Das Gesicht der jungen Frau ist kaum zu erkennen. Es wird vom fein gemalten, durchsichtigen Weinglas verdeckt, das sie, wie es die Sitten der damaligen Zeit verlangten, am Boden des Stiels hält. Peter Wawerzinek ist hingerissen. Es ist ein Nachmittag unter der Woche, und wir sind so gut wie alleine in der Berliner Gemäldegalerie. Herr und Dame beim Wein ist das erste Bild aus dem Spätwerk Jan Vermeers, das Bild also, auf dem jenes traurige Leuchten, für das der niederländische Barockmaler berühmt wurde, erstmals zur Vollendung kam. "Der Blick des Mannes hat etwas Wissendes", sagt Wawerzinek über die Szene, "etwas Mitleidiges: Wieder eine, die es nicht übersieht." Es ist nicht unbedingt offensichtlich, dass es in diesem Bild um Abhängigkeit geht. Doch im Buntglasfenster auf dem linken Bildrand hat Vermeer eine deutliche Botschaft hinterlassen. Das Wappen der Temperamentia ist dort zu erkennen, eine Mahnung zur Mäßigung.

Man merkt Wawerzinek an, dass er früher viel getrunken hat, und auch, dass er heute immer noch trinkt. Die geplatzten Äderchen im Gesicht des 59-Jährigen sind nicht zu übersehen. Überhaupt redet er mit großer Offenheit über seine Abhängigkeit. Sein neuer Roman Schluckspecht ist zu großen Teilen seine eigene Trinkerbiografie. Wenn der furiose Roman eine Botschaft hat, dann die, dass einige von uns das Trinken eben nicht mäßigen, nicht kontrollieren können, auch wenn sie vom Gegenteil überzeugt sind. "Werd mir nur kein Schluckspecht", warnt Tante Luci, die heimliche Heldin des Buches, ihren Pflegesohn, während sie ihn mit alkoholgetränkten Weihnachtspuddings, selbst gemachten Eierlikören und Rumtöpfen zugleich halb wissentlich zum Trinken verführt. Und natürlich wird er einer. Als Teenager kommt Wawerzineks Alter Ego das Saufen wie ein Versprechen auf das Erwachsensein vor, später hilft es ihm dabei, eine Art Waffenstillstand mit dem Leben in der DDR zu schließen. Zum Schluss ist es jene Tante Luci, die ihn in die Entzugsklinik bringt – und dann gleich selbst mit dableibt und nüchtern wird.

Auch Simon Borowiak weiß, was es bedeutet, unfähig zur Mäßigung zu sein. Einen Tag nach dem Gemäldegalerie-Besuch mit Wawerzinek gehen wir in einer Schrebergartenanlage im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel spazieren. Borowiak hat hier eine kleine Parzelle. Die Forsythien blühen schon, die Sonne kam früh dieses Jahr. Der Autor von Sucht, dem zweiten großen Abhängigkeitsroman dieses Frühlings, trinkt nicht mehr. Das 2006 von ihm verfasste Alk – Fast schon ein medizinisches Sachbuch ist eines der populärsten Alkoholismus-Bücher in Deutschland. Auch Borowiak ist ans Straucheln, Hinfallen und Weitermachen gewöhnt. Jahrelang brachte er sich unter psychischen Höllenqualen als Simone Borowiak durchs Leben, Autorin hochkomischer Titanic-Kolumnen und des mit Martina Gedeck verfilmten Bestsellers Frau Rettich, die Czerni und ich. Zu Beginn der nuller Jahre, nach mehreren Psychiatrieaufenthalten, unterzog er sich einer langwierigen Geschlechtsangleichung. Danach ging es ihm besser, das Abhängigkeitsproblem aber blieb.

Unser Spaziergang führt uns ins nahe gelegene UKE, das Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf. Wir besuchen die Entgiftungsabteilung, das Vorbild für die Station, auf der Sucht spielt. Als wir das Gebäude betreten, wird Borowiak von einer Krankenschwester gegrüßt. Er war schon oft hier. "Ich habe aufgehört, zu zählen, wie viele Rückfälle ich hatte", sagt er, "so um die 20 müssen es gewesen sein." Das letzte Mal landete er vergangenes Jahr im UKE, nachdem er den neuen Roman beendet hatte. Der dreht sich, wie schon seine drei Vorgänger, um das Leben der Freunde Cromwell, Schlomo und Mendelssohn. In Sucht versuchen die drei, eine Privatdetektei zu gründen. Aber erst einmal muss Cromwell, der sich von sieben verschiedenen Hausärzten Beruhigungstabletten verschreiben lässt, in die Entgiftung. Schlomo, Borowiaks Alter Ego, kommt im Laufe des Romans dazu. Sucht ist vor allem eine Gesellschaftskomödie. Seine Kraft zieht das Buch aus der soziologisch hintergründigen Ausleuchtung des Biotops der Entzugsklinik. Eines Biotops voller Schrecken, Verzweiflung und verkorkster Leben und eines, in dem trotzdem mehr gelacht wird als anderswo. Vor allem über sich selbst.