Eine englische Übersetzung dieses Artikels finden sie hier

Was bei uns gerade im Streit um Russland und die Krim passiert, habe ich in dreißig Jahren Debattenerfahrung noch nicht erlebt. Es gab Themen, die das Land tief gespalten haben, wie die Atomkraft, und solche, die über Jahre Millionen Menschen auf die Straße gebracht haben, wie die Nato-Nachrüstung. Sogar eine Diskussion, bei der – wie auch jetzt – veröffentlichte und öffentliche Meinung schroff gegeneinanderstanden, hat es vor vier Jahren schon einmal gegeben. Doch erscheint die Sarrazin-Kontroverse gemessen an der Russlanddebatte im Nachhinein gut erklärlich und leicht fassbar.

Wenn die Umfragen nicht täuschen, dann stehen zurzeit zwei Drittel der Bürger, Wähler, Leser gegen vier Fünftel der politischen Klasse, also gegen die Regierung, gegen die überwältigende Mehrheit des Parlaments und gegen die meisten Zeitungen und Sender. Aber was heißt stehen? Viele laufen geradezu Sturm, bei den Leserbriefen scheint der Anteil der Kritiker noch deutlich höher zu sein als seinerzeit anlässlich von Sarrazins Buch.

Was mich daran am meisten irritiert, das sind jedoch nicht die Mehrheitsverhältnisse, sondern die Argumente. Schließlich geht es hier nicht um das Für und Wider von Mindestlohn oder Atomkraft, es geht um den Konflikt zwischen einem aggressiven Autokraten und den westlichen Demokratien.

Legitimität des Völkerrechts offensiv infrage gestellt

Viele Leser erwarten von uns Ausgewogenheit, was auch in diesem Fall völlig normal wäre, wenn denn lediglich über die Vernünftigkeit von Sanktionen oder über die Fehler der EU gestritten würde – da wäre ja alles demokratisch und menschenrechtlich so rum oder so rum im grünen Bereich. Tatsächlich jedoch wird die Legitimität des Völkerrechts offensiv infrage gestellt, die von Putins nationalistisch-imperialer Ideologie aber ernstlich erwogen. Man übernimmt das Gerede von "russischer Erde", als wäre so etwas heute noch ein valides Argument. (Würde jemals wieder von deutscher Erde geredet – was Gott verhüten möge –, dann wäre hier – hoffentlich – die Hölle los.)

All das bestürzt mich. Nur, Bestürzung hilft nichts, nur Verstehen hilft. Schließlich kann ja nicht binnen weniger Wochen die Mehrheit der Deutschen demokratisch verroht sein. Die meisten von denen, die zurzeit für die imperiale russische Politik Verständnis haben, die vielen Menschen, die jetzt einer Annexion der Krim das Wort reden, würden sich in ihrem wirklichen Leben scheuen, auch nur vorübergehend einen Behindertenparkplatz zu annektieren.

Was also ist hier los? Wieso in aller Welt kann es Putin gelingen, Deutschland zu spalten?

Es bringt nichts, der Mehrheit Ängstlichkeit zu unterstellen oder schnöden ökonomischen Egoismus, auch wenn das bei einigen Wirtschaftsführern offensichtlich das treibende Motiv ist. Auch die Vermutung, dass Russland für einige hier eine Art Utopia des Konservatismus sein könnte (starker Mann, tiefer Glaube, Schwule am Rande der Gesellschaft et cetera), führt nicht wirklich weiter, weil das gewiss nur ein Minderheitenprogramm ist.

Die Sache geht tiefer, viel tiefer.

Geschichte spielt eine Rolle, aber zunächst mal nicht die des letzten oder vorletzten Jahrhunderts (die Alten allein ergeben schließlich keine Zweidrittelmehrheit), sondern die der letzten 13 Jahre. Hier wurden offenbar Erfahrungen von Ohnmacht und Anmaßung gemacht, die so fundamental sind, dass sie selbst einen Wladimir Putin als diskutable Figur erscheinen lassen.