Mit vielem habe ich gerechnet, als ich hierhergeflogen bin, um den deutschen Stand-up-Comedian Henning Wehn ein paar Tage auf seiner Tour durch britische Kleinstädte zu begleiten. Mit viel zu viel Bier, mit Irrsinn und fish and chips, aber damit nicht: dass Henning Wehn vor der Show hinter einem Sofa auf dem Teppich liegt und Yoga macht. Wir befinden uns in einer Theatergarderobe am äußersten Rand von Milton Keynes, eine Autostunde nördlich von London, der Teppich ein gräuliches Lila, die Sofas ein trauriges Pink, der Wasserhahn tropft. Ich bin spät dran, in fünf Minuten soll es losgehen.

Milton Keynes ist eine aus dem Boden gestampfte Satellitenstadt, Baujahr 1961, mit dem weltlängsten Einkaufszentrum und der höchsten Kreisverkehrdichte Englands. Auf der Wiese vor der Stadt ein Mehrzweckauditorium mit 398 Plätzen, The Stables. Heute steht Stand-up-Comedy auf dem Programm, Henning Knows Bestest, komplett ausverkauft. Ein älterer Herr mit Frack und Fliege hat mich an der Warteschlange vorbei direkt in die Katakomben geführt. "Mister Wehn erwartet sie, Sir", hat er geflüstert und mir eine Metalltür aufgehalten, "er bereitet sich noch vor." Jetzt stehe ich in der Künstlergarderobe, ein paar ausgelatschte Trekkingsandalen mitten im Zimmer, und hinter dem Sofa macht Henning Wehn den herabschauenden Hund, Adho Mukha Svanasana.

Verena findet, dass Henning Wehn der komischste Deutsche sei, den sie je gesehen habe, "lustiger als Lukas Podolski oder Adolf Hitler"

Kurzes Hallo. In vier Minuten soll die Show beginnen, aber Henning Wehn hat keine Eile. Wir sprechen kurz darüber, wie wir später nach London zurückkommen, dass sein Fahrer mich mitnehmen könne, er kenne einen guten Türken in Crouch End. Wehn macht den Kranich, Bakasana, ob ich eine Limo wolle? Er scheint nicht im Geringsten nervös, im Liegen notiert er sich noch ein paar Änderungen im Ablaufplan für den heutigen Abend, dann springt er auf und zieht sich die zerbeulte beige Strickjacke an, die seit Jahren seine Bühnenkleidung ist. Er schnappt sich eine Reihe Plastikwürste, ein Hundespielzeug, und stopft sie in die Jackentasche. Der Butler kommt und sagt höflich die Zeit an. "Bis gleich", sagt Wehn und verschwindet in Richtung Bühne.

Der Laden ist rappelvoll, überall Menschen, auf Stühlen, Treppen, auf dem Boden. Gelächter und Bier aus riesigen Gläsern, die Luft sirrt. Der Butler führt mich zu meinem Platz, dritte Reihe, neben einem mittelalten Ehepaar, er Zopf, sie Bubikopf, beide ein Pint Pale Ale in der Faust. Sie sind heute extra für Henning Wehn nach Milton Keynes gefahren, achtzig Kilometer. Zopf erzählt, dass er ihn ursprünglich aus dem Radio kenne, aber seit ein paar Jahren immer wieder zu Auftritten fahre. Beide haben einen Wehn-Button am Kragen und zählen sämtliche Programmtitel auf: No Surrender letztes Jahr, davor My Struggle und davor 1000 Years of German Humour. Verena und Russell heißen die beiden, sie halten mir ihre Gläser entgegen – "Cheers, mate!" – und müssen schon über die Aufzählung der Titel derart lachen, als kennten sie die Programme auswendig. Verena findet, dass Henning Wehn der komischste Deutsche sei, den sie je gesehen habe, "funnier than Lukas Podolski or Adolf Hitler". "Absolutely", sagt Russell, und dass er Henning zuerst für einen sehr seltsamen Briten gehalten habe, der einfach sehr gut einen Deutschen spielen könne.

Lange bevor Henning Wehn Stand-up-Comedian in England wurde, war er Provinzclown in Hagen, einer schrumpfenden ehemaligen Industriestadt am Rand des Ruhrgebiets. Wir kannten uns flüchtig. Er war einen Jahrgang über mir, wir hatten gemeinsame Freunde, er ist 1974 geboren, ich 1975. Henning Wehn war ein seltsamer Vogel, ein Waghals, eine Legende, von deren Aktionen man sich irritiert und bewundernd erzählte. Henning sei Einzelkind, hieß es, und es klang so, als wäre das nicht gut, als würde es irgendetwas erklären. Als kleiner Junge habe er sich heißes Wasser über die Schulter gegossen, hieß es, und dass er deswegen so schief und leicht gebeugt im Leben stehe. Er war kein Sportler, kein Grunge-Musiker, er war nicht hübsch, er hatte Pickel, und in unserer knallharten Teenagerwelt wäre er klassisches Außenseitermaterial gewesen, wenn er nicht unfassbar schlagfertig und dreist gewesen wäre. Und irre komisch.

Anfang der Neunziger lasen wir die Titanic, sahen Monty Python’s Flying Circus und konnten sämtliche Helge-Schneider-Hörspiele auswendig. Manfred Stelzers Superstau, Schmidteinander. Eckhard Henscheids Trilogie des laufenden Schwachsinns. Das Rocktheater N8chtschicht. Unser Humor suchte Halt. Von Andy Kaufman und seinen Humorexperimenten hatten wir noch nie gehört, Jackass lief erst Jahre später im Fernsehen, aber wir lachten uns über den Gefahrensucher Rex Kramer aus Kentucky Fried Movie kaputt. Das war in etwa Henning Wehns Humor: Wir erzählten uns Geschichten, wie Henning am Ende einer Nacht beim Bahnhofsitaliener vier große Pizzen vertilgte, wie Henning im Fröhlichen Hafen sechzig Pils auf einmal bestellte. Wie er hier und da aufs Maul bekommen hatte, weil er scharfkantige Scherze auf Kosten irgendwelcher Handballer, Türsteher, Karnevalsprinzen gemacht hatte. Wie dabei alle Tränen gelacht hatten. Seine Witze waren risikoreich und doppelbödig. Er nahm für unser Lachen Schmerzen und Verlust in Kauf, seine Komik war ein körperliches Wagnis.

"Always start with your wurst joke"

Ich erinnere mich vage an Henning Wehns ersten Bühnenauftritt, es muss 1993 gewesen sein. Das Kulturzentrum Pelmke hatte eine offene Bühne, auf der sich Schauspielschulbewerber, Coverbands und Jongleure ausprobieren durften. Henning hatte angerufen und einen Termin klargemacht. Kabarett solle das werden. Jemand behauptete, dass Henning ein komplettes Programm ausgearbeitet habe, es sei fantastisch. Wir glaubten ihm aufs Wort, und am Samstag waren alle da, zweihundert angetüterte Teenager, dressed to kill, das Kulturzentrum platzte aus allen Nähten. Es ging das Gerücht, dass Henning all das aufgezogen habe, um eine Frau zu beeindrucken, Kathrin oder Saskia oder Nadine. Die Fallhöhe war riesig, es ging um die Liebe. Henning Wehn riskierte alles, wir anderen versteckten uns in der Menge.

Aber als Henning Wehn die Bühne des Kulturzentrums Pelmke betrat, sagte er kein einziges Wort. Zumindest in meiner Erinnerung. Er stand nur da und sah sich um, als wisse er nicht, was er jetzt machen solle. Wie er überhaupt in diese Situation geraten sei. Henning und sein Sidekick hatten gegen die Nervosität viel zu viel Bier getrunken oder zu viel Gras geraucht, das wusste keiner so genau, jeder wollte hinterher etwas anderes gehört haben. Das Publikum kicherte, wartete, raunte. Henning Wehn stand auf der Bühne und schaute sich um. Ich erinnere mich, dass ich zu Boden sah, weil ich unser Schweigen und Hennings Wagemut nicht aushielt.

Nach dem Abitur verloren wir uns aus den Augen, wie man sich eben aus den Augen verliert. Ab und zu erreichten mich diffuse Geschichten, wie man sie sich von alten Helden erzählt: Henning sei jetzt Skilehrer in Crans-Montana, Henning sei Animateur in All-inclusive-Clubs in Spanien, Henning sei an der Grenze zu Tschechien festgesetzt worden, der erste illegale Grenzübertritt in Richtung Osten seit dem Mauerfall. Oder: Henning stehe auf der Missing persons-Liste von Interpol, er sei jetzt Fremdenlegionär in Afrika. Irgendwann wurden die Legenden wieder greifbarer: Henning sei Pressechef der Wycombe Wanderers, eines englischen Drittliga-Fußballclubs. Und dann irgendwann: Henning Wehn sei Stand-up-Comedian in London. Und zwar gar kein schlechter.

Das Publikum bleibt sitzen und kichert, und wenn 397 beschwipste Briten kichern, ist es ganz sicher ein guter Abend

Henning Wehn hat etwas Vogelscheuchenhaftes, als er den Zuschauerraum betritt, eine leicht schief in der Welt hängende Gestalt in Strickjacke. Es läuft die deutsche Nationalhymne. Wehn sagt sich aus dem Off selbst an, den "sufficiently funny German Comedy Ambassador", einen halbwegs witzigen Deutschen, der dann zu Marschmusik in den Saal stolpern muss. Er entschuldigt sich bei den Deutschen im Publikum für seine britische Unpünktlichkeit. Natürlich. Er hängt den Strang Plastikwürste an den Mikrofonständer, "always start with your wurst joke".

Wehn wirkt sekundenlang verwirrt, als frage er sich grundsätzlich, wie er überhaupt hierhergeraten sei: auf diese Bühne, in dieses Theater am Rand einer englischen Trabantenstadt, überhaupt in dieses Land. Mit solchem Material. Wir fragen uns das auch. Er ist eine Witzfigur aus Deutschland, denken wir und schämen uns fast dabei. Lächerlich! Henning Wehn steht auf der Bühne wie ein Storch im Salat, er erträgt für einige Sekunden seinen eigenen schlimmen Witz, er riskiert die Lächerlichkeit, Traurigkeit, Einsamkeit. Ich sehe wieder kurz zu Boden. Aber das Publikum steht nicht auf und geht wie damals im Pelmke, das Publikum bleibt sitzen und kichert, und wenn 397 beschwipste Briten kichern, liegt ein guter Abend in der Luft. Wehn reizt das Schweigen einige Takte lang aus, lässt das Kichern lauter werden, dann rührt er sich und grinst. "Get ready for two hours of jokes of that quality", sagt er. Und dann legt er los.

Henning Wehn weiß genau, was er tut. Nach ein paar Minuten wird mir klar, was die Zuschauer längst wissen: Er beherrscht sein Handwerk. Henning steht auf der Bühne wie ein Dilettant, aber er hat den Saal von Anfang an im Griff. Zwei Stunden lang spielt er den deutschen Narren, aber die Witze sitzen, böse Witze, britische Witze. Der Rhythmus stimmt, die ungelenken Bewegungen, sein Zaudern und sein Zögern. Der dicke deutsche Akzent versteckt die völlig sichere englische Lexik, die qualvollen Sekunden bis zu den Pointen haben die richtige Länge. Das Publikum johlt vor Schmerzen. Die Leute jubeln über den Hofnarren ohne Anstand, ohne guten Ton, jenseits jeder Diplomatie. Ich verstehe gerade mal die Hälfte, aber mein Lachen ist echt: Ich finde Henning Wehn tatsächlich komisch. Sehr komisch.

Nach der Show stehen die Zuschauer Schlange. Auch damit habe ich nicht gerechnet: Henning Wehn hat einen Fahrer. George Ferdinand Montagu III ist sein Name, kein Witz, er hat rote Haare, Rugbyspieler, Roadmanager und Fanartikel-Verticker in Personalunion. George hat in Newcastle Komposition studiert, aber jetzt baut er im Theaterfoyer den Fanshop auf, einen Klapptisch mit Deutschlandflagge als Tischdecke, darauf Sticker, Buttons und DVDs von Hennings Programmen. Viel Schwarz-Rot-Gold, alles trashig und kalkuliertes Klischee. George hat vor der Show Teilnahmekarten für ein Preisausschreiben verteilt, jetzt lassen die Zuschauer Tickets und Turnschuhe signieren. Handyfotos, Gratiswitzchen, die Teilnahmekarten bitte in die bereitgestellten Eimer. "Bei guten Auftritten bringen 75 Prozent der Zuschauer ihre Karte zurück", erklärt George. "Heute Abend 312 neue E-Mail-Adressen. Basisarbeit", sagt George. "Kundenbindung", sagt Henning. Er hat Betriebswirtschaftslehre studiert und tatsächlich ein paar Jahre Marketing für einen Fußballclub gemacht, ehe er Comedian wurde. Jetzt verschickt er monatlich einen Newsletter, jeder einzelne ist ein Comedy-Set, mittlerweile hat er 30.000 Leser. "Kundenzufriedenheit", sagt Henning, und George faltet die Deutschlandflagge zusammen.

"Heute war ich körperlich und stimmlich noch nicht da", sagt Henning später in seinem Kebab-Restaurant. "Maximal 80 Prozent." Er kennt die Speisekarte auswendig, er wohnt seit Jahren im Viertel. Heute war der erste Gig der Tour, jetzt folgen 40 Auftritte in 50 Tagen.

Henning freut sich, mal wieder Deutsch reden zu können, aber manchmal kippt er in ein fast akzentfreies britisches Englisch. Seit fast zehn Jahren ist er Comedian in London, mit Fünf-Minuten-Sets hat er begonnen, Henning Knows Bestest ist sein dritter großer Soloabend. Die Witze sind geschrieben, der Unterschied zwischen miserabel und brillant zeigt sich allein in der Ausführung. Henning Wehn mag auf der Bühne stottern und stammeln, er trägt die Strickjacke des Klischees, ein Spektrum von Gerd Dudenhöffer (gut) bis Fips Asmussen (nicht so gut), aber darunter ist er knallharter britischer Humorprofi. "Hey, nichts gegen Fips Asmussen", grinst er. "Aber Dudenhöffers Heinz Becker ist fantastisch." Sonst habe er nur wenige deutsche Orientierungspunkte, eher Briten wie Stewart Lee oder Bill Bailey. Ich bestelle ein Bier, auf die alten Zeiten, aber Henning Wehn bleibt bei Tee. "Bei diesem Leben musst du aufpassen", sagt er und hebt sein Glas. "Wenn du in dem Geschäft trinkst, machst du es nicht lange."

Henning Wehn ist ein Bühnenmensch. Den Auftritt im Hagener Kulturzentrum will er nicht als Ursprung gelten lassen. "No connection", sagt er, und auch an Saskia oder Nadine kann er sich beim besten Willen nicht mehr erinnern. "Klingt gut", sagt er, "wäre vielleicht eine gute Geschichte." Seinen eigentlichen Einstieg in den Stand-up-Zirkus beschreibt er so: "Ich bin 2003 in einen Laden in Greenwich gegangen, The Spaniards, und habe Stand-up-Comedy gesehen und gedacht: Das kann ich sogar in meiner Zweitsprache besser." Also habe er sich angemeldet und ein erstes kleines Set geschrieben, in mittelmäßigem Abiturenglisch. Der Kultur- und Sprachraumwechsel hat ihn praktisch zur Erfindung seiner Bühnenfigur genötigt, die am Anfang gar keine richtige Bühnenfigur war. Ein Deutscher mit Akzent, beiger Strickjacke und einer Stoppuhr um den Hals, der deutschen Pünktlichkeit halber. Wenn man mit Wehn spricht, sagt er manchmal Sätze wie "Ich bin ein zufriedener und unbekümmerter Charakter" oder "Mir ist es immer leichtgefallen, vor Leuten originell zu sein" oder "Es ist einfacher, zu mehreren Personen zu sprechen als zu einer".

Ein Zuschauer verlässt nach einem Witz über die Queen entrüstet den Saal

Die Leute brüllten ihn anfangs von der Bühne, er habe ihre Pöbeleien nicht einmal verstanden, so unbedarft sei sein Englisch gewesen. Aber dann wurde er schnell immer wieder gebucht, zunächst als Freak, dann als Comedian. Die Strickjacke zieht er jetzt oft gar nicht mehr an. Nach all den Jahren auf kleinen und kleinsten Bühnen spielt er nur noch vor ausverkauften Häusern, ständig ist er im Radio und Fernsehen. Mit der deutschen Comedy-Szene hat er nichts zu tun, aber bisweilen kommen die Hirschhausens und Mittermeiers zu ihm, um zu gucken, wie man Stand-up richtig macht.

Aus dem deutschen Possenreißer ist ein brillanter Meta-Comedian geworden, der einen nicht besonders guten deutschen Possenreißer spielt

Am nächsten Nachmittag Folkestone: ein Küstenstädtchen kurz vor Dover. Heute spielt Henning im Folkestone Quarterhouse, natürlich ausverkauft. Ich sehe beim Soundcheck zu, feinste Detailarbeit. Henning dirigiert die Tontechniker und Beleuchter durch verschiedene Lichtstimmungen und Bühnenpositionen, George Ferdinand Montagu III sortiert die Bühnenutensilien. Alles muss stimmen, denn Licht und Klang und Vorbereitung entscheiden darüber, wie sehr man das Publikum kontrollieren kann. "Perfection and momentum", sagt Henning nach zwei Stunden Hin und Her.

Der Auftritt in Folkestone ist dann tatsächlich viel besser als der in Milton Keynes, obwohl der Wortlaut fast gleich ist, nur manchmal variiert Henning, es gibt drei, vier Stellen für Improvisation. Als ein Zuschauer nach einem Witz über die Queen entrüstet den Saal verlässt, improvisiert Henning über das Thema "entrüstete Zuschauer". Das Publikum klatscht zur Marschmusik, aber ansonsten ist die Show durchweg britisch. Henning macht Witze über britische Hotels und über britische Politik, die schottische Unabhängigkeit und Londoner Mietpreise, über die Monarchie. Er macht Witze über den deutschen Comedian in London. Aus dem deutschen Possenreißer ist ein brillanter Meta-Comedian geworden, der einen nicht besonders guten deutschen Possenreißer spielt.

Am nächsten Morgen Full English Breakfast in der Dämmerung, Bohnen, Speck, Orangenmarmelade, und später fährt George Ferdinand Montagu III uns durch die britischen Seebäder in Richtung Brighton. Die alten Hotels liegen am Wasser wie senile Drachen. Am späten Vormittag erreichen wir Dungeness, ein unwirkliches Niemandsland am Ärmelkanal: ruinöse Fischerhütten, Disteln, Schiffswracks und die rostigen Schienen einer längst eingestellten Bahnverbindung. Im Hintergrund zwei Atomkraftwerke. Wir haben ein paar Stunden Zeit bis zum Soundcheck, also spazieren wir den Strand entlang. George Ferdinand Montagu III feuert mit Kieseln auf die fetten Möwen. Das Wasser ist warm genug, um darin zu waten. Erst laufen wir schweigend den Strand entlang, dann sprechen wir noch einmal über Henning Wehns Vorbilder und das Wesen seines Humors. "Ich bin kein avantgardistischer Komiker", sagt er, knietief im Ärmelkanal, "ich mache nichts grundsätzlich Neues." Er setzt sich auf eine rostige Öltonne und zieht sich Socken und Sandalen wieder an, es wird Zeit. "Aber ich verstehe den englischen Hang zur Selbstzerfleischung, den self-depreciating humour. Wenn man hier scheitert, ist das nicht schlimm – solange man witzig davon erzählen kann." – "Das erinnert mich ans Ruhrgebiet", sage ich. – "Mein Humor kommt aus Hagen", sagt er.

In Brighton macht George den Soundcheck, ansonsten ist alles wie gestern, nur noch besser. Ich lache lauter. Henning Wehns Zugabe ist dann ein einziger großer Scherz über das Wesen der Zugabe, ein Witz über das Witzemachen. Er spricht über den kreativen Knast, den sein Deutschsein darstelle, Deutsch hier, Deutsch da. Und ganz am Ende des zweistündigen Abends erzählt er die Geschichte, wie er nach einem Auftritt einmal mit dem Nachtbus nach Hause gefahren sei. Er habe einen Leistenbruch gehabt, der nicht geschmerzt, aber immer wieder völlig unvermittelt heftigsten Harndrang ausgelöst habe. "Dear, oh dear", sagt Henning Wehn, "I have to have a slash right now." Er habe den Busfahrer an einer Ampel gebeten, die Tür zu öffnen, und als der sich geweigert habe, habe er angekündigt, dann leider in den Bus pinkeln zu müssen. Plötzlich habe der Fahrer die Tür doch öffnen können, erzählt Henning, aber da sei es schon zu spät gewesen: eine ordentliche Menge Flüssigkeit sei sein Hosenbein hinabgelaufen, "down me trouser leg". Er habe also mitten in der Nacht in einem Gebüsch gewartet, dass seine Hosen trocknen würden. Dann und dort habe er entschieden, sämtliche Shows bis zur Operation abzusagen. Nach ein, zwei Stunden seien die Hosen trocken gewesen, er habe nur noch einen schnellen Kebab essen wollen und dann ab nach Hause. Henning Wehn schweift ab, aber das Publikum folgt ihm bereitwillig. Er erzählt, wie er völlig gedankenversunken in den Kebab-Laden marschiert sei, Gedanken an Operation, Frau, Familienplanung, wie er dann die Stufe am Eingang übersehen habe und Kopf voran in den Kebab-Laden gestürzt sei. Henning Wehn stockt kurz, das britische Publikum lacht immer noch, oder schon wieder. Vielleicht über Henning Wehns temporäre Inkontinenz und die peinliche Situation, vielleicht in Erwartung einer heranrollenden Pointe. Sie lachen, weil sie wissen, dass Henning Wehn überallhin abschweifen kann und sie trotzdem wieder zurückführen wird. "Und dann lag ich da", sagt er und grinst sein böses, freies Grinsen, "drei Uhr morgens, auf allen vieren, in vollgepissten Hosen auf dem Boden einer Dönerbude, und dachte: Meine Fresse, wie britisch bin ich eigentlich?" England lacht, der deutsche Narr verneigt sich.