Was hat die größte Niederlage seines politischen Lebens mit Matthias Machnig gemacht? Man kann ihn das fragen, man muss ihn nur finden. Denn er versteckt sich in Berlin hinter einer grauen, dunstigen Wolke.

Ein Besuch bei ihm: Machnig, 53, raucht noch immer zu viel, blaue Gauloises, im Minutentakt. Vier Monate nach seinem Rücktritt vom Amt des Thüringer Wirtschaftsministers sitzt er im fünften Stock des Willy-Brandt-Hauses, der Parteizentrale der SPD. Er hat eine Weile überlegt, ob er dieses Gespräch führen soll, ob er die ZEIT empfangen möchte. Zu reden über das, was war, zwingt ihn zu einer Reise in die finsteren Monate seines Scheiterns, in jene Wochen Ende 2013, von denen er jetzt, im Rückblick, sagt: "Zum ersten Mal in meinem Leben als Politiker habe ich mich relativ hilflos gefühlt. Ich hatte das zuvor noch nicht erlebt. Ich wünsche das keinem."

"Hilflos gefühlt" – für Machnig ist das ein ungewöhnliches Eingeständnis der Schwäche. Nein, Matthias Machnig ist nicht geläutert. Er ist nicht leiser geworden, seit er im November 2013 Erfurt fluchtartig verlassen hat, er ist nicht weniger schroff als einst, er tritt nicht weniger schneidend auf. Eigentlich ist von all dem, wofür man ihn kennt, sogar noch ein bisschen mehr zu finden als früher: noch ein bisschen mehr Röhren in der Stimme. Noch ein bisschen mehr Verachtung für viele andere Politiker, vor allem die in Thüringen, die er immer eher als Zwerge sah. Machnig trägt so eine Art Cowboystiefel. Sein Haar ist noch ein bisschen heftiger nach hinten gegelt als früher. Er trommelt mit den Fingern auf den Tisch. Jedes Wort schießt aus seinem Mund, als presste er es mit Gewalt aus dem Körper. Alles an ihm sagt: Ich bin politisch potent geblieben! So geht ein Matthias Machnig mit Niederlagen um.

Dass Politiker aus der Provinz in Berlin scheitern, mag nichts Besonderes sein – man denke nur an Kurt Beck oder Christian Wulff aus Mainz und Hannover. Matthias Machnig aber, das ist auch der seltene Fall eines Politikers aus der Berliner Republik, der an der Provinz gescheitert ist, an Thüringen. Machnig kam als Riese ins Land der Däumlinge, am Ende lag er wie geknebelt am Boden. In Thüringen stand er erstmals in der ersten Reihe, es war dies der Höhepunkt seiner bisherigen Karriere – aber dann stolperte er über eine absurde Versorgungsaffäre und auch über sein Ego. Er hat nun einen Job in der zweiten Reihe angetreten, führt die "Europa Kampa 2014". Organisiert also den Wahlkampf der SPD und des Spitzenkandidaten der europäischen Sozialisten, Martin Schulz. Bis Ende Mai führt Machnig ein Team von knapp achtzig Leuten, verwaltet ein Budget von annähernd zehn Millionen Euro. "Wir sind eine kleine, schlagkräftige Truppe", sagt er, "ganz anders als ein Ministerium." Er hat sich schon Slogans für Schulz überlegt, sie klingen sehr Machnig-like, also großspurig: "Europa anders machen" lautet einer, "Europa neu denken" ein zweiter, "Europa eine neue Richtung geben" ein dritter. Europa neu denken, das ist Machnigs Flughöhe. Man kann sagen, dass nun auch "Machnig neu denken" zu seinen Aufgaben gehört. Im Laufe des Gesprächs, in seinem Büro im Willy-Brandt-Haus, wird er nicht nur über Brüssel sprechen. Sondern auch bitter über Erfurt klagen. Und sich selbst unerhört deutlich hinterfragen.

Machnig weiß: Es ist nicht unbedingt ein Fortschritt, hier zu sein – kein Minister mehr, sondern Wahlkämpfer. Einem anderen zu dienen, Martin Schulz; dessen Erfolg zu planen. "Dass ich hier nicht in der ersten Reihe bin", sagt Machnig, "gebe ich gern zu. Aber zumindest eines kann ich sagen. Ich habe die Lust auf Politik nicht verloren. Ich habe auch die Lust am politischen Wettstreit nicht verloren. Ich mache Glück nicht an einem Amt fest." Seine schönste Zeit sei 1998 gewesen, sagt Machnig, "da war ich formal nur Büroleiter von SPD-Bundesgeschäftsführer Franz Müntefering, aber ich leitete den Bundestagswahlkampf."

Schnell wurde Machnig zu einem der beliebtesten Politiker im Freistaat

Man muss wissen, dass Machnig jetzt also zu seinen Wurzeln zurückgekehrt ist. 1998, da plante er jene legendäre Kampagne "Kampa", die Gerhard Schröder ins Kanzleramt beförderte. Machnig brachte dies den Ruf eines "Maschinisten der Macht" ein. Später wurde er Staatssekretär im Bund. Erst mit 49 Jahren, im November 2009, schaffte Machnig es ganz nach vorn. Als er Wirtschaftsminister in Erfurt wurde.