In Deutschland kommt jedoch noch etwas Entscheidendes hinzu: Geschichte. Über das, was Wladimir Putin sich aus der Vergangenheit zusammengeklaubt hat, um den Bruch des Völkerrechts zu legitimieren, soll hier weiter nichts gesagt werden. Einfach deswegen, weil die Historie heute kein Argument mehr gegen das Völkerrecht sein darf. Trotzdem spielt Geschichte hier eine gewaltige Rolle, nämlich die zwischen Deutschland und Russland. Die Nachkriegszeit war bei uns geprägt vom Ringen um Verdrängen oder Akzeptieren des Holocausts, von der deutschen Schuld an der Ermordung von sechs Millionen Juden. Andere Arten der Schuld blieben dahinter zurück, auch die am Tod von Millionen Russen. Der Anteil der sowjetischen Soldaten an der Befreiung Europas von Hitler stand im (west-)deutschen Gedenken weit zurück hinter dem der Westalliierten. Es gibt Gründe dafür, dass die Russen sich von der deutschen Erinnerungspolitik zu wenig gewürdigt finden, es gibt folglich Anlass für ein schlechtes Gewissen ihnen gegenüber.

Nicht zuletzt deswegen scheint nun hierzulande die Bereitschaft groß zu sein, den Russen eine "Einflusszone" zuzugestehen, denn: Sind sie nicht durch den Verlust ihres Sowjetimperiums schon genug gekränkt und gestraft, sollen nun ausgerechnet wir Deutschen ihnen die Ukraine streitig machen?

Ein wenig erinnert diese Mengenlehre der Schuld ans Jahr 1989. Da haben viele westdeutsche Linke auch gesagt, die deutsche Teilung müsse bestehen bleiben, sie sei eben die Strafe für Auschwitz. Das Argument hatte allerdings diese kleine, verlogene Pointe: dass allein die Ostdeutschen diese Strafe der Geschichte abzusitzen hatten.

Heute wird erneut mit Blick auf eine deutsche Schuld einem anderen Volk das Selbstbestimmungsrecht abgestritten: den Ukrainern. Sollen sie nicht in die EU dürfen, weil die Deutschen, zu Recht, gegenüber den Russen ein schlechtes Gewissen haben? Dass Deutsche und Russen abermals über das Schicksal der Ukraine entscheiden, wäre ein perverser Lerneffekt aus der Geschichte dieses Landes, das unter beiden Nationen wie kein anderes gelitten hat: Die Sowjetunion und Nazideutschland haben auf dem Territorium der Ukraine Abermillionen Menschen durch geplante Hungersnöte, Pogrome und Vernichtungsfeldzüge umgebracht. Nirgendwo in Osteuropa sind während der Jahre Stalins und Hitlers mehr Menschen gestorben als hier. Auch Millionen der "Russen", die durch deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg getötet wurden, waren tatsächlich ukrainische Sowjetbürger. Die derzeitige Debatte ignoriert die Verwüstungen, die NS- und Sowjetimperialismus im Land hinterließen. In der heutigen Krise rächt es sich, dass die Deutschen in ihrer kollektiven Erinnerung noch nicht beim Schicksal der Ukrainer als Ukrainer angekommen sind.

5. Versteckte Agenda

Die ganze Diskussion über Russland und Putin wird von der Unterstellung vergiftet, dass es einigen um viel mehr geht als um die Krim und die Ukraine. Diese Unterstellung trifft bei mir zu. Und das hat zu tun mit einer anderen Lesart der letzten 13 Jahre.

Die militärischen Interventionen des Westens in dieser Zeit sind für mich keineswegs Ausdruck einer imperialen Grundstimmung, die sich von Afghanistan bis Libyen jeweils andere Schauplätze gesucht hat. Ich deute sie ganz verschieden, mal als ideologisch motivierten Irrtum (Irak), mal als Tragödie (Afghanistan), mal als legitim (Libyen). Doch unabhängig davon, wie man diese Kriege bewertet, in der Summe haben sie zur Demilitarisierung des Westens beigetragen, moralisch und materiell. Wir sind immer weniger zur Intervention bereit, und die Rüstungsausgaben sinken, jetzt sogar in den USA.

In Deutschland verlief diese Entwicklung besonders rasch und radikal. Die Enttäuschung Afghanistan wurde nie richtig verarbeitet, zum Irakkrieg hat man Nein gesagt, zur Intervention in Libyen auch. Die jeweiligen Begründungen dafür, nicht mitzumachen, waren indes von der Art, dass man sich schwerlich überhaupt noch irgendeine größere militärische Intervention vorstellen kann, an der die Deutschen teilnehmen würden. Und wenn, dann nur unter hohem Druck der Verbündeten.

Doch hat sich auch im Falle der USA und Großbritanniens spätestens in Syrien gezeigt, dass die moralisch-politische Interventionsfähigkeit dieser beiden Länder mittlerweile gegen null tendiert. Der US-Präsident hatte gegenüber dem syrischen Regime eine rote Linie gezogen (Giftgas) und war dann nicht mehr in der Lage, zu handeln, als sie überschritten wurde. Auch David Cameron brach sofort die parlamentarische Legitimation weg.

Der Westen ist also militärisch an einem toten Punkt angekommen, weitere Großoperationen nach dem Vorbild der vergangenen 13 Jahre sind extrem unwahrscheinlich. Das kann man gut oder schlecht finden, aber die historische Frage, die nun im Raum steht, lautet: Verliert der Westen mit seinem letzten Mittel auch die Kraft, für seine innersten Werte zu kämpfen? Weicht er nun auch moralisch und machtpolitisch zurück, nur weil ihm das Militärische kaum noch zur Verfügung steht?

Damit sind wir zurück in der Ukraine. Sie ist gewissermaßen der erste Testfall in der (mehr oder weniger) postmilitärischen Phase westlicher Außenpolitik. Dass es keine militärische Lösung dieses Konflikts geben kann, haben alle führenden westlichen Politiker von Anfang an betont. Sterben für die Ukraine, das ist also ganz gewiss ausgeschlossen. Soll aber darum auch schon Frieren für die Ukraine dem Westen zu viel sein? Sind ernsthafte Sanktionen undenkbar geworden? Suchen wir nach Argumenten, um nichts tun und nichts riskieren zu müssen?

Mit dieser Frage im Kopf liest sich die gegenwärtige Lage besorgniserregend. Der Westen hat gegen die Annexion der Krim nicht mehr beschlossen als die mildesten Sanktionen, seit es Sanktionen gibt. Erst für eine weitere militärische Intervention in der Ukraine drohen wirtschaftliche Strafmaßnahmen. Und schon gegen dieses bisschen Ermannung werden in Deutschland Argumente aufgeboten, als drohe die Zerschlagung des russischen Reiches.

Geholfen hat an diesem Punkt allerdings auch nicht eben, dass vonseiten der USA, von der plötzlich aus dem Sarg schnellenden Nato und sogar von Ursula von der Leyen dann doch wieder ziemlich viel dahergeredet wurde über militärische Mittel, die eigentlich niemand anwenden will. Das Verlegen von Bombern oder gar Truppen ist ein Säbelrasseln, von dem jeder weiß: Dieser Säbel wird niemals eingesetzt. Der Westen ist erkennbar noch nicht bei sich. Weder seiner militärischen Schwäche ist er sich wirklich bewusst noch seiner nach wie vor gigantischen wirtschaftlichen Stärke, die den Einsatz von Bombern in aller Regel überflüssig macht.

So treffen in diesen Wochen Weltsichten aufeinander, die allem Anschein nach längere Zeit nicht miteinander ausgetauscht wurden. Die einen fühlen sich ohnmächtig gegenüber dem Westen, der EU und den Medien, die anderen fürchten sich vor einer Ohnmacht des Westens und der EU.

Putin hat Deutschland erst mal gespalten. Aber er hat uns auch wieder ins Gespräch gebracht. Hoffentlich.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio