Am vergangenen Freitag sitzt der deutsche Richter Jörg L. in einem Mailänder Gericht in einem Sicherheitskäfig. Der 48-Jährige ist unrasiert, steht auf, setzt sich hin, steht wieder auf, bespricht sich mit seinem italienischen Verteidiger, fragt auf Englisch nach. Wenige Tage zuvor hatten ihn Zielfahnder der italienischen Polizei mitten in der Nacht im Zimmer 68 des Viersternehotels Lloyd in der Mailänder Innenstadt aus dem Bett geholt. Die Ermittler stellten Briefe und Tagebücher sicher – sowie 30.000 Euro in bar und eine geladene Pistole, Kaliber 7.65. Ein bewaffneter Richter?

Die Mailänder Staatsanwälte werfen L. illegalen Waffenbesitz vor. Doch das ist nicht sein größtes Problem. In Deutschland wird dem Juristen, der seit drei Jahren als Referatsleiter im niedersächsischen Landesjustizprüfungsamt arbeitet, vorgeworfen, Rechtsreferendaren gegen Geld vorab die Aufgaben für das zweite juristische Staatsexamen ausgehändigt zu haben.

Die Staatsanwaltschaft Verden ermittelt gegen Jörg L. wegen des Verdachts auf Bestechlichkeit, ein Haftbefehl erging am 28. März – dem Tag, an dem L. per Nachtexpress in Mailand ankam. "Er hatte keine Absicht zu fliehen", erklärt L.s italienischer Verteidiger Stefano Ferrari gegenüber der ZEIT, "er war einfach nur auf Reisen hier. Er sagt, er ist unschuldig. Diese Geschichte ist weit weniger dramatisch, als sie dargestellt wird."

Die vermeintlich undramatische Geschichte beginnt im April 2013. Damals fallen die Klausuren eines Prüflings, der das Examen beim ersten Versuch nicht bestanden hatte und es nun wiederholen musste, einem Mitarbeiter des Prüfungsamtes als "ungewöhnlich gut" auf. "Er hatte zu deutliche Notensprünge gemacht, zum Teil zweistellige Ergebnisse erzielt, was bei ihm nicht anzunehmen war", sagt der niedersächsische Justizstaatssekretär Wolfgang Scheibel . Die Prüfung enthielt in Teilen Ähnlichkeiten mit der Lösungsskizze. Schon damals wird die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Die Ermittler gehen aber noch davon aus, dass Hacker in das Computersystem der Behörde eingedrungen sind. Deshalb werden Passwörter geändert und Verschlüsselungen verbessert. Noch deutet nichts auf Jörg L. als möglichen Urheber des Betrugs hin.

Bis sich Mitte Januar 2014 eine Examenskandidatin an das Ministerium wendet. Sie sei von einem Repetitor aus Hamburg angesprochen worden. Repetitoren sind professionelle Nachhilfelehrer für Juristen. Die Referendarin sagt, der Repetitor habe angeboten, ihr die aktuellen Prüfungsfragen zu verkaufen.

Schnell ist eine Verbindung zwischen dem beschuldigten Repetitor und Jörg L. erkennbar – beide hatten gemeinsam bei demselben Repetitoriums-Anbieter in Hamburg gearbeitet, wie die ZEIT aus Justizkreisen erfahren hat. Es finden sich zwei weitere Referendare, denen angeblich von L. selbst Klausuren angeboten wurden.

Auf einmal ist Richter Jörg L. ein Tatverdächtiger.

L. habe immer schon Richter werden wollen, erinnert sich ein alter Bekannter. Erstens, "weil man da nicht rechnen muss". Zweitens, weil L. einst einen Richter kennengelernt hatte, der ihm vom sorgenfreien Leben in diesem Beruf vorschwärmte. Solides Einkommen, wenig Arbeit, Unangreifbarkeit. "Da macht ihr euch nicht kaputt", soll L. einmal vor Studenten gesagt haben, "und außerdem könnt ihr nebenher viel Geld verdienen." Vor seiner Tätigkeit im Justizprüfungsamt war L. zehn Jahre lang Richter am Amtsgericht Dannenberg.

Nebenbei arbeitete L. acht Jahre als Repetitor. Seitdem er nicht mehr Amtsrichter war, sondern im Ministerium für die Prüfungen zuständig, durfte er zwar nicht mehr als privater Repetitor tätig sein, konnte jedoch weiterhin sogenannte Ergänzungsvorbereitungskurse geben. In diesen Kursen können sich Wiederholer des zweiten Staatsexamens gezielt bei vom Prüfungsamt eingesetzten Korrektoren auf ihre letzte Chance vorbereiten. Gemeinsam mit seinem mutmaßlichen Verbündeten aus Hamburg, gegen den ebenfalls ermittelt wird, soll L. die Examenskandidaten aus Hamburg und Niedersachsen mit Klausuren ausgestattet haben.