Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) © Stefanie Loos/Reuters

Was habe ich Angela Merkel nicht alles vorgeworfen. Sie "ruiniere" Spanien, sie "dränge" Griechenland aus der Euro-Zone, sie setze die Zukunft Europas aufs Spiel. Dies sei womöglich der Sommer, in dem die Währungsunion zerbricht, schrieb ich im Juli 2012 in der ZEIT. Wegen der Kanzlerin natürlich und ihrer Sparpolitik.

Die Währungsunion gibt es noch. Kein Land hat sie verlassen. Die Wirtschaft wächst wieder. Die Arbeitslosigkeit geht allmählich zurück. Und jetzt kann sich Griechenland sogar wieder am Kapitalmarkt Geld zur Finanzierung des Staatsbetriebs leihen, um nicht mehr allein auf Hilfszahlungen aus Europa angewiesen zu sein.

Griechenland! Das Symbol für alles, was in dieser Krise angeblich falsch gelaufen ist. Das Land, in das vor ziemlich genau vier Jahren die ersten Hilfsmilliarden flossen. Das vor allen anderen die harten Sparauflagen aus Berlin und Brüssel zu spüren bekam. Wenn die Kanzlerin diese Woche nach Athen reist, dann besucht sie ein Land, das sich nicht auf den Euro-Austritt vorbereitet, sondern wieder als vollwertiges Mitglied der Währungsgemeinschaft anerkannt werden will.

Und nun?

Ich war nicht der einzige Kritiker der deutschen Rettungspolitik. Ich habe in meinen Artikeln einer Haltung Ausdruck verliehen, die gerade in linken Kreisen viele Anhänger hat, die sich mit der Richtung nicht abfinden wollten, die Europa im Verlauf dieser Krise eingeschlagen hat.

Es ist das Privileg eines Journalisten, sich vergleichsweise ungeschützt äußern zu können. Wenn ein Börsenhändler einen Fehler macht, riskiert er viel Geld. Wenn ein Politiker einen Fehler macht, riskiert er eine Wahlniederlage. Wenn ein Journalist einen Fehler macht, passiert in der Regel erst einmal nichts. Das ist auch gut so, denn sonst würden aus Angst vor den Konsequenzen wahrscheinlich alle nur noch dasselbe schreiben. Trotzdem gibt es so etwas wie Verantwortung für die eigene Arbeit.

Muss ich mich also bei Angela Merkel entschuldigen? Stellvertretend für die vielen Sparskeptiker, die offenkundig alle falsch lagen?

Die Frage hat eine hochaktuelle politische Dimension. In dieser Woche wurde bekannt, dass Frankreich mehr Schulden machen will, als es die europäischen Vorschriften erlauben, um sein Reformprogramm zu finanzieren. Soll die Kanzlerin dem Wunsch entsprechen, wie viele linke Ökonomen fordern? Oder soll sie hart bleiben, wie es das konservative Lager will?

Fest steht: Ich lag mit meinem Urteil über Angela Merkels Sparkurs nicht immer richtig. Aber was heißt das eigentlich: Sparkurs?

Er war’s

Es gibt in dieser Krise, in der so viele rote Linien kassiert wurden, eine Grenze, die die Bundesregierung nie überschritten hat: Die deutschen Steuerzahler stehen nicht unbegrenzt für andere Länder ein. Angela Merkel hat immer gerade so viel Geld freigegeben, wie nötig war, um den Zusammenbruch der Währungsunion zu verhindern. Weil sie fürchtete, dass die Krisenstaaten ansonsten das Reformieren aufgeben würden. Und weil sie glaubte, mehr der deutschen Öffentlichkeit nicht zumuten zu können.

Es war aber nicht genug, um die verunsicherten Investoren wieder nach Europa zu locken, die ihr Kapital abzogen und so eine verheerende Abwärtsdynamik in Gang setzten. Sie kamen erst zurück, als Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), im Juli 2012 die eingeschränkte in eine uneingeschränkte Solidarität umwandelte.