Es gibt viele Filme, in denen sind die Verlierer die wahren Helden. Wäre diese Geschichte ein Film, wäre die Heldin eine Verliererin. Die letzte Kameraeinstellung würde zeigen, wie sie in ihrem armseligen Häuschen auf einem der vielen Hügel der ruandischen Hauptstadt Kigali auf einer klapprigen Küchenbank sitzt. Sie trägt noch immer Nonnentracht, weniger aus Trotz, mehr aus Gewohnheit, auch aus Armut, vor allem aber als Beweis ihrer Zugehörigkeit zu einem Orden, zu dem sie nicht mehr gehört. Ende.

Davor müsste der Film von einem so schönen wie tragischen Land in Ostafrika erzählen, von Hass, Niedertracht und 800.000 Toten. Aber auch von Mut und Nächstenliebe. Im Mittelpunkt dieser wahren Geschichte steht eine verdiente Nonne, die 100 Kinder rettete und ihrer Kirche den Gehorsam verweigerte. Dann ist da noch ein katholischer Bischof, der sie mit aller Härte maßregelte, und ein Orden aus Münster, der sie verstieß.

Handelnde Personen: Schwester Milgitha, 79, bürgerlich Paula Kösser, geboren im Münsterland als Tochter eines Försters. Sie war 38 Jahre lang Missionsschwester im Centre de Santé, Kaduha, Ruanda. Der deutsche Orden der Clemensschwestern, auch Barmherzige Schwestern genannt, vertreten durch die Generaloberin Charlotte Schulze Bertelsbeck. Der katholische Bischof von Münster, Felix Genn.

Zeit der Handlung: 1970er Jahre bis 2014. Kaduha ist ein Dorf in den Bergen von Ruanda. Die Hauptstadt Kigali liegt 130 Kilometer entfernt, die Grenze zum Kongo nur wenige Kilometer. Als Milgitha Anfang der Siebziger als eine der ersten Clemensschwestern dorthin kommt, gibt es nur schlammige Pisten ins Dorf, keine Infrastruktur. Mais pflanzt man, Sorghum, Bananen. Werden Kinder geboren, sterben die Mütter oft. Oder die Kinder sterben. Es gibt keinen Arzt. Es gibt nur Milgitha und ihr Centre de Santé, eine kirchliche Gesundheitsstation, die dank des Engagements der Schwester auch zur Mütterstation wird.

Zeitsprung ins Jahr 1994, das Jahr des Genozids: Anfang April beginnt das Morden. Männer, Frauen, Kinder, Alte – niemand bleibt verschont. Wer sind die Mörder? Hutu gegen Tutsi sagt man heute in der typischen Verknappung, die Vorgänge erklären soll, die unerklärlich sind.

Es dauert einige Tage, bis das Morden auch Kaduha erreicht. Die Bewohner flüchten in die kleine Kirche neben dem Gesundheitszentrum. Milgitha bringt Suppe, Medikamente, betet mit ihnen. "Vielleicht sind das alles nur Gerüchte." Dann kommt die eine Nacht, in der die Menschen sagen, sie müssten nun sterben. Milgitha möge gehen, sich in ihren Räumen verbarrikadieren. Es ist nach Mitternacht, als die Schreie beginnen, das Sausen der Macheten zu hören ist, die letzten gesungenen Hallelujas. Dann Stille. Erst am Folgetag wagt sich die Nonne zur Kirche. Sie öffnet die Tür, die Leichen fallen ihr entgegen. Sie hat eine kleine Kamera dabei und macht Fotos. "Das hätte mir sonst keiner geglaubt."

Im Laufe der kommenden Woche wird sie aus der Mission ein Waisenhaus machen. Mit Überlebenden durchkämmt sie die Umgebung nach Kindern, zieht sie aus Latrinen, Erdlöchern und Höhlen, liest sie vom Wegesrand auf. Die meisten sind traumatisiert, stumm, zittern vor Angst. Schließlich sind es 107 Waisen, die bei ihr wohnen. Kinder, die nachts schreien, die sich bei jedem Geräusch verstecken.

Um die Toten zu begraben, heuert Milgitha die Mörder an und bezahlt sie dafür. Sorgfältig legt sie eine Liste mit Namen und Entlohnung an, später wird man ihr vorwerfen, sie habe mit den Mördern paktiert. "Die Toten können die Toten nicht begraben", sagt sie zu ihrer Verteidigung. "Man kann sich ja heute nicht mehr vorstellen, wie das war. Ich weiß selber nicht, wie ich das damals geschafft habe."

Von Überlebenden erfährt sie, welche Priester und Bischöfe beim Völkermord mitmischten. Bis heute kann sie sich an jeden Namen erinnern. Eine Nonne, die zu viel weiß. Auch das macht sie zu einer Unbequemen innerhalb der katholischen Kirche.

Aber zunächst sorgt sie für die Waisen. Die vielen Kinder, die sie 1994 in ihr Haus nimmt, kosten Geld. Milgitha ist arm. Der Orden ist weit weg, nicht nur von der Distanz her, auch vom Begreifen dessen, was in Ruanda geschehen ist. Die Schwestern in Deutschland leben die Ordensregeln. Die Schwester in Afrika kämpft ums Überleben ihrer Schützlinge. Man bietet Milgitha an, sich psychologisch betreuen zu lassen. Sie will die Kinder nicht alleine lassen.

So organisiert sie das langsame Erwachen aus dem Albtraum auf ihre Weise. Bettelt um Spenden. Nimmt, was sie bekommt. Sie müsste die Spenden alle über das deutsche Mutterhaus laufen lassen. Das tut sie nicht. Sie habe die Bücher nicht korrekt geführt, sagt später der Orden. Und bezichtigt die Nonne in Ruanda der Unterschlagung – auch wenn es, wie es in einer Stellungnahme der Generaloberin heißt, "dafür keine Beweise" gebe.