass sie ein blaues Auge hatte. "Frauenschläger" nennt sie ihn. Da antwortet er ihr, dass er sie mal richtig zusammenschlagen wolle, damit sie wisse, was ein Frauenschläger sei. Um ihren Jungen macht sie sich aber keine Sorgen. "Ich dachte, Mirko fasst den Kleinen nie an", sagt sie.

Vom Ende her betrachtet, lief Daniels Leben in den letzten drei Monaten wie auf Schienen auf eine Katastrophe zu. Es hätte Wendepunkte geben können, nur hat niemand eingegriffen.

Patricia F. und Mirko B. streiten in den letzten Monaten sehr oft, einmal so heftig, dass Nachbarn die Polizei in die Lichtenberger Wohnung rufen, in der ein paar Wochen später Daniel totgeprügelt wird. Eigentlich muss die Berliner Polizei derartige Einsätze in Haushalten mit Kindern dem Jugendamt melden. Für das Jugendamt wäre der Vorfall ein Signal gewesen, dass der Junge akut gefährdet ist – aber es kam keine Meldung bei ihnen an.

Patricia F. geht es in dieser Zeit schlecht, sie nimmt ab, Bekannte bemerken, dass sie kaum mehr lacht. Eines Tages ruft sie Daniels Großeltern väterlicherseits an und bittet sie, Daniel für drei Wochen zu sich zu nehmen, sie könne sich gerade nicht selbst um ihn kümmern. Auch davon bekommen weder die Verfahrenspflegerin noch das Jugendamt etwas mit. Die Großeltern nehmen ihn gerne, Daniel fühlt sich wohl bei ihnen. Dem Jugendamt hatten sie auch schon angeboten, Daniel zu sich zu holen, falls das Gericht der Mutter das Sorgerecht entzieht. Doch nach den drei Wochen kehrt Daniel wieder zu seiner Mutter und Mirko zurück.

Ende Juli ist Daniel bei Patricias Eltern zu Besuch, da entdeckt der Großvater auf der Wange des Kindes ein Hämatom. Uwe F. holt einen Nachbarn herbei. Beide sind der Meinung, der blaue Fleck sehe aus wie der Umriss eines Handabdrucks. Der Großvater fragt Daniel, wer das gewesen sei. "Papa", antwortet er – so nennt der Junge Mirko B. mittlerweile. Auch Daniels anderer Großvater sieht die Verletzung im Gesicht des Jungen. Sie beraten, was zu tun ist, Uwe F. will dem Jugendamt Bescheid geben. Er schreibt eine Mail, in der er die Sozialarbeiterin bittet, sich zu melden – ohne jedoch das Hämatom zu erwähnen. Als er keine Antwort bekam, sagt er, habe er noch eine Mail geschickt, mit Fotos der blauen Wange. Doch die kam beim Jugendamt nicht an, Uwe F. kann sie auch in seinem Mail-Ausgang nicht mehr finden. Erst am 13. August, etwa drei Wochen nach dem Schlag, ruft er selbst beim Jugendamt an. Da ist der blaue Fleck längst verschwunden.

Vor Gericht kommt heraus, dass Mirko B. Drogenprobleme hatte. Die Sozialarbeiter wussten davon nichts

Trotzdem erfährt das Jugendamt, dass Uwe F.s Angaben stimmen, die anderen Großeltern haben die Verletzung bestätigt. Das Jugendamt ruft die Verfahrenspflegerin an. Die fragt Patricia F. und Mirko B., ob das Kind geschlagen worden sei, die beiden verneinen erwartungsgemäß. Niemand hakt weiter nach. Der Schlag bleibt ohne Konsequenzen.

Patricia F. will das lieber alleine regeln. Sie sagt, sie habe ihrem Freund gedroht, ihn zu verlassen, wenn er das Kind noch einmal anrühre. Auch die Großeltern väterlicherseits drohen ihm mit einer Anzeige. Mirko B. entschuldigt sich und verspricht, es komme nicht mehr vor. Aber was ist so ein Versprechen wert von einem Menschen, der sich nicht unter Kontrolle hat?

Der Vorfall hatte Ähnlichkeit mit dem späteren Tötungsdelikt: Daniel hatte Durchfall und war mit Kot beschmiert, Mirko B. sagte später bei der Polizei, ihm seien damals die Nerven durchgegangen und er habe deshalb zugeschlagen. Der Kot des Jungen brachte den Mann offenbar aus der Fassung. Mirko B.s Mutter sagt später vor Gericht, dass ihr Sohn sich übertrieben oft geduscht und gebadet habe, den zweieinhalb Jahre alten Daniel wollte er unbedingt dazu erziehen, nicht mehr in die Windel zu machen. Wenn es doch passierte, habe sich der Junge still in eine Ecke verzogen, von Mirko B. ließ er sich die Windeln nicht wechseln. Denn der habe dem Jungen dann "sehr laut und grob" zu verstehen gegeben, dass er gefälligst zur Toilette gehen solle.

Nach der Ohrfeige, sagt Mirko B.s Mutter, habe der Kleine richtig Angst gehabt vor ihrem Sohn. Das Paar war mit Daniel oft zu Besuch, wenn der sich dann unter den Tisch verkroch und dort mit seinen Autos spielte, wusste sie, "da musste wieder was passiert sein". Auch bei ihr in der Wohnung habe das Paar häufiger gestritten, Mirko habe Patricia angeschrien, mit Türen geschlagen, sie habe dann das Kind weggeholt von dem streitenden Paar. "Patricia hat gewusst, dass Mirko schnell aggressiv wird", sagt die Mutter vor Gericht, "sie hätte das Kind nicht alleine lassen dürfen mit ihm." Mirkos Mutter, die 25 Jahre lang Kindergärtnerin war, kam allerdings selbst nicht mit ihrem Sohn zurecht und hatte ihn rausgeschmissen, als er Anfang 20 war. Auf die Idee, für Daniel etwas zu unternehmen, kam sie nicht.

Patricia F. sagt, sie habe in dieser Zeit sehr wohl gemerkt, dass es so nicht weitergehen könne, und habe Mirko B. angekündigt, sich von ihm zu trennen. Getan hat sie es nicht, stattdessen hoffte sie weiter auf eine vom Amt bezahlte Wohnung. Sie glaubte, wenn sie erst mal einen Platz hätte für sich und das Kind, dann würde sich Mirko ändern.

Die Wohnung bekommt sie sogar. Am 30. August 2013 ist Patricia wieder beim Familiengericht, ihr Freund Mirko begleitet sie. Der Richter folgt bei seiner Entscheidung dem Vorschlag der Verfahrenspflegerin: Patricia darf mit Daniel in eine eigene Wohnung ziehen, es bestehe eine enge Mutter-Kind-Bindung, Familienhelfer sollen sie unterstützen. Die Verfahrenspflegerin hat in den drei Treffen einen guten Eindruck von Patricia bekommen – und nicht bemerkt, dass sie mit einem gewalttätigen Mann zusammen ist und dieser Gefahr auch ihr Kind aussetzt.

Vier Tage später schlägt Mirko B. den kleinen Jungen tot.

Seit Jahren wissen Fachleute, dass das Misshandlungsrisiko für ein Kind mit einem neuen Lebenspartner der Mutter massiv ansteigt. Nach den Todesfällen der letzten Jahre forderten sie immer wieder, die Sozialarbeiter müssten sich die Männer der Mütter genauer ansehen, sie müssten in den sogenannten Hilfeplan, den das Jugendamt erstellt, miteinbezogen werden. Das geschieht aber kaum.

Auch im Fall von Mirko B. war den Sozialarbeitern nichts von dem bekannt, was der psychiatrische Sachverständige für die Strafrichter des Kriminalgerichts Moabit herausfand: Mirko B. hatte als Kind ADHS und wurde in einer Spezialklinik mit Ritalin behandelt. Seine Mutter hatte Angst bekommen, als ihr Sohn in der Grundschule ein anderes Kind würgte. Später hatte Mirko immer wieder massive Drogenprobleme. Tagsüber kiffte er, nachts feierte er, und morgens nahm er Speed, um durch den Tag zu kommen. Die Abschlussprüfung seiner Lehre schaffte er nicht, bei keiner Arbeit hielt er durch, nicht einmal beim Praktikum. Zeitweise hatte er keine Wohnung und kam bei der Treberhilfe unter. Dort lernte er eine Frau kennen, mit der er ein Kind bekam. Einen Sohn, den das Jugendamt nach der Geburt in einer Neuköllner Pflegefamilie unterbrachte.

Jetzt, da ein anderes Kind tot ist und Mirko B. von einem Sachverständigen begutachtet wird, kommt das alles heraus. Warum hat niemand etwas bemerkt, als Daniel noch lebte?

Dass eine Gefährdung von Mirko B. ausgehen könnte, hat offenbar niemand in dem ganzen Verfahren auch nur in Erwägung gezogen. Man war so mit der Mutter und der Frage beschäftigt, ob sie ihr Kind allein erziehen kann, dass man den Mann an ihrer Seite gar nicht im Blick hatte.

Monika Goral, Leiterin des Jugendamts Berlin-Mitte, bittet zunächst um Bedenkzeit, bevor sie sich zu einem Gespräch bereiterklärt. Sie hat als Sozialarbeiterin selbst jahrelang Kinderschutzfälle betreut. Seit fünf Jahren steht sie an der Spitze dieser Behörde, in der jedes Jahr 1300 Kinderschutzmeldungen eingehen. Man glaubt dieser Frau, die spätabends noch an ihrem Schreibtisch sitzt, dass ihr jeder dieser Fälle wichtig ist. Die Eltern müssten bestimmte Erwartungen des Amtes erfüllen, damit ihr Kind bei ihnen leben darf, sagt Monika Goral. Patricia habe die Erwartungen nicht erfüllt, deshalb sei das Jugendamt vor Gericht gezogen. In dieser Hinsicht war man konsequent. Allerdings war auch für das Jugendamt die Geschichte des neuen Lebensgefährten nie ein Thema. "Wir müssen uns die Männer genauer ansehen", sagt Monika Goral. Man kann sich vorstellen, dass es keine angenehmen Gespräche sind, die da geführt werden müssen. Aber das gehöre schon zur "Basiskompetenz", sagt Goral.

Die neuen Freunde der Mütter sind oft ein Risiko für die Kinder

Doch um komplizierte Familiendynamiken verstehen zu können, brauchen die Sozialarbeiter Zeit. Zeit, Gespräche zu führen und sich dann mit Kollegen über die Prognosen für die Familie und die besten Maßnahmen auszutauschen. Und da liegt das Problem. Monika Goral formuliert das so: "In Berlin sind die Jugendämter nicht ausreichend in der Lage, das Aufgabengebiet zu sichern." Weil die Stadt jahrelang keine Stellen besetzt hat, hätten sie nun zu wenig Sozialarbeiter im mittleren Alter, dafür viele jenseits der 50 und eine Menge Berufsanfänger. Viele Stellen seien unbesetzt, sagt Goral. Die Fluktuation sei enorm, weil Berufseinsteiger schlecht bezahlt würden und nach zwei bis drei Jahren lieber woanders hingingen, wo sie mehr verdienen. Die Älteren müssen nicht nur die Arbeit für die fehlenden Kollegen machen, sondern gleichzeitig die Neueinsteiger einarbeiten.

Als Daniel im Krankenhaus lag, dem Tode näher als dem Leben, kam die Sozialarbeiterin des Jugendamtes in die Klinik, um der Familie Zuspruch zu geben. Eine besondere Geste, die bei den Großeltern F. allerdings nicht ankam. In ihren Augen hat das Jugendamt sie bei ihren eigenen Kindern pausenlos "gepiesackt", aber ihren Enkel nicht gerettet, als es darauf ankam. Patricia findet, das Jugendamt hätte ihr lieber helfen sollen, schneller eine eigene Wohnung zu bekommen. Immer wieder spricht sie von dieser Wohnung, darum kreisen ihre Gedanken. Vielleicht deshalb, weil sich Patricia F. so der Frage nach der eigenen Schuld nicht stellen muss. "Alles wäre gut geworden", glaubt sie. Die Wohnung hatte sie sich schon besorgt, eine Dreizimmerwohnung in Lichtenberg. Ganz in der Nähe von Mirko B.

Mitarbeit Dominik Fürst